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Dieser Artikel: Ausgabe 32/2007 vom 12.08.2007
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Todmüde, aber glücklich

Seit 25 Jahren findet in Dachau im Sommer die »Internationale Jugendbegegnung« statt


Am Anfang der Internationalen Jugendbegegnung Dachau (IJB) stand 1983 ein Zeltlager der Evangelischen Jugend München. Seither sind insgesamt mehr als 4500 junge Menschen aus Deutschland und vielen anderen Ländern Europas, aus Israel und den USA im Rahmen der IJB zu Geschichts-Workshops und Zeitzeugengesprächen an den Ort des ersten großen NS-Konzentrationslagers zusammengekommen.

Zeitzeugen: Abba Naor aus Israel mit Jugendlichen der Jugendbegegnung. Mit 17 wurde Naor im Mai 1945 nach dem Todesmarsch aus dem KZ Dachau in der Nähe von Königsdorf befreit.
Foto: IJB
   Zeitzeugen: Abba Naor aus Israel mit Jugendlichen der Jugendbegegnung. Mit 17 wurde Naor im Mai 1945 nach dem Todesmarsch aus dem KZ Dachau in der Nähe von Königsdorf befreit.

Ein Gewirr von jungen deutschen, englischen, serbischen, italienischen, hebräischen Stimmen begrüßt den Besucher des Dachauer Jugendgästehauses. Über einer großen Collage mit Länderflaggen aus aller Welt prangt die Zahl 25. Mit einem »Fest der Begegnung« feiert die Internationale Jugendbegegnung Dachau (IJB) ihr 25-jähriges Bestehen.

Das Jubiläum bedeutet in Zahlen: Insgesamt mehr als 4500 junge Menschen aus Deutschland und vielen anderen Ländern Europas, aus Israel und den USA sind seit 1983 im Rahmen der IJB zu Geschichts-Workshops und Zeitzeugengesprächen an den Ort des ersten großen NS-Konzentrations­lagers zusammengekommen.

Schlamm und nasse Füße

Das Dachauer Jugendgästehaus, ein langgezogener, heller Bau aus Beton, Glas und Stahl, bietet der Jugendbegegnung seit 1998 jeden Sommer ein komfortables Obdach. Das war nicht immer so: Am Anfang stand ein Zeltlager, das die Evangelische Jugend München erstmals im Sommer 1983 durchführte. Programmatisches Motto damals: »Aus der Geschichte lernen.«

Zeitzeugen: Marie-Luise Schultze-Jahn, eine der letzten Überlebenden aus dem Kreis der »Weißen Rose«.
Foto: Springer
   Zeitzeugen: Marie-Luise Schultze-Jahn, einer der letzten Überlebenden aus dem Kreis der »Weißen Rose«.

Seit Anfang der 1980er-Jahre waren die Rufe nach einer Jugendbegegnungsstätte für Dachau immer lauter geworden. Das 1933 errichtete Konzentrationslager Dachau diente den Nationalsozialisten als »Schule der Gewalt« und war Modell für alle folgenden KZs. Jugendliche aus aller Welt sollten auch in Dachau zu geringen Übernachtungskosten die Gelegenheit haben, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Konzentrationslager auseinanderzusetzen. So wie die mehr als 100 jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 26 Jahren aus über 20 Nationen, die auch heuer unter dem Motto »Erinnern - Begegnen - Verstehen - Zukunft gestalten« zur IJB gekommen sind.

Auch in den evangelischen Gemeinden Dachaus mehrten sich damals die Anfragen nach Übernachtungsmöglichkeiten. Frank Striegler war 1983 hauptamtlicher Jugendleiter in der Dachauer Gnadenkirche. Er habe die Nase voll gehabt von der »Hinhaltetaktik« der Stadt Dachau in Sachen Jugendbegegnungsstätte und deshalb das vierwöchige Zeltlager unterhalb des KZ-Friedhofs am Leitenberg organisiert, erinnert er sich. Geschichts-Workshops, Zeitzeugengespräche wie damals mit den Münchner Kommunisten und Dachau-Häftlingen Adi Maislinger (1903-1985) oder Otto Kohlhofer (1915-1988), Internationalität und eine Menge Spaß für die Jugendlichen gehörten schon damals zum Konzept. Ein Erfolgsrezept.

Zeitzeugen: Mirjam Ohringer aus Amsterdam unterstützte schon als 14-jähriges Mädchen den Widerstand gegen Hitler.
Foto: Springer
   Zeitzeugen: Mirjam Ohringer aus Amsterdam unterstützte schon als 14-jähriges Mädchen den Widerstand gegen Hitler.

Heute organisiert ein Team von rund 30 ehrenamtlichen Mitarbeitern die IJB, viele von ihnen sind ehemalige Teilnehmer. Sie kommen aus Dachau und München, aber auch aus vielen Ländern Europas. Schon 1984 ist der Münchner Bund der Deutschen Katholischen Jugend als Mitveranstalter dazugekommen. Heute sind es insgesamt sechs Verbände, die die Jugendbegegnung tragen.

Nicht nur die Jugendlichen kommen gern. Auch Marie-Luise Schultze-Jahn (geboren 1918) kommt seit 1985 immer wieder und erzählt ihre Geschichte. Sie ist einer der letzten Überlebenden aus dem Kreis der »Weißen Rose«. Als Chemie-Studentin in München vervielfältigte und verteilte sie zusammen mit ihrem Freund Hans Leipelt nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl und Christoph Probsts das sechste Flugblatt der »Weißen Rose« und versah es mit dem Zusatz: »Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!«

Noch gut erinnert sich die alte Dame an die Schlammpfützen, nassen Teilnehmerfüße und die gute Stimmung bei den Zeltlagern. Mirjam Ohringer aus Amsterdam (geboren 1924) hat als Kind jüdischer Kommunisten schon als 14-jähriges Mädchen den Widerstand gegen Hitler unterstützt. Sie kommt seit 1986 jeden Sommer nach Dachau. In den vielen Gesprächen mit den Jugendlichen sprüht sie vor Lebendigkeit. »Wenn ich nach Hause komme, bin ich todmüde, aber glücklich«, sagt sie. Bei der Jugendbegegnung, so anstrengend die sei, lade sie ihre Batterien auf. »Ihr müsst wissen«, sagt sie im Namen der Zeitzeugen zu den Jugendlichen, »dass ihr der Trost für unser Herz seid und für das Leid, das wir erfahren haben.«

Seit 1998 findet die IJB im Jugendgästehaus Dachau statt. Eine Jugendbegegnungsstätte nach dem Vorbild von Auschwitz, wie sie sich die Macher der Jugendbegegnung immer gewünscht haben, ist es zwar nicht geworden, nur eine Jugendherberge mit pädagogischer Abteilung. Doch die Zusammenarbeit ist gut. Heute auch mit der Stadt Dachau, mit der man früher nicht nur um geeignete Zeltplätze kämpfen musste.

»Verschweigen wir nicht, dass sich die Stadt Dachau anfangs schwergetan hat mit der Idee der Jugendbegegnung und der Jugendbegegnungsstätte«, sagt deshalb auch Dachaus Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) in seinem Grußwort und erinnert so daran, dass vor allem die Dachauer CSU Pläne zu einer Internationalen Jugendbegegnungsstätte lange Zeit vehement bekämpfte. Heute habe sich dies »fundamental« geändert: »Dachau nimmt seine Geschichte an«, sagt Bürgel, »ja mehr als das, wir sind dankbar, dass wir das Jugendgästehaus und die Internationale Jugendbegegnung in Dachau haben.«

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Markus Springer

 


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abgerufen 09.02.2012 - 02:21 Uhr

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