Was ist sozial gerecht?
Zur Debatte um Mindestlohn und Managergehälter
Von
Lutz Taubert
Die Debatte um zu hohe Managergehälter klingt nach Stammtisch, ist aber inzwischen auf höchstem Niveau angekommen: der Präsident der Republik, dann der Finanzminister, jetzt die Kanzlerin äußern sich dazu. Und die Debatte um die Einführung eines Mindestlohns für Briefträger und Reingungspersonal hat das Zeug, die Koalition zu sprengen.
Zwei brisante, aufgeladene Begriffe: Mindestlohn und Millionen-Einkommen stehen für die ganze Spanne, deren unsere Gesellschaft fähig ist. Die Putzfrau im Osten kriegt 6,36 Euro die Stunde (falls sich das Gebäudereinigungsunternehmen an den vorgegebenen Mindeslohn hält), und der Chef von Porsche verdient schätzungsweise 60 Millionen im Jahr.
Die Spaltung in arm und reich war nie überwunden; derzeit nimmt sie aber zu. Und es breitet sich das Gefühl aus, dass es bei der Verteilung von Geld und Gütern in unserer Gesellschaft nicht mit gerechten Dingen zugeht.
Eine heuer erschienene repräsentative Studie wurde mit der treffenden Überschrift versehen: »Soziale Herkunft schlägt Leistung«. So war es vor 30, 40 Jahren, so ist es heute: Immer noch entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft über Bildungserfolg, Erfolg am Arbeitsplatz und letztlich Einkommen.
Soziale Gerechtigkeit - bemerkenswerte Karriere eines Begriffs: Erst war - wir sind in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts - die Chancengleichheit aller vor allem beim Zugang zu den Schulen Ziel einer Bildungsreformpolitik - mit dem weiteren Ziel, die Gesellschaft sozial gerecht zu gestalten.
Dann galt, zur und nach der Wende 1990, die soziale Gerechtigkeit plötzlich als Vokabular einer überkommenen Klassenkampfzeit und linker Studenten. Die neue Garde der Betriebswirte sprach lieber von Privatisierung und Liberalisierung. Nun aber, nach Hartz-IV und Hartz-IV-Korrektur, nach Lokführerstreik, gefühltem Wirtschaftsaufschwung und neu entdeckter Unterschicht, ist die ungleiche Einkommens- (und Vermögens-) Verteilung wieder ein, wenn nicht das Topthema.
Nota bene: Alle Pisa- und sonstigen Schultests heute weisen darauf hin, dass unsere Bildungspolitik das hehre Ziel der Chancengleichheit immer noch verfehlt. Der Zusammenhang zwischen Armut/Reichtum einerseits und Bildung andererseits ist offenbar.
Deshalb werden uns Managergehälter und Mindestlöhne, Schulabschluss und beruflicher Erfolg weiterhin beschäftigen müssen. Normativ ausgedrückt: Die Soziale Gerechtigkeit avanciert nun endlich wieder zum veritablen Politikziel, an dem die Parteien zu messen sind. |