Meine Seele erhebt den Herrn
Der Lobgesang der Maria gehört zu den revolutionärsten Texten der Bibel
Von
Peter Haigis
Vielleicht ist es einer der revolutionärsten Texte der Bibel. In jedem Fall ist es radikal und von einer kaum auszulotenden Tiefe für den Glauben - das Magnifikat, jener Lobgesang (Lukas 1,46-55), zu dem die schwangere Maria beim Besuch ihrer Verwandten Elisabeth anhebt, die zur selben Zeit Johannes, den späteren Vorläufer und Ankündiger Jesu, in ihrem Bauch trägt.
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 Maria, wie sie Antonello da Messina malte: eine selbstbewusste und starke Frau (gemalt 1475, Palermo, Nationalmuseum).
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Das Lukasevangelium beginnt nicht mit Weihnachten, sondern mit der Ankündigung der Geburt Johannes' des Täufers, mit dem Verstummen des Vaters Zacharias, mit der Ankündigung der Geburt Jesu an Maria, mit der Begegnung der beiden schwangeren Frauen Elisabeth und Maria, mit der Geburt des Johannes und dem Wiedererlangen der Sprache des Zacharias in einem Lobgesang. Von alledem erzählt ausführlich das erste Kapitel des Lukasevangeliums. Grundtenor der Schilderung ist dabei das zarte Herausspüren einer bevorstehenden heiligen Zeit. Kunstvoll hält der Evangelist den Leser in der Schwebe messianischer Heilsverheißungen.
Vor allem zwei poetische Stücke tragen zu dieser Atmosphäre bei: der Lobgesang des Zacharias (1,67-79) und das Magnifikat der Maria (1,46-55). Beide Stücke sind in der Tradition der Psalmen komponiert und enthalten eine Fülle von Anspielungen auf alttestamentliches Liedgut. Möglicherweise hat der Evangelist sie als geprägte Stücke bereits vorgefunden und in seine Erzählung aufgenommen. In ihrer Sprache drückt sich die Gewissheit der ersten Christen aus, in Jesus den gefunden zu haben, auf den der Glaube der Väter und Vorväter, Mütter und Urmütter jüdischer Überlieferung wartete und den sie darum zu Recht den »Christus«, also den »Messias«, nennen.
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 Die Kunstgeschichte interpretierte die Persönlichkeit Marias auf verschiedene Weise. Fra Angelicos Bild (1434, Cortona) zeigt die klassische Sicht: Maria als passiv Empfangende - man beachte den erhobenenen Zeigefinger des Verkündigungsengels.
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Der Lobgesang der Maria wird »Magnifikat« nach dem Anfangswort der lateinischen Übersetzung dieses Liedes genannt. »Magnificat anima mea Dominum« lautet der lateinische Text, der ins Deutsche mit »Meine Seele erhebt/preist den Herrn« übersetzt wird.
Das Magnifikat steht in einer deutlich erkennbaren Linie alttestamentlicher Stücke und Figuren. Naheliegend sind die Anspielungen auf das Lied der Hanna im Tempel, nachdem sie - lange kinderlos - Samuel gebar und nun Gott ein Dankopfer darbrachte (1. Samuel 2,1-10). Marias Lied nimmt das Motiv der persönlichen Freude und des Dankes ebenso auf wie die revolutionären Bilder einer grundstürzenden Heilszeit, in der Gott die Verhältnisse gemäß seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wendet. Damit erscheint Maria im Gefolge großer alttestamentlicher Frauengestalten, seien es die Mütter einer sich fortsetzenden Heilsgeschichte wie Sara, Rahel oder Ruth, seien es die kämpferischen Frauen wie Mirjam, Jael, Judith und Esther.
Maria verkündet die Umwertung aller Werte
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 Keine Himmelskönigin, eine Frau: »Verkündigung«, Lorenzo Costa, 16. Jh., Dresden, Gemäldegalerie.
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Eine bisweilen einseitige Marienverehrung auf römisch-katholischer Seite hat im Zuge der Geschichte des Protestantismus leider zu einer nicht minder einseitigen Ausblendung Mariens geführt - sehr zum Schaden evangelischen Glaubens und evangelischer Theologie. Von der glorifizierten Gottesmutter und Himmelskönigin, die zahllose Altäre in Kirchen zierte und auf diese Weise - zumindest in der Volksfrömmigkeit - zur Hauptfigur christlicher Verehrung aufstieg, wollte man im Protestantismus nichts wissen. Die drei großen Marienfeste - Mariä Lichtmess, Mariä Verkündigung, Mariä Heimsuchung - verschwanden aus der evangelischen Gottesdiensttradition.
Das Magnifikat wanderte als Predigttext in die Adventszeit, wo es unmittelbar vor Weihnachten, am 4. Advent, ein etwas stiefmütterliches Dasein führt. Die Wiederentdeckung des Magnifikats in seiner ganzen theologischen Tiefe birgt daher eine ökumenische Bedeutung: das Hereinholen Marias in die protestantische Prägung christlichen Glaubens, nicht als Kopie römisch-katholischer Tradition, sondern als Aneignung ihrer im wahrsten Sinne des Wortes »evangelischen« Tiefe, als Botin der froh und frei machenden Gnade Gottes.
Zwei Aspekte des Magnifikats verdienen in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit: die Umwertung aller Werte, die mit der Ankündigung der Geburt Christi sich abzeichnet, und die Gestalt der Mutter Jesu selbst. Das Magnifikat spricht sowohl von dem Wunder, das sich in der Seele eines Menschen tut, der wider Erwarten Respekt oder sogar Ansehen erfährt, als auch vom Wunder der Aufhebung aller verkehrten und schiefen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse der Menschen untereinander.
Die Feministische Theologie hat Maria in ein neues Licht gerückt. Aus dem scheuen und unreifen Mädchen, aus der willfährigen Magd, die sich rein und demütig unter den Willen Gottes beugt, wurde eine Frau, die in neuem Ansehen erstrahlt - einem Ansehen, das nicht auf Äußerlichkeiten oder stolzem Selbstbewusstsein gründet, sondern auf der Gewissheit, von Gott angesehen und angerührt zu sein. Die Jungfrau Maria gilt hier nicht als Symbol der Reinheit von einer biologistisch verstandenen Erblast der Sünde, sondern sie ist die unabhängige, freie und eigenständige Frau.
So ist sie zugleich frei und offen für Gott und damit frei und offen, in sich das heranreifen zu lassen, was Gott als Keim einer hoffnungsvollen Zukunft in sie gelegt hat. Menschlich unbestimmt lässt sie sich von Gott bestimmen. Ihre Jungfräulichkeit, ein Status, dem im damaligen gesellschaftlichen Leben wenig Selbstbestimmungsrecht zuerkannt wurde, wird von Gott neu bestimmt. Ihre Niedrigkeit - dazu angetan, durch die Ehe »geadelt« zu werden - wird von Gott »geadelt«, indem er sie zur Hoffnungsträgerin messianischer Vorahnungen erwählt.
Damit verbindet sich ein Zweites: An der Jungfräulichkeit Mariens wird nicht nur das Ansehen Gottes erkennbar, das sich gegen die gewohnten gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen kehrt. In ihr wird auch der Lauf der Welt unterbrochen, damit in Jesus Christus wirklich etwas Neues anheben kann und nicht nur Althergebrachtes reproduziert werden muss. Der Mensch ist dazu verurteilt, in der Geschichte immer wieder die Geschichte selbst zu wiederholen. Er trägt - wie frei er sich persönlich davon auch machen kann - die Spuren seines Erbes an sich, positiv oder negativ. Aus der - bisweilen auch unerträglichen - Kette der ewig wiederkehrenden Fortsetzungen ausbrechen zu können und damit die Geschichte der Menschheit auf eine neue Fährte zu weisen, einen echten Neuanfang zu setzen - das ist der zweite Aspekt der jungfräulichen Schwangerschaftsgeschichte Marias.
Das messianische Reich göttlichen Friedens und göttlicher Gerechtigkeit wird zur Erhebung aller in den Staub der Geschichte Getretenen führen - nicht zu ihrer gewaltsamen Selbsterhebung, sondern zu ihrer Erhebung durch die Kraft Gottes, welche sich in der Geburt Jesu ankündigt. Weil die Kraft Gottes in der Ohnmacht eines schwachen Menschen erscheint, hat sie auch während und nach Christi irdischem Auftreten zahlreiche Rückschläge hinnehmen müssen. Doch der Glaube ist stets weiter als die Fakten. Er sieht die Wirklichkeit in einem anderen Licht, im Licht der Veränderbarkeit hin zu gerechten und menschenwürdigen Lebensverhältnissen.
Es ist das Beharrungsvermögen des Glaubens gegen alle widerständige Wirklichkeit, an der sich die Kraft Gottes als unbezwingbar behauptet. Aus dieser Kraft speisen sich befreiungstheologische Aufbrüche, diakonische Projekte und politische Programme für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung weltweit. Aus dieser Kraft lebt und diesen Geist atmet auch das Magnifikat. | »MAGNIFICAT«
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