Sagen Sie mal, Kapitän...
Interviews mit Personen der Bibel (247)
Von einer Bootsbesatzung, die sich aus Seenot rettete, indem sie einen Passagier über Bord warf
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sob
 Paul Cézanne, Porträt, 1866, Winterthur, Sammlung Oskar Reinhardt.
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...ziemlich stürmisch, dieser Herbst.
Kapitän: Eine grausliche Jahreszeit. Sie erinnert mich an den schlimmsten Tag meines Lebens.
Nämlich?
Kapitän: An den Tag, an dem ich einen Mann über Bord werfen musste. Jona hieß er, ein eigensinniger Typ mit ängstlichem Blick.
Zu guter Seemannschaft gehört es, Menschen aus Seenot zu retten. Wieso um Gottes willen haben Sie an diesem Tag das Gegenteil getan?
Kapitän: Aus zwei Gründen: Zum einen stand meine Mannschaft kurz vor einer Meuterei. Eigentlich hatten wir nur eine kurze und unbedenkliche Fahrt vor uns. Doch plötzlich kam ein Sturm auf. Der Wind peitschte unser Segel wie nie zuvor. Meine Männer hatten Angst und beteten zu ihren Göttern, damit der Sturm aufhöre. Nur Jona, unser seltsamer Mitreisender, schlief seelenruhig unter Deck.
Das kann doch kein Grund sein, ihn ins Meer zu werfen!
Kapitän: Natürlich nicht, wie denken Sie von mir? Der Grund war, dass Jona selbst uns dazu aufforderte! Er sei auf der Flucht vor Gott, vertraute er uns an. Ein liebenswerter Verrückter, dachten wir anfangs und nahmen ihn an Bord. Als ob man vor Gott mit einem Schiff fliehen könnte! Doch dann kam der Sturm. Ich geriet ins Grübeln. Jona bestätigte meine Fantasien: Sein Gott jagte ihn. Mit dem Sturm wollte er Jonas Fluchtpläne durchkreuzen.
Sie wollen behaupten, Gott brachte Sie und Ihre ganze Mannschaft, allesamt Unbeteiligte, leichtfertig in Lebensgefahr?
Kapitän: So war es wohl. Jona war auch empört über Gott und hatte Mitleid mit uns. Er sah meine Matrosen, hartgesottene Männer, in Panik ausbrechen. Als ob der Klabautermann sie holen wollte. Jona wusste, dass der Sturm nur ihm galt und er wollte uns vor dem Verderben schützen. Folgerichtig riet er uns: »Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer stille werden und von euch ablassen!«
Ich hätte ihm diese Bitte nicht erfüllt. Das ist Totschlag, wenn nicht Mord!
Kapitän: Wir haben ihm den Wunsch auch nicht erfüllt. Stattdessen gab ich den Befehl, Richtung Küste zu rudern. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Kein Stück kamen wir voran, der Sturm rüttelte unser Schiff immer mehr durch. Um nicht in Seenot zu geraten, erfüllten wir Jonas Wunsch. Die Matrosen nahmen ihn und schleuderten ihn über Bord.
Wahnsinn. Ein Menschenopfer!
Kapitän: Es wirkte. Augenblicklich beruhigte sich die See. Als ob Wind und Wellen einer höheren Macht gehorchten, zogen sie sich zurück. Nach wenigen Minuten wehte nur noch ein laues Lüftchen. Auf der spiegelglatten Wasseroberfläche konnte ich Jona treiben sehen. Er schrie nicht um Hilfe, winkte uns nicht zu. Seltsam...
Vielleicht war er schon tot?
Kapitän: Nein. Ich glaube eher, er war im Zustand der Schreckensstarre. Denn er sah, was ich nur aus der Ferne beobachten konnte: Eine hohe Flosse näherte sich ihm. Der Fisch, zu dem sie gehörte, musste mindestens zehn Meter lang sein!
Ein Hai?
Kapitän: Womöglich. Er schwamm direkt auf Jona zu. Das Wasser wirbelte kurz auf - und als sich die Oberfläche wieder zuzog, war nichts mehr zu sehen. Weder Jona noch der Fisch.
Es war kein Hai, kann ich Ihnen versichern!
Kapitän: Woher wollen Sie das wissen?
Ich kenne den Fortgang der Geschichte. Sie steht in der Bibel. Der Fisch verschlang zwar Jona. Doch er fraß ihn nicht auf. Nach drei Tagen spie er ihn wieder aus. Am Strand.
Kapitän: Ein Fisch, unterwegs im Auftrag des Herrn?
Ganz genau.
Kapitän: Da bin ich ja beruhigt. Aber dass Gott mir so einen Schrecken eingejagt hat, finde ich nicht okay. |