Sagen Sie mal, Sünderin...
Interviews mit Personen der Bibel (235)
Warum die Suche nach einer Schutzheiligen der Wellness-Industrie doch noch nicht zu Ende ist.
 Foto:
sob
 Schönheit und Schatten: Francisco de Goya (1746-1828), Kuppelfresko der Kirche San Antonio de la Florida, Madrid (Detail).
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...Millionen Menschen sind derzeit in den Ferien, viele machen Wellness-Urlaub, sitzen oder liegen einfach nur da und lassen sich mit kostbaren Ölen massieren. Eigentlich müsste man ja Sie zur Schutzheiligen er Wellness-Industrie ernennen, oder?
Sünderin: Was habe ich mit »Wellness« zu tun? Was ist das überhaupt, dieses Wort gab es zu meinen Lebzeiten noch nicht.
Übersetzen Sie es mit »Wohlfühlen«. Sie haben Jesus dazu gebracht, dass er sich wohlfühlte. Das kostbarste Salböl der damaligen Zeit hatten Sie besorgt. Damit verpassten Sie ihm eine beispielhafte Fußmassage und führten ihn zu ungeahnten Entspannungszuständen.
Sünderin: Also nun mal langsam und der Reihe nach. Leider sitzen Sie einem Irrtum auf. Ich wollte Jesus mit der Fußsalbung nicht entspannen. Mein Leben war ziemlich durcheinandergeraten damals. Fromm gesprochen: Ich hatte mich eher der Sünde verschrieben als Gott.
Stimmt. Sie waren Prostituierte.
Sünderin: Was Sie alles wissen... Egal, ich möchte da nicht in die Details gehen, fest stand: Ich wollte mein Leben ändern. Doch ich fand nicht die Kraft dazu. Als ich hörte, dass Jesus in einem nahe gelegenen Dorf sei, wusste ich: Er könnte mir helfen. Man erzählte sich, er habe Kranke geheilt, sogar Tote zum Leben erweckt - dieser Mensch müsste doch auch die Kraft haben, mein Leben zum Guten zu wenden!
Sie hätten ihn besser auf der Straße ansprechen können statt am Essenstisch.
Sünderin: Hätte, hätte... Solche Überlegungen lagen mir fern, ich wollte ihn nur sehen und seine Kraft spüren. Ich packte mein kostbarstes Salböl ein und schlich mich in das Haus, in dem er zu Gast war. Er saß da zwischen vielen wichtigen Männern. Als sie mich entdeckten, schauten Sie mich erschrocken an. Jene blickten übrigens am entrüstetsten, die zu meinen Kunden zählten...
Die haben Ihre Liebesdienste erkauft? Heuchler!
Sünderin: Das muss man wohl so sagen. In ihren Blicken spiegelte sich so viel: Abscheu, aber auch Faszination. Aber auch die Angst, ich könnte sie outen, könnte sagen: »He, du, du warst doch neulich auch bei mir und hast dich an meinem Körper ergötzt, was guckst du so?« Ich widerstand ihren Blicken, ging schnurstracks zu Jesus und setzte mich ihm zu Füßen. Die Situation war wie aufgeladen. Sie hätten eine Stecknadel fallen hören können. Absolutes Schweigen. Ich konnte das nicht ertragen und begann zu weinen. Meine ganzer Seelenschmerz entlud sich in Tränen.
Mit denen benetzten Sie Jesu Füße. Das wäre nicht nötig gewesen.
Sünderin: Doch, das war nötig. Gäbe es ein besseres Zeichen, ihm meine Sünden zu übergeben? Er sah mich mit großer Gelassenheit und Liebe an. Als sich unsere Blicke trafen, verstanden wir: Ich war Sünderin - aber alle anderen hier am Tische ebenso, mit dem Unterschied: Sie gestanden es sich nicht ein. Sie schämten sich ihrer Vergangenheit und erkannten an mir, wie es ist, sich selbst und Jesus die Sünden einzugestehen.
Sie trockneten Ihre Tränen mit Ihren Haaren von Jesu Füßen.
Sünderin: Auch dies heilte mich. Jesus nahm mich nicht in den Arm und tröstete mich nicht. Sondern er überließ mir die Regie. Er hatte mir vergeben, das spürte ich, und das sagte er mir auch später. Das war wie der Beginn eines neuen Lebens. Ich wollte es wieder in die Hand nehmen. Als Zeichen dafür trocknete ich selbst meine Tränen ab.
Danach salbten Sie seine Füße.
Sünderin: Ja. Ich wollte ihm dadurch die Ehre erweisen.
Mit Wellness hatte das also gar nichts zu tun?
Sünderin: Absolut nichts. Wahrscheinlich mochte Jesus das Gefühl. Doch ich habe dann den größten »Wellness«-Effekt meines Lebens erfahren. Noch nie fühlte ich mich so wohl und entspannt wie zu diesem Zeitpunkt. Eine Art »Seelen-Wellness« sozusagen. Vielleicht sollten das die Urlauber der heutigen Zeit auch eher im Auge haben. Nicht nur der Körper braucht Entlastung, sondern auch die Seele. Und das geht am besten, wenn man seinem Leben ins Auge blickt und sich auch das eingesteht, was schlecht gelaufen ist. | Eine » Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie » hier...
ZUR PERSON
SÜNDERIN: Der Evangelist Lukas berichtet, dass eines Tages eine (namentlich nicht genannte) Sünderin zu Jesus kam. Sie benetzte seine Füße mit ihren Tränen, trocknete sie mit ihren Haaren, küsste sie und »salbte sie mit Salböl«. Zum Erstaunen der anwesenden Jünger und des gastgebenden Pharisäers vergab Jesus ihr ihre Sünden. (Wahrscheinlich war die Frau eine Prostituierte.) Die Sünderin wird seit dem 6. Jahrhundert fälschlicherweise mit Maria Magdalena gleichgesetzt.
QUELLE: Lukas 7, 36-50. (Nachschlagen bei » bibel-online.net: Lk. 7,36)
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