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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2007 vom 23.12.2007
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Jesus Christus - der offenbare Gott

Luthers Theologie - Teil 9: Luthers Christusglaube - Christologie und Soteriologie


In vielen Predigten hat Luther das Evangelium von Jesus Christus verkündigt, in seinen Liedern besungen, in Briefen und Tischreden entfaltet und besonders in seinen theologischen Schriften bedacht und reflektiert. Jesus Christus steht im Mittelpunkt des gesamten Glaubens, Lebens und Denkens Luthers.

»Wer da will heilsam über Gott denken und spekulieren, der setze alles andere hintan gegen die Menschheit Christi« - Joseph Fiennes als Luther im gleichnamigen Film aus dem Jahr 2003.
Foto: sob
   »Wer da will heilsam über Gott denken und spekulieren, der setze alles andere hintan gegen die Menschheit Christi« - Joseph Fiennes als Luther im gleichnamigen Film aus dem Jahr 2003.

Da Jesus Christus von zentraler Bedeutung ist für den Glauben, brauchen wir Zugang zu ihm. Das Wort Gottes ist der grundlegende und zuverlässige Zugang zu ihm. Ja, die heilige Schrift ist für Martin Luther - im tiefsten Sinn - nichts anderes als Christuszeugnis.

Luther spricht deshalb davon, dass Jesus Christus die Mitte der Schrift ist, gleichsam das Wort im Wort Gottes, auf das alles ankommt. Das hat er klassisch in einer seiner Vorreden des Neuen Testaments so ausgedrückt: »Denn das Amt eines rechten Apostels ist, dass er von Christi Leiden und Auferstehung und Amt predige, und lege desselbigen Glaubens Grund.«

Fast der Hälfte der Predigten Luthers liegen Texte aus den Evangelien zugrunde. Luther versucht darin, ähnlich wie der Apostel Paulus es auch von sich sagt, der Gemeinde möglichst anschaulich Jesus Christus »vor Augen zu malen«. Dabei geht es ihm freilich um mehr, als nur ein Bild des irdischen Jesus zu vermitteln, also Jesus als geschichtliche Gestalt der Vergangenheit zu beschreiben. Er will auch nicht bloß Jesus als Vorbild und Beispiel eines Gott wohlgefälligen Lebens hinstellen. Luther will vielmehr Jesus Christus als unseren Heiland und Retter zeigen, der sich für uns hingibt und für uns zur Heilsgabe Gottes wird. Die Christuspredigt soll zum Evangelium als froher und befreiender Botschaft für uns werden.

»Unter dem Kreuz Christi: Martin Luther und der sächsische Kurfürst Johann Friedrich. Titelblatt des Neuen Testaments, in Wittenberg gedruckt von Hans Lufft 1546, Holzschnitt von Lucas Cranach d.Ä.
Foto: sob
   »Unter dem Kreuz Christi: Martin Luther und der sächsische Kurfürst Johann Friedrich. Titelblatt des Neuen Testaments, in Wittenberg gedruckt von Hans Lufft 1546, Holzschnitt von Lucas Cranach d.Ä.

Luther macht deutlich, dass für ihn Christologie und Soteriologie (Lehre von der Erlösung) untrennbar zusammengehören: »Durchs Evangelium wird uns kundgetan, was Christus sei, dass wir ihn lernen kennen, also dass er unser Heiland ist, nimmt von uns Sünde und Tod und hilft uns aus allem Unglück, versühnet uns gegen den Vater und machet uns ohne unsere Werke fromm und selig. Wer nun Christus nicht also erkennet, der muss fehlen (irregehen). Denn ob du schon weißt, dass er Gottes Sohn ist, gestorben und auferstanden, und sitzet zur Rechten des Vaters, so hast du dennoch noch nicht recht Christus erkannt, hilft dir auch noch nicht, sondern du musst das wissen und glauben, dass er es alles um deinetwillen getan hat, dir zu helfen«.

Luthers Lied »Nun freut euch, lieben Christen g'mein« (EG 341) macht diese Sichtweise Jesu besonders in den Versen 5 bis 8 deutlich:

5 Er (Gott) sprach zu seinem lieben Sohn: »Die Zeit ist hier zu erbarmen; fahr hin, mein's Herzens werte Kron' und sei das Heil dem Armen und hilf ihm aus der Sünden Not, erwürg für ihn den bittern Tod, und lass ihn mit dir leben.«

6 Der Sohn dem Vater g'horsam ward, er kam zu mir auf Erden von einer Jungfrau rein und zart; er sollt mein Bruder werden. Gar heimlich führt er sein Gewalt, er ging in meiner armen G'stalt, den Teufel wollt er fangen.

7 Er sprach zu mir: »Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen; ich geb' mich selber ganz für dich, da will ich für dich ringen; denn ich bin dein, und du bist mein, und wo ich bleib', da sollst du sein, uns soll der Feind nicht scheiden.«

8 Vergießen wird er mir mein Blut, dazu mein Leben rauben; das leid ich alles dir zugut, das halt mit festem Glauben. Den Tod verschlingt das Leben mein, mein Unschuld trägt die Sünde dein, da bist du selig worden.

Der Kern des Glaubens: »Christum recht erkennen«. Luther als Augustinermönch im Lutherfilm von 2003.
Foto: sob
   Der Kern des Glaubens: »Christum recht erkennen«. Luther als Augustinermönch im Lutherfilm von 2003.

Luther übersetzt hier die Christologie praktisch ganz in Soteriologie (Erlösungslehre), verwandelt die Statik der griechischen Zwei-Naturen-Lehre (Christus ist zugleich göttlicher und menschlicher Natur) in biblisch gefüllte Handlung und Bewegung. Das geschieht dichterisch sehr eindrucksvoll durch die Einführung von Zwiegesprächen zwischen Vater und Sohn beziehungsweise zwischen Christus und dem Menschen. Die Präexistenz Christi (Johannes 1,1) wird angedeutet durch das Gespräch des Vaters mit dem Sohn, in dem der Vater Christus den Auftrag zur Rettung des Menschengeschlechts erteilt.

Es genügt Luther, so das Woher des Retters zu beschreiben. Denn es geht ihm darum, im Handeln Gottes das Erbarmen (Vers 4) zu veranschaulichen: in der Sendung des Sohnes, den sich der Vater vom Herzen reißt (»Er ließ's sein Bestes kosten«), mit dem Ziel der Überwindung der Sünde (Vers 5), in dem Gehorsam des Sohnes gegen den Vater, der sich darin zeigt, dass er den von Gott gewiesenen Weg auf die Erde geht (Vers 6), wobei er seine Gottheit nicht mehr zeigt, sondern verbirgt (»gar heimlich führt er sein Gewalt«), mit der letzten Konsequenz, unsereiner zu werden, nämlich »mein Bruder«, der unsere arme Menschengestalt annimmt, der gekommen ist, das Böse zu besiegen.

Das Lied erreicht den Höhepunkt in Vers 7, in dem nun Christus zu Luther - und damit zu uns allen - spricht und ihm in einer wunderbaren Verheißung »die süße Wundertat« Gottes offenbart: »Halt dich an mich ... ich geb' mich selber ganz für dich, da will ich für dich ringen, denn ich bin dein, und du bist mein, und wo ich bleib', da sollst du sein, uns soll der Feind nicht scheiden.«

Eine Brücke zum Menschen in der Sprache der Liebesmystik

Mit den Worten des innigsten Liebesliedes des Mittelalters, in der Sprache der Liebesmystik, schlägt Christus die Brücke zum Menschen. Er fordert nichts von ihm, er gibt ihm sich selbst und damit alles, er kämpft für ihn, er schützt ihn, er hält ihn, er reißt ihn hindurch, er ist alles für ihn und das in inniger, liebender Verbindung und Gemeinschaft. Er hilft nicht von oben herab oder von außen, sondern von unten, unter vollem eigenem Einsatz.

Wie, das beschreibt die 8. Strophe, die die Passion und den Kreuzestod Christi andeutet, aber eben nicht als nackte Tatsache, auch nicht in abstoßenden Details, nicht blutrünstig, auch nicht als Opfer an Gott, sondern eigentlich verursacht durch den Teufel. Von Seiten Christi ist das Ausdruck der unbedingten Liebe und Hingabe: »Vergießen wird er mir mein Blut, dazu das Leben rauben; das leid ich alles dir zugut, das halt mit festem Glauben.«

Die menschliche Antwort auf dieses große Geschenk kann nur die dankbare Annahme sein, eben der Glaube, das Vertrauen darauf, dass diese Heilstat Christi mir gilt und mich rettet. Mehr bedarf es nicht, als diese Zusage sich gefallen zu lassen. Dem »solus Christus« (allein Christus) entspricht auf Seiten des Menschen das »sola fide« (allein aus Glauben).

Darin liegt auch die Anerkennung der Tatsache, dass dies nur Er vollbringen konnte, nicht wir, und wir darum uns das wirklich schenken lassen müssen. Das wird in Vers 8 von Luther noch besonders hervorgehoben: »Den Tod verschlingt das Leben mein, mein Unschuld trägt die Sünde dein...« Hier beschreibt Luther in einem auch dichterisch großartigen Chiasmus den »fröhlichen Tausch« zwischen Christus und uns. Wo dieser geschieht, wo wir das im Glauben ergreifen, da ist alles Entscheidende geschehen: Da sind wir am Ziel, da ist alles gut, da öffnet sich die Tür des Vaterhauses und zum Paradies, da fällt alles Trennende zwischen Gott und uns dahin, da haben wir Frieden mit Gott, kurz - da darf es schlicht und doch gewaltig so heißen, wie es Luther hier dichtet: »Da bist du selig worden.«

Luther wusste: Erst im Glauben wird das, was Jesus Christus war, gebracht und getan hat, für mich gültig und wirksam. Der Glaube eröffnet den Zugang zu Christus und damit zum Heil. Luther warnte: »Man findet ihrer viele, die da sagen: Christus ist ein solcher Mann, der Sohn Gottes, geboren von einer keuschen Jungfrau, ist Mensch geworden, gestorben und vom Tode wieder auferstanden und so fortan - das ist alles nichts. Dass er aber Christus sei, das ist: dass er für uns gegeben sei, ohne alle unsere Werke, ohne alle unsere Verdienste uns den Geist Gottes erworben hat und gemacht zu Kindern Gottes, auf dass wir einen gnädigen Gott hätten, mit ihm Herren würden über alles, was da ist im Himmel und auf Erden, und dazu das ewige Leben hätten durch den Christum - das ist der Glaube und heißt Christum recht erkennen.«

 

  IN DER NÄCHSTEN AUSGABE LESEN SIE: Weiß ein Kind von sieben Jahren wirklich, was die Kirche sei? - Luthers Lehre von der Kirche.

LUTHERS THEOLOGIE

Luther - die Sonntagsblatt-Serie

 

Sonntagsblatt-Serie zur Theologie des Reformators

 

ZEHN JAHRE SIND ES NOCH bis zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation, die im Jahr 1517 mit dem Wittenberger Thesenanschlag ihren Anfang nahm.

LUTHER ZÄHLT IMMER NOCH zu den beliebtesten und bekanntesten Deutschen. Aber wie war das eigentlich mit Luther?

DER GRUNDWASSERSPIEGEL an Glaubenswissen ist generell am Sinken, Luther ist für die meisten Kirchenmitglieder der große Unbekannte, seine Theologie ein brachliegendes Kapital. Diesen Schatz will die Sonntagsblatt-Serie »Luthers Theologie« heben: Sie will etwas vom Reichtum der lutherischen Theologie weitergeben.

 

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Hanns Leiner

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:14 Uhr

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