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Dieser Artikel: Ausgabe 44/2007 vom 04.11.2007
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Sagen Sie mal, Jairus...

Interviews mit Personen der Bibel (244)


»Fürchte dich nicht, glaube nur«: Von der lebensspendenden Kraft eines Jesus-Wortes

Paul Cézanne: Porträt eines alten Mannes, 1865-1868, Musée d' Orsay, Paris.
Foto: sob
   Paul Cézanne: Porträt eines alten Mannes, 1865-1868, Musée d' Orsay, Paris.

  »Fürchte dich nicht, glaube nur, dann wird sie gesund«, hat Jesus Ihnen gesagt. Ein zynischer Satz, wenn die eigene 12-jährige Tochter gerade im Sterben liegt.

Jaïrus: Im ersten Moment hört es sich so an, da gebe ich Ihnen recht. Aber im Nachhinein hat sich dieser Zuspruch nicht als billiger Trost, sondern als Wahrheit entpuppt. Meine Tochter war tot - und Jesus hat sie wieder ins Leben zurückgeholt. Halleluja!

  Moment. Ist das nicht eigentlich nur eine Legende, im Nachhinein zusammengereimt von kreativen Schriftstellern, die Jesus als besonders tollen Wundertäter darstellen wollten?

Jaïrus: Welch eine Unterstellung! Ich war dabei, hab's mit eigenen Augen gesehen!

  Ich kann das nicht glauben. Wenn Sie recht hätten, müssten doch bis heute unzählige Todkranke gesunden oder gar Gestorbene zum Leben erwachen. Nein: Ich halte diese Erzählung für eine Mutmach-Geschichte ohne historischen Hintergrund.

Jaïrus: Hüten Sie sich vor Arroganz! Sie hören sich an wie die kleingläubigen Schriftgelehrten unserer Zeit damals. Die sprachen klug und gebildet über den Glauben, aber Gottes Willen konnten sie nicht im Leben erkennen. So wie ein blinder Blindenführer.

  Trotz Ihres unehrenhaften Vergleichs bleibe ich dabei. »Fürchte dich nicht, glaube nur« - dieser Satz dient doch bis heute der frommen Ruhigstellung todkranker Menschen. Und dass von denen je einer nach dem Tod wieder auferstanden wäre, habe ich noch nie gehört.

Jaïrus: Sie sollten mit den Worten Jesu und mit den Glaubenserfahrungen anderer Menschen respektvoller umgehen. Wenn Sie mir nicht glauben, halten Sie vielleicht das Schicksal eines Glaubensbruders für überzeugend. Friedrich Weißler heißt er. Vor 70 Jahren wurde er im Konzentrationslager Sachsenhausen von den Nazis gefoltert und hingerichtet.

  Das ist schrecklich. Was war der Grund?

Jaïrus: Weißler war gebürtiger Jude, doch als Kind schon wurde er evangelisch getauft. Später wurde er Richter und engagierter Christ. Und zwar einer von den wenigen, die deutliche Worte gegen den nationalsozialistischen Allmachtsanspruch fanden. Als er einen SA-Mann zu einer Geldstrafe in Höhe von 3 Mark verurteilte, kostete ihn das den Beruf. Danach leitete er das Büro der »Bekennenden Kirche«. Als seine nazi-kritische Arbeit bekannt wurde, verhaftete und ermordete die Gestapo ihn. Er hinterließ seine Frau und zwei Kinder.

  Grausame Geschichte. Weshalb erzählen Sie sie mir in diesem Zusammenhang? Was hat das Schicksal dieses Märtyrers mit Ihrer Tochter zu tun?

Jaïrus: Weil sich Friedrich Weißler kurz vor seinem Tod intensiv mit meiner Geschichte beschäftigt hat. Immer wieder las er sie und sann über sie nach. »Fürchte dich nicht, glaube nur«: Dieser Satz Jesu, den Sie so leichtfertig verniedlichen, hat ihn stark gemacht. In einem Gedicht hat er das erklärt. »Sei froh und unverzagt«, schrieb er darin, »Gott wird wenden, was dich plagt.« Verstehen Sie: Das ist kein billiger Mutmachspruch, sondern das Gebet eines Menschen, der in Todesgefahr war und gefoltert wurde.

  Verzeihen Sie einen Einspruch: Friedrich Weißler ist doch trotzdem gestorben, obwohl er das gebetet hat, oder?

Jaïrus: Er wurde ermordet.

  Das heißt, auch ihm hat dieser Spruch nicht das Leben geschenkt oder bewahrt.

Jaïrus: Aber der Spruch Jesu hat ihm die Furcht genommen und sein Gottvertrauen gestärkt. Gott war »wahrhaftig nah und mit seiner Hilfe da«, schrieb er in dem besagten Gebet. Welch eine Zuversicht...

  ...und welch eine Enttäuschung darüber, dass der Tod am Ende doch stärker war.

Jaïrus: Äußerlich betrachtet ist Friedrich Weißler gestorben, da gebe ich Ihnen recht. Aber bitte bedenken Sie: Ein Mensch, der solch starken Glauben hat, stirbt zwar auf Erden. Doch am Ende lebt er. »Mitten im Tod sind wir von Leben umfangen«, verstehen Sie?

  So kann ich das nachvollziehen, ja. Wenn ich noch mal an den Anfang unseres Gesprächs zurückkehre: Also ist Ihre Tochter doch nicht wahrhaft vom Tode auferstanden, sondern lediglich »vom Leben umfangen« gestorben?

Jairus: Das haben Sie gesagt. In jedem Fall lebt sie - bis heute.

Eine » Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie » hier...

 

ZUR SACHE

JAIRUS: Rabbi Jaïrus stand einer Synagoge im Landstrich Galiläa vor. Als seine 12-jährige Tochter stirbt, bittet er Jesus um Hilfe. »Fürchte dich nicht, glaube nur, so wird sie gesund«, antwortet dieser und geht zum Totenbett. »Steh auf« (»talita kumi«) befiehlt Jesus dem Mädchen. Jaïrus und seine Frau »entsetzten sich über die Maßen«, als ihre Tochter wieder zum Leben erwacht.

QUELLE: Markus 5, 21-42; Lukas 8, 40-56 (Nachschlagen bei  » bibel-online.net:  Mk 5,21-42,  Lk 8,40-56).

@ Haben Sie Fragen an Menschen aus der Bibel? Stellen Sie sie ins Internet unter:  www.sagen-sie-mal.de

Interview: Uwe Birnstein

 


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/news/aktuell/2007_44_27_01.htm
abgerufen 09.02.2012 - 01:46 Uhr

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