Sagen Sie mal, Potifar...
Interviews mit Personen der Bibel (234)
Seine Frau täuschte ihn. Von ihr und der eigenen fehlenden Menschenkenntnis ist er bis heute enttäuscht
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sob
 Tizian, Porträt eines venezianischen Edelmannes, um 1507 (Washington, National Gallery of Art).
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...was war Ihr größter Fehler?
Potifar: Ich hätte Josef nicht ins Gefängnis werfen dürfen. Das war unrecht.
Dass Sie sehr zornig auf ihn waren, kann ich gut nachvollziehen. Offensichtlich wollte er Ihre Frau vergewaltigen!
Potifar: Eine dramatische Situation: Meine Frau hatte das Gewand des Josef ja schließlich noch in der Hand. Sie behauptete felsenfest, das habe Josef bei seinen Annäherungsversuchen bei ihr vergessen. Ich sah in ihre Augen, sie waren noch voller Angst und Entrüstung.
Ihre Frau ist eine gute Schauspielerin.
Potifar: Oh ja, das ist sie. Sie wirkte völlig geschockt.
Dass ein Sklave der Frau seines Besitzers an die Wäsche geht, kommt ja auch nicht alle Tage vor.
Potifar: Eben. Selbstverständlich habe ich meiner Frau geglaubt. Warum auch nicht? Sie war eine attraktive Frau, so mancher Kerl konnte nur mühsam die Augen von ihr abwenden...
...und sie nicht von den Kerlen.
Potifar: So war es wohl. Und ich Idiot habe es nicht gemerkt. Bin blauäugig meinen Amtsgeschäften nachgegangen, als sie im Palast umhergestreunt ist und sich an hübsche Sklaven rangemacht hat.
Ich bewundere Ihr Vertrauen, Potifar. Es ist wahrlich nicht die Aufgabe eines Ehemannes, seine Frau Tag und Nacht zu überwachen und womöglich aus Eifersucht einzusperren!
Potifar: Meine Enttäuschung besteht darin, dass ich es ihr einfach nicht zugetraut hätte. Meine Menschenkenntnis hat versagt - bei meiner eigenen Frau! Bis heute kann ich das nicht verstehen.
Ach, nun grämen Sie sich nicht. Damit ist niemandem gedient.
Potifar: Das Schlimme ist, dass ein anderer Mensch meine Unzulänglichkeit ausbaden musste. Josef war ja schuldlos, er hatte sich, wie ich später erfahren habe, sogar absolut korrekt verhalten. »Wie sollte ich denn so großes Übel tun und gegen Gott sündigen?«, fragte er meine Frau, als sie ihn wieder mal bedrängte. Dafür zolle ich ihm jetzt noch Respekt.
So viel Tugendhaftigkeit ist wahrlich nicht verbreitet in der Männerwelt. Wie und wann ist die ganze Sache eigentlich aufgeflogen?
Potifar: Aufgeflogen ist sie nicht zu meinen irdischen Lebzeiten. Erst aus der Bibel habe ich vom bösen Spiel meiner Frau erfahren. Ich habe meine Frau sofort aufgesucht und sie zur Rede gestellt. Und ich habe die Scheidung eingereicht.
Dann wissen Sie ja, dass Josef ruhmreich aus dem Gefängnis entlassen wurde und es zu großem Ansehen im Palast des Pharaos gebracht hat.
Potifar: Darüber bin ich sehr froh. Er musste nicht über Gebühr leiden im Kerker, in den ich ihn werfen ließ. Dennoch plagt mich bis heute mein schlechtes Gewissen.
Mein lieber Potifar, für Ihr Verhalten würde ich Ihnen gerne die Absolution erteilen. Sie haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Ihrer Frau haben Sie vertraut - so wie es ein Ehemann tun sollte. Ihren Sklaven haben Sie in den Knast gebracht wegen versuchter Vergewaltigung - auch dies ist absolut korrekt.
Potifar: Trotzdem habe ich ein Unrecht begangen.
Aber nicht mit Vorsatz. Außerdem: Ohne Ihr »Unrecht« hätte Josef später nicht Karriere gemacht. Gott gedachte, es gut zu machen. Dem kann sich kein Mensch in den Weg stellen.
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