Leben in guter Balance
Sonntagsblatt-Sprechstunde
Nach einem schweren Herzinfarkt meldet sich die Sehnsucht nach einem spirituell erfüllteren Leben.
Ich habe vor drei Monaten einen schweren Herzinfarkt überlebt.
In der ersten Zeit in der Klinik habe ich vor allem gelernt, auf meinen Körper zu achten. Auf den Speisezettel zu sehen, auf die Waage zu gehen und täglich für genügend Bewegung zu sorgen.
In der Nachsorge kam die Seele dazu. Ganz neu war es, mich nicht mehr nur als Opfer zu sehen. Bisher hatte ich immer angenommen, die Firma mit ihrem Arbeitstakt war schuld, die Familie mit ihren vielen Wünschen und Ansprüchen, meine Umwelt war schuld. Jetzt lernte ich, wie ich mich selbst immer mehr in die Krankheit hineinlebte. Mit meiner Arbeitswut, mit meinem Perfektionismus, mit meiner Unfähigkeit, Nein zu sagen.
Vor ein paar Tagen, gerade zur Halbzeit meiner Reha, wies mich mein Zimmernachbar auf das Sonntagsblatt hin, das hier in der Klinik aufliegt. Seit Jahren war es der erste Kontakt zu meiner Kirche. Ich begann zu lesen und merkte immer deutlicher, wie sehr die religiöse Dimension bei mir abhanden gekommen war. Früher einmal, lange ist das her, habe ich Luthers Katechismus auswendig gelernt. Habe, im Konfirmandenunterricht, Lieder und Gebete memoriert.
Aber in all den Jahren ist mein Leben aus der Balance geraten, und vielleicht auch gerade deswegen. Meine Bitte an Sie: Wie kann ich denn wieder »einsteigen«? Wo bekomme ich einen Faden in die Hand, der mich dann weiterführt?
Herr F.
Zunächst einmal gratuliere ich Ihnen zu den Schritten, die Sie getan haben. Achtsamkeit für den Körper und für die Seele tragen ganz wesentlich dazu bei, dass unser Leben in eine gute Balance kommt.
Die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, das trägt ganz wesentlich dazu bei. Es gibt wenig Bewegungsraum, wenig Spielraum, wenn wir uns überall nur als Opfer sehen. Sie haben aus dieser Rolle herausgefunden. Haben ein Gespür dafür bekommen, wie Sie sich selbst »gekränkt« haben. So lange, könnte man in einem Wortspiel sagen, bis Sie tatsächlich »krank« wurden.
In all diesen Schritten schwingt auch eine religiöse Dimension mit. Luthers Katechismus - erinnern Sie sich noch? - spricht davon, dass Gott uns geschaffen hat mit Leib und Seele, dass er uns Augen und Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und erhalten will.
Die Gesangbuchlieder und Psalmgebete reden manchmal ganz unmittelbar unsere Seele an. »Du, meine Seele singe« heißt es da, oder »Was betrübst du dich, meine Seele?«.
Vielleicht, so sagen Sie, ist Ihr Leben auch an dieser Stelle aus der Balance geraten, und Sie fragen nach einem Faden, der Sie weiterführt. Der beste Faden im Moment ist ein Gesprächspartner, meine ich. Jemand, der Ihnen zuhört und mit Ihnen weiterdenkt. Erkundigen Sie sich doch bitte im Empfangsraum Ihrer Klinik, mit welcher Seelsorgerin oder welchem Seelsorger Sie sich in Verbindung setzen können, und bitten Sie dann um deren oder dessen Besuch. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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