Durch Licht und Dunkel
Die zwölf heiligen Nächte erleben: Ein Weg von Weihnachten bis Epiphanias
Von
Jörg Zink
Der Geschichte von Bethlehem nachgehen, schlägt der evangelische Theologe Jörg Zink für die Nächte zwischen dem Weihnachtsfest und dem Erscheinungsfest vor. Das Leben gewinnen, durch den Abstieg zu den Armen und den Bedrängten und hin zur Ausdehnung der Liebeskraft und selber weit werden, das ist das Ziel.
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sob
 Sternennacht, Vincent van Gogh, 1889, New York, Museum of Modern Art.
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Die alten Völker unseres mittel- und nordeuropäischen Raums und viele andere kannten eine Folge von zwölf heiligen Nächten. Zwischen dem Fest der Wintersonnenwende und dem neuen Aufstieg des Lichts wurden sie gefeiert oder besser, wurden sie erfahren und durchgestanden. Denn sie waren keineswegs Zeiten des Lichts und der Freude, sondern der Finsternis und der losgelassenen bedrohlichen Mächte. In diesen Nächten waren Götter und Geister, dämonische und zwielichtige Mächte nahe.
Das wilde Heer Wotans stürmte in den Winternächten über die Waldgebirge, Frau Holle erschien in der Dunkelheit, von dem Heer der verstorbenen Kinder umgeben, die Toten gingen um. Und unberechenbare Mächte trieben ihr Unwesen, der Schimmelreiter, der Klapperbock und die Himmelsgeiß, und mit Amuletten, mit Räucherwerk und Beschwörung schützte man Haus und Hof.
Von den »Nächten der Mütter« sprach man unter den Angelsachsen, und mit den »Müttern« rührte man an das dunkle Geheimnis, das über der Geburt und dem Tod liegt, mit den »Müttern« nannte man Quelle, Segen und Gefahr, Heimat und Abgrund für das atmende Leben zugleich.
Nun erzählen die Nächte der Mütter von der einen, die die Mutter des Herrn war: Maria. Von dem schlichten, einfachen Menschenkind, das Gott dazu bestimmte, die Mutter dessen zu sein, der ein Bruder aller Menschen war. Sie erzählen nicht mehr von dem Heer der toten Kinder, sondern von der Geburt eines Kindes, nicht mehr von Reitern und gespenstischen Tieren, sondern von den lichten Boten Gottes, die man Engel nennt, und von dem Frieden, den Gott auf dieser Erde stiftet.
 Foto:
AP
 Zug der drei Magier, Fresko im Kloster Kalamiou, Losios-Schlucht, Griechenland, 1705.
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Vielleicht können uns heutigen Menschen die zwölf heiligen Nächte zu einem Muster werden für den Weg, den wir durch diese Welt der Lichter und der Dunkelheiten gehen, damit uns die Tage gelingen. Der Nacht geben wir uns hin und dem Wort, das in ihr ergeht, damit nicht die Nachtgespenster, die Träume und Schrecken unsere Tage verdüstern, die Nachtgespenster vor allem in unserer eigenen Seele.
Aber Weihnachten ist nicht einfach ein Lichterfest. Das Kind kommt in einem Stall oder einer Höhle zur Welt. Dort gab es höchstens eine trübe Öllampe als Beleuchtung. Wer einfach ein Fest des Glanzes, des Genießens oder des Beschenktwerdens aus ihm macht, wird es nicht verstehen.
Die Nächte erleben, damit die Tage gelingen
Das Licht der Weihnacht ist ein kleines, vom Verlöschen bedrohtes Licht. Das bleibt es, auch wenn es uns zunächst von etwas Schönem erzählt: Von der Geborgenheit eines wehrlosen Kindes. Von Ochs und Esel, von warmem Stroh, von einem Dach und von einem Kreis freundlicher, behutsamer Menschen, der es umgibt. Die Fülle an Licht, die zur Weihnachtszeit in unseren Städten erstrahlt, aber hat offenbar den Sinn, viel in den Menschen sitzende Dunkelheit zu verdrängen.
Das Christfest meint ja nicht die Allerweltsweisheit, auf jede Nacht folge ein Morgen oder auf »jeden September wieder ein Mai«. Ich stelle mir vor, wie eine Nachtschwester die heilige Nacht zwischen den Betten schwerkranker Menschen verbringt oder wie hoffnungslos mancher Arbeitslose über das Fest hinüber ins neue Jahr sieht, in welches Elend mancher gerät, der als unerwünscht aus unserem Land ausgewiesen wird. Ich werde dabei mit einem Lichterfest wenig anfangen.
Wenn ich durch eine Stadt gehe, sehe ich Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Ich sehe Jugendliche, die niemand braucht. Sehe ich in die Wohnungen, so begegne ich zerstörten Familien, Kindern, die niemand schützt, oder Schwermütigen, für die das Leben unerträglich geworden ist. Sehe ich in eine Strafanstalt, so begegne ich einer Enge und Verschlossenheit, die der Verschlossenheit und inneren Enge manches freien Menschen auf der Straße durchaus entspricht.
Eines der stärksten Weihnachtsgedichte stammt von Theodor Storm. Es lautet:
Weihnachtsabend 1852
Die fremde Stadt
durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend,
die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war's;
durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel
und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom
mich fortgespült,
Drang mir ein heiser
Stimmlein in das Ohr:
»Kauft, lieber Herr!«
Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich
Spielzeug vor.
Ich schrak empor;
und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches
Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts
es mochte sein,
Erkannt ich im
Vorübertreiben nicht.
Nur von dem Treppenstein,
darauf es saß,
Noch immer hört ich,
mühsam wie es schien:
»Kauft, lieber Herr!« den
Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner
ihm Gehör verliehn.
Und ich? - War's Ungeschick,
war es die Scham,
Am Weg zu handeln
mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner
Börse kam,
Verscholl das Stimmlein
hinter mir im Wind.
Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfasste mich die Angst
im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind
auf jenem Stein
Und schrie' nach Brot,
indessen ich entfloh.
Das ist nicht, wie uns scheinen will, eine moralische Frage, sondern eine Frage unseres Wissens oder Nichtwissens um jene Art Licht, die uns am Christfest besucht. Es war noch in meiner Kindheit Sitte unter Christen, dass die Weihnachtsstube erst aufging, nachdem Kinder ebenso wie Erwachsene irgendjemanden, der »in Finsternis und Schatten des Todes« saß, besucht hatten.
Der innere Weg
Danach, wenn wir einen solchen Weg gegangen sind, könnte uns die Zeit zwischen dem Heiligen Abend und dem Erscheinungsfest auch einen inneren Weg für uns selbst zeigen. Was können wir in uns bewegen in der Zeit der »Heiligen Nächte«? Das liegt in unserer Freiheit, und was ich vorschlage, ist nur eine Folge von Möglichkeiten, der Geschichte von Bethlehem nachzugehen.
Aufbrechen
Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit einer Erzählung, die uns einige Mühe macht: Ein Mädchen, eine junge Frau bemerkt, dass sie schwanger ist. Und während eine dunkle Angst nach ihr greift vor dem Gerede der Leute, vielleicht auch vor dem harten Schicksal, das die Justiz ihres Landes für ihren Fall vorsah, hört sie ein Wort und sagt ihr Ja: »Mir geschehe, wie du gesagt hast.« Sie hört eine Stimme in ihr selbst, die nicht ihre eigene ist, und geht den Weg, der ihr gewiesen wird. Es ist die Geschichte eines Entschlusses und eines Aufbruchs. Wir können ihr in der ersten Nacht nachgehen.
Suchen
Die zweite Nacht könnte sich der Notiz zuwenden, die erwähnt: »Sie fanden keinen Raum in der Herberge.« Maria und Josef irren von Absteige zu Absteige und kommen schließlich in einem Stall unter, vielleicht in einer der vielen Höhlen um Bethlehem, in denen man das Vieh zusammentrieb. Wir könnten beim Nachdenken über diese Suche uns selbst auf zweifache Weise begegnen: Als die, in denen ein fremdes Schicksal Raum und Schutz sucht, und als die, die selbst heimatlos und unbehaust bleiben, wenn nicht ein anderer uns seine Tür öffnet. Wir müssen schon sagen: Hier, wo ich stehe, bin ich Gottes Gast. Und wir müssen hinzufügen: Hier, wo ich stehe, kann ich selbst zu Gottes Gastgeber werden.
Bergen
Eine dritte Nacht: Wir betrachten eines jener Bilder, die die Mutter und ihr Kind zeigen. Auf einer Postkarte oder einer Gruppe aus Ton. Vielleicht eines, das nicht das nackte Kind in der Krippe zeigt, sondern das geborgene im Arm der Mutter. Es hat mich schon in meiner Kindheit an unserer Familienkrippe sehr gestört, dass Maria ein so prächtiges Gewand trug und keinen Zipfel davon für ihr Kind übrig hatte. Denn im Grunde sehnt sich jede und jeder unter uns danach, das Leben möchte etwas an sich haben von einer bergenden Kraft, einer vertrauenswürdigen und wärmenden, und man brauchte sich nicht Tag und Nacht um sein Überleben zu sorgen. Wir reden von den Armen Gottes, in die wir uns legen könnten, um nicht nur Schutz, sondern auch einen guten und gesunden Schlaf zu finden, solange die Nacht währt.
Öffnen
Eine vierte Nacht könnten wir im Freien zubringen, vielleicht unter dem sternklaren Himmel. »Es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herden.« Hören wir diesen Satz, dann hat die Geburt in Bethlehem nicht im Winter, sondern im Sommer nach der Ernte stattgefunden. Denn die Familien der wandernden Schafhirten waren in der Regenzeit draußen in der Wüste Juda. Auf den Feldern bei den Dörfern der Bauern waren sie im Sommer, wenn die Wüste kein Gras hatte und wenn es galt, die Reste der Frucht abzuweiden und die Felder zu düngen. Dieses Gesetz des Weidewechsels galt im Nahen Osten seit vielen tausend Jahren. Aber was soll's? Wichtig ist, dass wir lernen, unter einem offenen Himmel zu stehen, uns selbst ihm zu öffnen und zu hören, was uns gesagt wird. Dass wir Zugang finden zu jener anderen Wirklichkeit, aus der uns eine Stimme anredet und uns ein Ziel nennt, zu dem unser Weg uns führen soll.
Bewahren
An einem fünften Abend könnten wir in eine stille Kirche gehen, und wenn die evangelische verschlossen sein sollte, dann in eine katholische. Jeder Kirchenraum wird evangelisch dadurch, dass das Evangelium in ihm erzählt wird. Wir säßen dann nur ganz einfach eine halbe Stunde da und stellten uns vor, wie jene Männer und gewiss auch Frauen vom Feld beim Christuskind ankamen und es anbeteten. Wir versuchten, in dieses einfache Gegenwärtigsein, das wir »Anbetung« nennen, hineinzufinden. Länger waren die Hirten gewiss nicht im Stall. In einem Raum sein, in dem Jahrzehnte oder Jahrhunderte gegenwärtig sind, in dem alles bewahrt ist, was je in ihm gesprochen, gesungen, gebetet, geklagt oder gedankt wurde, wie in einem großen Gedächtnis. Und die eigene Klage, den eigenen Dank einbringen in einen Raum, in dem der uns nahe ist, der einmal ein Kind war.
Bleiben
Einen sechsten Abend könnten wir auf einem längeren Gang übers Feld als Rückweg erleben. Als die Hirten zurückgingen, waren der Himmel und die Erde dunkel und ohne die großen Lichterscheinungen. Ohne himmlischen Gesang. Vielleicht ging ihnen dabei auf, dass der offene Himmel erfahren werden kann in einer Stunde der Gnade, und dass es danach nötig ist, nachzudenken. Zu prüfen, was uns denn da berührt hat. Christlicher Glaube versteht sich nicht von selbst. Er will bedacht sein. Solange, bis klar ist: Hier redet einer zu uns über eine große Ferne herüber. Er kommt uns, wenn er will, nahe. Er will, dass wir in dieser Nähe bleiben, auch wenn unser Weg uns hinausführt in irgendeine Art von Wüste.
Folgen
Eine siebte Nacht könnten wir verträumen. Etwa mit Josef zusammen, dem Träumer. Denn Josef ist ja nicht die senile Randfigur, als die er gelegentlich gemalt wird. Er ist ein hellwacher Mensch, der seinen Weg geht, der sich aber - und das wäre von ihm zu lernen - von Träumen führen lässt. Vier Träume werden erzählt. Viermal wurde er von einem Engel im Traum angeredet und viermal nahm er daraufhin seinen Weg unter die Füße.
Der erste steht Matthäus 1,19-21, der zweite Matthäus 2,13, der dritte Matthäus 2,20 und der vierte Matthäus 2,22-23. Das ist schon erstaunlich! Viermal lässt sich ein erwachsener Mann von einem Traum führen. Viermal stellt er seine eigene Tatsachenkenntnis und Absicht hintan. Ist das Kind sein Kind? Offenbar nicht. Und doch bleibt er. Um dieses Kindes willen nimmt er das Schicksal eines Flüchtlings auf sich, bis er nach Jahren in Ägypten wieder nach Hause gewiesen wird. Was wir dabei finden können? Vielleicht doch den Anfang einer Aufmerksamkeit auf Weisungen, die an uns ergehen und die unseren eigenen Weg meinen.
Was hat Zukunft?
Eine achte Nacht könnten wir damit zubringen, dass wir - vielleicht in der Nacht zum neuen Jahr - über unseren eigenen Lebenslauf nachdächten. Wir könnten von der Zeit an, als wir ein Kind waren, über die Zeit unseres Heranwachsens bis in den gegenwärtigen Augenblick herein dem nachspüren, was uns geprägt hat, was uns bewahrt, was uns reich oder arm gemacht hat, was wir gefunden haben oder erträumt oder angerichtet. Wir könnten alles, was da war, dem in die Hände zurücklegen, der uns bis hier geführt hat. Was Maria und Josef nach ihrem langen Weg nach Hause brachten, war ein lebendiges Kind. Und wir können uns fragen, was denn das »Kind« sei, das uns auf unserem Weg geschenkt wurde. Was hat in uns neu angefangen? Was in uns hat Zukunft? Und danach könnten wir den Schritt tun ins neue Jahr, das Kind Gottes in uns.
Danach könnten wir in der Zeit bis zum Fest der Erscheinung Gottes noch für einige Abende das eine oder andere vorsehen, das uns beim Lesen der Weihnachtsgeschichte einfallen will. Wir feiern ja an Weihnachten, dass Gott aus seiner fernen Höhe absteigt in unsere Menschenwelt. Als Jesus seine erste Rede hielt, sagte er, sein Auftrag sei es, abzusteigen zu den Armen und den Bedrängten. Später zeigt er uns die eine Hauptrichtung, in der unser Lebensweg verlaufen solle, nämlich weg von allen Ansprüchen, allen Würden und jeder Form von Herrschaft hin zu unserem Werk unten an der Erde. Steige ab, sagt Jesus, bis du auf Augenhöhe bist mit dem, der deiner Liebe bedarf.
Danach zeigt er die zweite Hauptrichtung: Nämlich die Ausdehnung unserer Liebeskraft. Wir lieben einen Menschen. Wir lieben, die uns nahe zugehören. Aber wir sind aufgerufen, weit zu werden, die Fernen zu lieben, die Fremden und immer weiter hinaus bis zu denen, die wir fürchten oder die wir für böse halten. Weihnachten sagt: Gott liebt dich. Und er liebt die Welt.
Und schließlich, auf den Tag der drei Sterndeuter zu: Die Aufmerksamkeit gewinnen für die Zeichen der Zeit, denen nachzugehen einer der Aufträge des neuen Jahres sein wird. Denn das sagt uns die Weihnachtsgeschichte: Geh in die vielerlei Verflechtungen des Menschenlebens, und zwar in der Freiheit, die dein Glaube dir gibt. Steige ab und liebe. Und dann tu, was du willst und kannst. Tu es in der Kraft Gottes, die dich segnet auf deinem Weg durch das neue Jahr. | ZWÖLF NÄCHTE
Buchtipp
Jörg Zink: Zwölf Nächte - Was Weihnachten bedeutet. Herder-Verlag, Freiburg, 2005, 175 Seiten, 8,90 Euro. ISBN 978-3-451-05076-3
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