Neue Namen für die Meiserstraße
Der Münchner Stadtrat hat wie erwartet die »Entnennung« der Meiserstraße beschlossen
Das Landeskirchenamt bekommt voraussichtlich im Herbst eine neue Adresse. Doch wie soll das südliche Ende der Arcisstraße, an dem die »Zentrale« der bayerischen Protestanten liegt, künftig heißen?
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Harmsen
 Was soll hier künftig stehen? Das Namenskarussell hat sich zu drehen begonnen.
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Landeskirchenrat und Münchner Dekanatssynode nahmen die Stadtratsentscheidung mit »Enttäuschung« und »großem Bedauern« zur Kenntnis. Noch offen ist, ob die Landeskirche ihre im Vorfeld geäußerte Klagedrohung gegen die Stadt nun auch wahrmacht. Die Dekanatssynode hat unterdessen ihre Verantwortung betont, »gemeinsam mit der Stadt an diesem authentischen Ort die Geschichte der evangelischen Kirche in Bayern kritisch im Bewusstsein zu halten.«
Die Stadt prüft derzeit Namen, die für eine Umbenennung der Meiserstraße in Frage kommen. Man wolle dabei, sagte Oberbürgermeister Christian Ude, der Kirche die Möglichkeit geben, sich »aktiv an der Namensfindung zu beteiligen«.
Während es in der Landeshauptstadt bereits eine (sehr kleine) Bonhoefferstraße und eine Niemöller-Allee gibt, haben Münchens Grüne schon mal die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) aufs Karussell der möglichen Namen gesetzt. Doch außer den Kriterien »evangelisch« und »Frau« spricht nicht viel für die gebürtige Kölnerin und spätere Wahl-Hamburgerin. Mit München hatte Dorothee Sölle - abgesehen von Kirchentagsauftritten - nicht viel zu tun.
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Jüdisches Museum München
 Friedrich Kaulbach, »Kinderkarneval«, 1888
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Wenn es eine Frau sein soll, die mit der heutigen Meiserstraße, zu tun hat - warum dann nicht eine Katia-Pringsheim-Straße? Katharina (»Katia«) Pringsheim (1883-1980) war die spätere Ehefrau des deutschen Großdichters und Nazi-Gegners Thomas Mann (1875-1955). Als pubertierender Schüler hatte sich Thomas Mann einen Zeitungsabdruck von Friedrich Kaulbachs »Kinderkarneval« ausgeschnitten, das die Pringsheim-Kinder im Pierrot-Kostüm zeigt. In das »kleine Judenmädchen« mit den »teerschwarzen Augen« hatte sich der junge Mann verliebt.
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sob
 Katia Mann um 1905.
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Im Haus seiner großbürgerlichen Schwiegereltern an der Arcisstraße 12 (dem Südende der heutigen Meiserstraße 10) hat sich Mann wohlgefühlt. Katias Mutter Hedwig Pringsheim (1855-1942) war eine Tochter der Berliner Schauspielerin und Feministin Hedwig Dohm (1831-1919). Vater Alfred Pringsheim (1850-1941) war ebenfalls jüdischer Herkunft und evangelisch getauft. Er war nicht nur einer der reichsten Männer im Königreich Bayern, sondern auch ein bedeutender Mathematiker und Kunstsammler, zudem Wagner-Förderer und Mäzen. Vor den Nazis geflohen starben die Schwiegereltern Thomas Manns im Exil in Zürich.
An Wilhelm Freiherr von Pechmann (1859-1948) erinnert im Foyer des Landeskirchenamts bereits eine Gedenktafel. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gelangten, war der ehemalige Bankdirektor, engagierte Protestant und konservative Nazi-Gegner von Pechmann bereits über 70.
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sob
 Einer der wenigen profilierten Protestanten, die deutlich ihre Stimme gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung erhoben: Wilhelm Freiherr von Pechmann.
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Immer wieder hat sich der erste Präsident der bayerischen Landessynode an Landesbischof Meiser gerichtet und diesen beschworen, das kirchliche Schweigen zum Unrecht an den Juden zu brechen: »Hemmungslos und ungehemmt wirkt sich eine Verfolgung aus, die immer neue Mittel erfindet, um wehrlose und schuldlose Christen jüdischer Abstammung ganz ebenso wie Juden dergestalt zu quälen...,« schrieb er im November 1941 an Meiser. Bereits während des Kirchenkampfs war Pechmann aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Doch nicht zuletzt das Schweigen Meisers und seiner Kirche zur Judenverfolgung bewegte ihn 1946 dazu, in die katholische Kirche einzutreten und sich von Kardinal Michael Faulhaber firmen zu lassen.
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sob
 Starb 1942 in KZ-Haft: Pfarrer Werner Sylten.
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Ausgerechnet aus dem Dunstkreis der unterfränkischen Sekte »Universelles Leben« kommt ein weiterer Namensvorschlag: Dieter Potzel, ein kurzzeitiger evangelischer Pfarrer und Herausgeber der kirchenkritischen Internet-Pamphletserie Der Theologe ( www.theologe.de), fordert schon seit 1999, die Meiserstraße nach einem - angeblichen - Meiseropfer umzubenennen: Werner Sylten (siehe auch » hier), ein in der Schweiz geborener evangelischer Pfarrer jüdischer Herkunft, leitete im thüringischen Bad Köstritz ein kirchliches Mädchenheim. Wegen seiner »rassischen Voraussetzungen« und weil Thüringen Hochburg der »Deutschen Christen« war, wurde Sylten 1933 von seiner Kirche aus dem Pfarrdienst entlassen. Erst 1938 erhielt er eine Stelle bei Pfarrer Heinrich Grüber, der in Berlin ein Büro zur Unterstützung verfolgter »nichtarischer« Christen unterhielt. Zwei Monate nachdem Grüber verhaftet und nach Dachau gebracht worden war, wurde 1941 auch Werner Sylten in dieses Konzentrationslager verfrachtet. Dort erkrankte er, wurde aus Dachau abtransportiert und wahrscheinlich am 26. August 1942 in Hartheim bei Linz mit Gas ermordet.
Nur die halbe Wahrheit
Meiser habe durch die Hintertür den »Arierparagrafen« in der bayerischen Kirche eingeführt, behauptet Potzel, weil er im Oktober 1935 geschrieben habe: »Wir würden dem Wunsch, Herrn Pfarrer Sylten in den Dienst der Landeskirche in Bayern zu übernehmen, gerne näher treten. Aber angesichts der Tatsache, dass Herr Pfarrer Sylten Halbarier ist, ist uns leider die Übernahme unmöglich ...« Eine genaue Quellenangabe für diese Äußerung Meisers liefert Potzel nicht.
Carsten Nicolaisen, emeritierter Kirchengeschichtler und Meiser-Experte, kennt das Zitat. Es stammt tatsächlich aus einem Brief Meisers an die lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen, die sich mit der Bitte um Hilfe nach Bayern gewandt hatte.
Doch das Zitat geht noch weiter: »...nicht als ob wir darin von unserer Seite ein Hindernis sähen, aber bei der Übernahme außerbayerischer Geistlicher müssen wir auch die Zustimmung der Staatsregierung haben«, schrieb Meiser. Der Hintergrund: Entsprechend einem Staat-Kirche-Vertrag von 1924 hatte die Kirche bei der Übernahme von Pfarrern aus anderen Landeskirchen den Staat zu konsultieren. Mit einer ähnlichen Begründung habe auch die württembergische Landeskirche die Übernahme Syltens abgelehnt, so Nicolaisen.
Das Namenskarussell hat sich zu drehen begonnen. Am Ende bleibt womöglich die Lösung nach Nürnberger Vorbild - die Verlängerung einer Straße. Dann läge, wie zu Pringsheims, Meisers und Syltens Zeiten, das Landeskirchenamt wieder an der Arcisstraße, die an einen bayerischen Sieg über Napoleon erinnert. | |
Kirche und Nationalsozialismus
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