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Dieser Artikel: Ausgabe 48/2007 vom 02.12.2007
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»Vorsicht Gas!«

Vor 65 Jahren nahm sich der Liederdichter Jochen Klepper zusammen mit seiner Familie das Leben


Die Familie wollte mit ihrem Freitod niemanden gefährden: Bevor sie am 11. Dezember 1942 aus dem Leben schieden, klebte Frau Klepper einen Zettel für die Hausgehilfin mit der Aufschrift »Vorsicht Gas!« an die Küchentür. Zwei Tage zuvor war dem Romanautor und Liederdichter Jochen Klepper beim Gespräch mit dem Gestapo-Gewaltigen Adolf Eichmann endgültig klar geworden, dass es keine Ausreisegenehmigung für seine jüdische Frau Hanni und die Tochter Renate geben würde.

1940, Berlin-Nikolassee - zu Gast im Garten des Berliner Pfarrerehepaars Wiese: Jochen Klepper und seine Frau Hanni (beide rechts).
Foto: pa
   1940, Berlin-Nikolassee - zu Gast im Garten des Berliner Pfarrerehepaars Wiese: Jochen Klepper und seine Frau Hanni (beide rechts).

In der niederschlesischen Provinzstadt Beuthen kam Jochen Klepper 1903 zur Welt. Der Pfarrersohn begann Theologie zu studieren, musste aber aufgrund einer schweren Nervenkrise die Universität verlassen. Jahre später wagte er einen neuen Anlauf, als Journalist. Im Evangelischen Presseverband Breslau war er bald verantwortlich für die kirchliche Rundfunkarbeit; er führte Regie, gab den gerade erst eingeführten Morgenandachten ihre Form, schrieb für Tageszeitungen und hielt Vorträge. 1931 wechselte er als Redaktionsassistent an das Berliner Funkhaus.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis verlor der mit einer jüdischen Frau Verheiratete 1933 seine Anstellung. Jochen Klepper machte aus der Not eine Tugend, er verlegte sich auf das Schreiben von Romanen.

Jochen Klepper.
Foto: pa
   Jochen Klepper.

Sein 1937 erschienener Erstling, mehr als tausend Seiten stark und auf intensiven Recherchen in Archiven und Schlossbibliotheken beruhend, ließ aufhorchen: »Der Vater. Roman eines Königs.« Quer zu den alt gewohnten Klischees zeichnete Klepper ein ganz neues Bild des »Soldatenkönigs« Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Gott und den Menschen dienen will und seine eigentliche Würde von seinem Glauben und seiner Demut erhält.

Kleppers wahre Leidenschaft aber galt den Kirchenliedern. Der hellwache Poet hielt ebenso unverbrüchlich an der Kirche fest, wie er ihr kritisch gegenüberstand; er fand viele Predigten seicht, manche Aktivitäten der Bekennenden Kirche zu politisch, und er verübelte den Kirchenleitungen ihren Verrat am Juden Jesus: »Was an den Juden geschieht«, notierte er 1938, »ist eine schwere, schwere Glaubensprüfung - für die Christen.«

Im selben Jahr erschien sein erstes Liederbändchen Kyrie. Dunkle, aus dem Schmerz geborene Gesänge, die Finsternis und Verzweiflung nicht ausblenden und doch voller Hoffnung sind. Dass seine Lieder die Gesangbücher eroberten, erlebte er nicht mehr. »Die Nacht ist vorgedrungen«, »Er weckt mich alle Morgen«, »Der du die Zeit in Händen hast« - längst sind Kleppers Gesänge den Christen aller Bekenntnisse lieb geworden.

  Die Nacht ist vorgedrungen,
  der Tag ist nicht mehr fern.
  So sei nun Lob gesungen
  dem hellen Morgenstern!
  Auch wer zur Nacht geweinet,
  der stimme froh mit ein.
  Der Morgenstern bescheinet
  auch deine Angst und Pein.
  
  (...) Noch manche Nacht wird fallen,
  auf Menschenleid und ‑schuld.
  Doch wandert nun mit allen
  der Stern der Gotteshuld.
  (...) Gott will im Dunkel wohnen
  und hat es doch erhellt!
  
  Als wollte er belohnen,
  so richtet er die Welt!
  Der sich den Erdkreis baute,
  der lässt den Sünder nicht.
  Wer hier dem Sohn vertraute,
  kommt dort aus dem Gericht!

Adventslied (1938)

Währenddessen zogen sich die dunklen Wolken immer drohender über der Familie zusammen. 1937 hatte man den Dichter aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen - was damals einem Berufsverbot gleichkam - und erst nach den Interventionen angesehener Freunde wieder aufgenommen, unter der Bedingung, künftig sämtliche Manuskripte vor dem Druck begutachten zu lassen. Die Tochter Brigitte durfte nach England ausreisen; ihre Schwester Renate wollte in der Schweiz unterkommen, aber die dortigen Behörden lehnten das Gesuch ab.

Der Vater tritt den schweren Gang zum Reichsinnenminister Wilhelm Frick an, von dem er weiß, dass er seinen Roman über den Soldatenkönig schätzt. Tatsächlich lässt sich der Minister erweichen; Renate dürfe ausreisen, wenn irgendein Land sie aufnehme. Im Januar 1942 beschließt die Wannsee-Konferenz die systematische Ausrottung der europäischen Juden, die Massendeportationen beginnen. Anfang Dezember kommt aus Schweden endlich die Einreisegenehmigung für Renate.

  Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes
  hat stets die Leidenden gemeint.
  Und wer die Schrecken des Gerichtes
  nicht als der Schuldigste beweint,
  dem blieb dein Stern noch tief verhüllt
  und deine Weihnacht unerfüllt.
  
  (...) Die Feier ward zu bunt und heiter,
  mit der die Welt dein Fest begeht.
  Mach uns doch für die Nacht bereiter,
  in der dein Stern am Himmel steht.
  und über deiner Krippe schon
  zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn.

Abendsmahlslied zu Weihnachten (1938)

Doch inzwischen ist Adolf Eichmann, »Judenreferent« im Reichssicherheitshauptamt, für solche Gnadenakte zuständig, und der hält sich bedeckt: Man werde telefonisch Bescheid geben. Was Jochen Klepper, vermutlich zu Recht, als Ablehnung auffasst - und als Todesurteil für Frau und Tochter. Die Familie scheidet freiwilllig aus dem Leben.

Jochen Kleppers Tagebuch endet am 10. Dezember 1942 mit den Sätzen: »Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.«

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Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Christian Feldmann

 


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abgerufen 09.02.2012 - 01:40 Uhr

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