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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2007 vom 23.12.2007
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Fassungslosigkeit in Rummelsberg

Chef von Diakonie-Unternehmen soll Mitarbeiter sexuell belästigt haben

Von Peter Reindl

Noch vor wenigen Tagen war Karl Heinz Bierlein hoch geachteter Spitzenrepräsentant eines Diakonie-Unternehmens mit 6100 Beschäftigten und einer Bilanzsumme von 522 Millionen Euro. Nun sieht sich der 56-jährige Vorstandsvorsitzende der Rummelsberger Anstalten und Rektor der Rummelsberger Brüderschaft mit dem Vorwurf konfrontiert, junge Männer, deren Vorgesetzter er war, massiv sexuell bedrängt zu haben. In dem sonst so wohlgeordneten Diakoniedorf bei Nürnberg ist seit Donnerstag, dem 13. Dezember, nichts mehr wie vorher.

Karl Heinz Bierlein.
Foto: sob
   Karl Heinz Bierlein.

Bierlein ist von seinen Ämtern zurückgetreten, die Staatsanwaltschaft Nürnberg geht dem Verdacht auf strafbare Handlungen nach, die bayerische Landeskirche hat ihn vom Dienst suspendiert und ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Noch sind die Vorgänge weit von einer juristischen Klärung entfernt, aber schon mag kaum noch jemand seine Hand für Bierleins Unschuld ins Feuer legen.

Es scheint Lichtjahre her, dass er für sein soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet wurde. Bierlein bekleidete nicht nur in Bayern, sondern als Bundesvorsitzender des deutschen Evangelischen Verbandes der Altenhilfe und Pflege sowie im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auch auf Bundesebene Spitzenämter.

Bierlein hatte den Ruf eines Mannes mit Herzblut, nicht den eines kalten Managertyps. Er galt als jovialer Chef, als einer, der gerne lachte und - wenn ihm etwas gegen den Strich ging - zu lautstarken Emotionsausbrüchen fähig war. Nun herrscht in Rummelsberg lähmende Fassungslosigkeit. Niemand habe sich solche Vorwürfe auch nur entfernt vorstellen können, wird reihum betont. Doch die Anschuldigungen sind ernst zu nehmen. Denn sie kommen aus dem Herzen der Rummelsberger Anstalten, der fast 1000 Männer umfassenden Brüderschaft.

Bei den Vorbereitungen für ein Buchprojekt soll es passiert sein. Bierlein hatte Diakone und Diakonenschüler eingeladen, an seinen wissenschaftlich-biografischen Arbeiten über den Wandel des Selbstverständnisses von Diakonen im Laufe des Berufslebens mitzuwirken. Als das Kapitel Liebe behandelt wurde, habe der Diakoniechef mehrere Männer massiv körperlich angegangen, so der Vorwurf. Einer offenbarte sich der Polizei und der Kirchenleitung.

Dort schrillten sämtliche Alarmglocken. Zur »unverzüglichen und vollständigen Aufklärung des Sachverhalts« reisten die Kirchenvertreter am Donnerstag nach Rummelsberg, um den Diakoniechef mit den Anschuldigungen zu konfrontieren. Ob er die Vorwürfe abstritt, will wegen der laufenden juristischen Ermittlungen niemand sagen. Man solle auf das Ergebnis des Gesprächs schauen, empfiehlt die Chefjuristin der Landeskirche, Karla Sichelschmidt: »Seine Konsequenz war, dass er zurückgetreten ist.«

Bierlein hat Rummelsberg verlassen. Die betroffenen Männer, seine Frau und seine drei Kinder werden nach kirchlichen Angaben seelsorgerlich und psychologisch betreut. Zwei Tage nach jener Pressekonferenz der Kirchenleitung meldete sich dann Bierlein selbst zu Wort und wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe in weiten Teilen zurück. Sein Rücktritt sei »kein Schuldeingeständnis im juristischen und dienstrechtlichen Sinne«, betonte Bierlein in einer am letzten Sonntag veröffentlichten Stellungnahme.

Direkt nachdem er mit den Vorwürfen konfrontiert worden sei, habe er sich nach Rücksprache mit seiner Frau zu diesem Schritt entschieden, so Bierlein. Weder seine Familie noch die Rummelsberger Anstalten würden seiner Ansicht nach die zu erwartende mediale Aufmerksamkeit schadlos überstehen. Außerdem sei sein »spontaner« Entschluss wesentlich auf den Ablauf des Verfahrens zurückzuführen. Ein Sprecher der evangelischen Landeskirche wies diese Darstellung auf epd-Anfrage zurück.

Wie Bierlein in seiner Erklärung betonte, bezögen sich die ihm bekannten Vorwürfe nicht auf sexuelle Nötigung. Der ehemalige Chef des Diakoniewerkes räumte in seiner Erklärung jedoch ein mögliches Fehlverhalten ein. Dass es bei einem Forschungsprojekt zur Persönlichkeitsentfaltung junger Erwachsener bei einigen Teilnehmern zu seelischen Verletzungen gekommen sein könnte, empfinde er als sein seelsorgerliches Versagen.

Deutliche Kritik übte Bierlein an dem Vorgehen der Kirchenleitung. Der Landeskirchenrat habe bei einer geschlossenen Sitzung alle kirchenamtlichen Schritte vorbereitet, ohne ihn einzuvernehmen, erklärte Bierlein. Er sei als Letzter gehört worden.

Demgegenüber betonte Kirchensprecher Michael Mädler, dass der Landeskirchenrat keinen Beschluss über die berufliche Zukunft Bierleins herbeigeführt habe, bevor dieser zu den im Raume stehenden Vorwürfen gehört worden sei. Nachdem eine Abordnung des Landeskirchenrates Bierlein über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe informiert habe, hätte dieser ausführlich Gelegenheit erhalten, dazu Stellung zu nehmen.

ZUM THEMA

Schon vorher im Internet. Merkwürdigkeiten beim »Fall Bierlein«. Medienkolumne von Johanna Haberer. » lesen

 

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abgerufen 08.02.2012 - 10:50 Uhr

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