Sagen Sie mal, Sünde...
Interviews mit Personen der Bibel (248)
Die Furcht vor ihr vergrößert ihre Macht. Ein Gespräch - nicht nur über die Last mit der Lust
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 Lockende »Sünde«: Der Münchner Malerfürst Franz von Stuck schuf dieses Meisterwerk des Symbolismus im Jahr 1893 (München, Neue Pinakothek).
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...die Adventszeit muss hart für Sie sein. Schließlich ist mit Jesus doch Ihr Erzfeind auf die Welt gekommen, der Sie entmachtet hat, wie es heißt.
Sünde: Alles Theorie. Auch Christen verfangen sich sehr, sehr gerne in meinen Netzen. Die Kunst der Verführung konnte ich vervollkommnen - trotz dem, »der die Sünden hinwegnimmt.«
Moment. Bitte mal von Anfang an. Wie war das im Garten Eden?
Sünde: Mein erster und bislang größter Coup. Eine halbe Ewigkeit musste ich tatenlos zusehen, wie Adam und Eva, Löwe und Reh, Gott und Menschen harmonisch miteinander lebten. Das nervte mich zu Tode. Nach mehreren Fehlversuchen schnappte ich mir eine Schlange. Ein Glücksgriff. Mit ihrer Hilfe kam ich in die Welt und sorgte dafür, dass Adam und Eva endlich das wirkliche Leben kennenlernten.
Fortan ersetzten Mord und Zwietracht, Schmerz und Arbeit die paradiesischen Zustände.
Sünde: Ja. Aber bei aller Kritik: Ohne mich würde es Sie gar nicht geben, die Bibel und das Sonntagsblatt auch nicht, ebenso keine Lust und keine Leidenschaft...
...aber auch kein Leid und keine Verbrechen! Mir scheint, Sie verharmlosen die Früchte ihres niederträchtigen Wirkens!
Sünde: Hmm. Manchmal übertreiben es die Menschen wirklich. Dabei war meine Intention damals eigentlich nur: Das Leben sollte spannender werden für Adam und Eva. Voraussetzung dafür war, dass sie sich Gottes Geboten nicht gedankenlos unterwarfen. Also weckte ich in ihnen den Wunsch nach Erkenntnis.
Nicht nur das. Sie weckten in den Menschen die Scham und die Triebe. Seitdem schwebt über jeder Art von Sexualität der Ruch des Sündhaften.
Sünde: Leider haben übereifrige Kirchenväter fälschlicherweise behauptet, körperliche Liebe sei automatisch Sünde.
Ist sie das nicht?
Sünde: »Kann denn Liebe Sünde sein?« Keine andere Frage höre ich häufiger. Meine Antwort darauf ist stets: Wahre Liebe, Lust und Leidenschaft können nie Sünde sein. Nur wenn sich die Lust abgetrennt von der Liebe ihre Erfüllung sucht, komme ich ins Spiel. Ich wundere mich darüber, dass diese wichtige Unterscheidung selbst unter Christen so wenig berücksichtigt wird.
Seltsam, nicht!? Zum Beispiel Maria: Sie sei »unbefleckt« empfangen worden und habe von ihrer Empfängnis bis zu ihrem Tode ohne Sünde gelebt, heißt es.
Sünde: Glauben Sie mir: Das ist leider nur eine Fantasie einiger um »Reinheit« besorgter Gläubiger. Sie möchten ein für alle Mal klarstellen, dass Jesus der Sohn Gottes ist und unter ganz besonderen Bedingungen geboren sein müsse. Dabei entstanden solch skurrile Theorien wie die einer »Jungfrauengeburt«. Als ob sich Gott nicht einen ganz normal, mit Lust und Leidenschaft in Liebe gezeugten Menschen zum Sohn hätte auserwählen können! Andererseits erfreut mich die Verwirrung, die auf diese Weise entsteht. Sie macht meine Macht noch größer, als sie wirklich ist. Manche Menschen bekommen Angst vor mir, obwohl ich noch gar nicht am Werke bin!
Sie behaupten also, Maria war keine Jungfrau, als sie Jesus gebar? Das wäre wahrlich eine Sünde. Zumal es Millionen Menschen im Glaubensbekenntnis bekennen.
Sünde: Gar nichts behaupte ich. Ich stelle lediglich Fragen, die solch frommen Menschen wie Ihnen nicht immer gefallen. Was mich gleichzeitig amüsiert und ermüdet, ist, dass ich immerzu gleichgesetzt werde mit körperlicher Lust. Mein Wirken ist viel umfassender! Ich treibe einen Keil zwischen Gott und die Menschen. Dabei ist die Verwechslung von Liebe und Lust nur eine Methode. Mein Waffenarsenal ist jedoch viel, viel größer. Hochmut, Geiz und Egoismus, Völlerei, Faulheit...
Geben Sie auf! All das hat Jesus mit seinem Tod entmachtet! In ihm haben wir die Vergebung aller Sünden!
Sünde: Reden Sie nur. Ich finde weiter meine Wege. Und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht weiter Erfolge hätte. Auch in der Adventszeit. | Eine » Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie » hier...
ZUR SACHE
SÜNDE bezeichnet zweierlei: zum einen den Zustand des Getrenntseins von Gott, das seinen Anfang im paradiesischen »Sündenfall« nahm. Zum anderen eine Handlung, ein Fehlverhalten, das sich dem Willen Gottes widersetzt. Nach christlicher Lehre ist Jesus für die Sünden der Menschen gestorben - seitdem sind sie »aus der Macht der Sünde befreit«. Als besonderes Zeichen der Gottesmutterschaft Mariä glauben viele Christen, Jesus sei ohne Zutun eines Mannes gezeugt worden.
QUELLEN: Genesis 3; Lukas 1; Römer 6,12ff. (Nachschlagen bei » bibel-online.net: Gen 3, Lk 1, Röm 6,12).
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