Sagen Sie mal, Josef...
Interviews mit Personen der Bibel (249)
Für einen Handwerksbetrieb oft katastrophal: wenn der Sohn die Firma des Vaters nicht übernimmt
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AKG
 Gerrit van Honthorst (1592-1656 ), ein wahrer Meister des Lichts: Joseph und Jesus in der Werkstatt, 1620.
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...schon schade, wenn der eigene Sohn nicht den Betrieb des Vaters übernimmt, oder?
Josef: Auf jeden Fall. Zumal ich meinen Kleinen mit viel Liebe und unendlicher Geduld in die Kunst der Schreinerei eingeführt habe.
So viel Liebe, wie auch ein leiblicher Vater aufgebracht hätte?
Josef: Damit treffen Sie eine Wunde, die tief sitzt. Sehr oft wurde mir schmerzlich bewusst, dass Jesus eben nicht mein eigener Sohn war. Natürlich nannte er mich »Papa«, von Anfang an haben wir ihm das beigebracht. Aber Maria und ich wussten, dass wir ihn damit eigentlich hinters Licht führen.
Vor eine ähnliche Problematik sind auch heute manche Patchwork-Familien gestellt. Therapeuten empfehlen, Kindern ab einem gewissen Alter die Wahrheit über seine leiblichen Eltern zu erzählen.
Josef: Bei uns war die Sachlage natürlich viel prekärer. Jesu leiblicher Vater war zwar real, aber nicht wirklich greifbar. Wenn wir Jesus von Gott erzählten, verwendeten wir meist das Wort »Vater«. Auf diese Weise wollten wir ihn etwas auf seine ganz persönliche Wahrheit vorbereiten. Schon als Kind stand Jesus manchmal versonnen da. In solchen Momenten dachte ich, er ahnt etwas. Wenn er sich dann liebevoll auf meinen Schoß setzte und mich umarmte, habe ich das bisweilen mehr als Mitleidsgeste denn als Sohnesliebe aufgefasst.
Das Schicksal eines Pflegevaters... Dazu passt die Beobachtung, dass von Ihnen in den Evangelien außer zur Kinder- und Jugendzeit Jesu nie mehr die Rede ist.
Josef: Seltsam, nicht? Gott sei Dank bin ich nicht eitel genug, um das einzuklagen. Ich habe meine Funktion so gut es ging erledigt. Habe den Buben ein richtiges Handwerk gelehrt. Er konnte sägen und hobeln, dass es nur so eine Freude war. Gerne hätte ich ihm meinen Betrieb anvertraut.
So weit kam es nicht.
Josef: Was habe ich geflucht, als er sich eines Tages einfach aus dem Staub machte! Damals kannte ich ja seine wahre Aufgabe in dieser Welt noch nicht. Ich sah nur, dass er das solide Fundament seines Lebens freiwillig verließ - für einen Gang in die Wüste! Auf meine Frage, wie er sich denn sein Leben vorstellte, konnte er nichts Sinnvolles antworten. Welcher Vater könnte da ruhig bleiben? Ich wollte doch nur sein Bestes!
Sie hatten Ihren Job als Ziehvater gemacht. Jetzt verabschiedete er sich zu seinem leiblichen Vater, der anderes mit ihm vorhatte. Ich kann das gut nachvollziehen.
Josef: Das klingt schrecklich theoretisch. Auch ein Pflegevater hat Gefühle! Als ich merkte, dass Jesus nicht von seinem Plan abzuhalten war, redete ich auf Maria ein, sie solle ihren mütterlichen Einfluss auf ihn nutzen und ihn zur Vernunft bringen. Erfolglos. Sie hatte grenzenloses Vertrauen zu ihm und unterstützte ihn im Weggehen.
Kein Wunder. Keine Mutter will zum »Hotel Mama« werden.
Josef: Mein Zimmereibetrieb, der schließlich auch ihren Lebensunterhalt sicherte, war ihr egal. Dass Jesus fortging, bedeutete ja auch, dass ich einen wichtigen Mitarbeiter verlor! Die Auftragsbücher waren voll, und ich musste wie ein Berserker arbeiten, um meine Kunden nicht zu verlieren.
Auch Maria gegenüber zeigte sich Jesus später nicht unbedingt dankbar. Einmal verleugnete er sie sogar. Mit dem vierten Gebot - »Du sollst Vater und Mutter ehren« - hat es Ihr Stiefsohn wohl nicht so genau genommen.
Josef: Er befand sich einfach in einer sehr außergewöhnlichen Situation. Sein Leben war voller Extreme. Und wer handelt schon immer vollständig nach seinen Idealen? Trotzdem steht fest: Wäre er in meiner Werkstatt geblieben, hätte viel vermieden werden können. Er wäre nicht auf die Mildtätigkeit anderer Menschen angewiesen gewesen. Und er wäre vermutlich nicht so früh und grausam gestorben.
Statt Häuser zu bauen, hat er das Himmelreich auf Erden errichtet! Vielleicht sind ihm die Erfahrungen, die er in Ihrer Werkstatt gemacht hat, dabei sogar zugute gekommen.
Josef: Ich will auch nicht weiter klagen. Schade ist's trotzdem... | Eine » Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie » hier...
ZUR SACHE
JOSEF, der Zimmermann aus Nazareth, war mit Maria verlobt. Obwohl er nicht mit ihr geschlafen hatte, stellte sich heraus, dass Maria schwanger war. Josef überlegte, ob er sie verlassen sollte - wurde aber von einem Engel belehrt, dass Maria vom Heiligen Geist ein Kind bekommen würde. Er blieb bei ihr, und gemeinsam reisten sie nach Bethlehem, wo Jesus geboren wurde. Als Kind erlernte Jesus vermutlich bei Josef das Zimmererhandwerk.
QUELLE: Matthäus 1-2; Lukas 2,1-21. (Nachschlagen bei » bibel-online.net: Mt 1, Lk 2).
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