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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2007 vom 23.12.2007
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Sagen Sie mal, Hirtin...

Interviews mit Personen der Bibel (251)


Hat es Sie überhaupt gegeben? Kritiker der »Bibel in gerechter Sprache« zweifeln daran.

Anbetung der Hirten, Correggio, 1530, Dresden, Gemäldegalerie.
Foto: sob
   Anbetung der Hirten, Correggio, 1530, Dresden, Gemäldegalerie.

  ...zunächst muss ich mich entschuldigen bei Ihnen: Bislang habe ich Sie überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Und auch in meiner Weihnachtskrippe stehen Sie nicht!

Hirtin: Es sei Ihnen verziehen. Sie sind übrigens auch nicht der Einzige, der dachte, in Betlehem hätten nur Männer die Schafe gehütet. Dass wir Hirtinnen jahrhundertelang schlicht vergessen wurden, gehört zu den Ungerechtigkeiten der Kirchengeschichte. Auf welche Weise haben Sie mich denn entdeckt?

  In einer neuen Bibelübersetzung. Die »Bibel in gerechter Sprache« bemüht sich darum, die Frauen des Evangeliums nicht länger zu vergessen. In der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums heißt es dort: »Und es waren Hirten und Hirtinnen auf den Feldern...« In sämtlichen anderen Bibelübersetzungen ist nur von Hirten die Rede.

Hirtin: Eine Frechheit.

  Ja. Und Sie glauben ja gar nicht, wie viele Menschen sich ereifern darüber, dass ihre geliebte Weihnachtsgeschichte nun anders klingt! Sogar die renommierte Süddeutsche Zeitung machte sich lustig!

Hirtin: Das ist in der Tat schwer nachzuvollziehen. Denn immerhin besingen mich Millionen Christen am Heiligabend: »Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau'n, / kommet, das liebliche Kindlein anzuschau'n.« Aber wahrscheinlich wird dieses Lied schon so selbstverständlich gesungen, dass niemand mehr drüber nachdenkt. Übrigens haben einige Künstler, vor allem im Mittelalter, wunderschöne Hirtinnen auf ihren Weihnachtsbildern abgebildet.

  Die habe ich entdeckt - aber auch erst jetzt, nachdem ich von Ihrer Existenz erfahren habe. Eine wirkliche Bereicherung. Was ich außerdem entdeckt habe: In vielen Kinder-Weihnachtsbüchern werden Sie ebenfalls erwähnt.

Hirtin: Das wundert mich gar nicht. Kinder blicken anders als Erwachsene auf die Krippe in Bethlehem. Ihnen ist es selbstverständlich, dass neben Männern auch Frauen das Jesus-Kind begrüßen und bestaunen.

  Wie war Ihnen als Frau denn zu Mute, als Sie im Stall von Bethlehem den Retter der Welt in Windeln liegen sahen?

Hirtin: Ein fantastisches Gefühl. Fast unglaublich. Jedes Baby ist ein Wunder - aber von diesem Knaben ging eine solche Ausstrahlung aus... Allerdings muss ich Ihnen gleichzeitig sagen: Die Romantik des Augenblicks hielt sich in Grenzen. Es waren ja wirklich ärmlichste Verhältnisse. Was für eine Situation für die Mutter! In einem Stall, neben Ochse und Esel, ein Kind zu gebären! Unvorstellbar. Aber eben doch wahr. Ich hab's mit eigenen Augen gesehen. Und mir gewünscht, dass ich mein Kind einmal statt im Stall in einem warmen Haus zur Welt bringen kann.

  Und Ihre Hirtenkollegen?

Hirtin: Waren natürlich auch gerührt. Ein ganz normaler Arbeitstag, draußen auf dem Feld - und dann so etwas! Das hat selbst den hartgesottenen Kerlen Rührungstränen in die Augen getrieben. Unwillkürlich knieten wir alle uns hin. Mit dem Wort »Ehrfurcht« lässt sich am besten beschreiben, was wir fühlten.

  Wirkte diese Heilige Nacht in Ihrem Leben fort?

Hirtin: Diese Nacht konnte ich nie vergessen. Seitdem hat sich mein Lebensgefühl völlig verändert. Zwei Dinge habe ich gelernt. Zum einen: Zu jedem Zeitpunkt kann das Göttliche in dein Leben treten - am ehesten, wenn du es am wenigsten erwartest. Und: Zuerst waren nicht die Schönen und Reichen an der Krippe, sondern wir ganz normalen Menschen. Gott ist für Überraschungen gut. Immer wieder.

Eine » Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie » hier...

 

ZUR SACHE

HIRTIN: In der Nacht, als Jesus geboren wurde, waren Hirten und Hirtinnen die ersten Menschen, denen die frohe Botschaft verkündet wurde: »Euch ist heute der Heiland geboren...« Sozialgeschichtlich arbeitende Neutestamentler sind der Überzeugung, dass damals in Bethlehem sowohl Männer als auch Frauen als Hirt(inn)en gearbeitet haben. Die »Bibel in gerechter Sprache« berücksichtigt dieses Forschungsergebnis in ihrer Übersetzung.

QUELLE: Lukas 2, 8-21 (Nachschlagen bei  » bibel-online.net:  Lk 2,8).

@ Haben Sie Fragen an Menschen aus der Bibel? Stellen Sie sie ins Internet unter:  www.sagen-sie-mal.de

Interview: Uwe Birnstein

 


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/news/aktuell/2007_51_35_01.htm
abgerufen 09.02.2012 - 00:43 Uhr

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