Ökumenische Lagergemeinschaft
Hermann Scheipers (93) ist der letzte lebende deutsche Pfarrer aus dem »Pfaffenblock« des KZ Dachau
»Ihr Beruf hat in unserer Zeit keine Zukunft mehr. Und der Zölibat! Ich verstehe so etwas nicht!« - als ein SS-Mann mit diesen Worten versuchte, Hermann Scheipers vom Priesterberuf abzubringen, erwiderte dieser geistesgegenwärtig: »Schauen Sie doch auf den Führer; er gibt sich ganz dem Volke hin und ist ja auch nicht verheiratet.« Scheipers schmunzelt noch heute, mehr als 66 Jahre später, wenn er das erzählt - wie jüngst bei einem Zeitzeugengespräch der Dachauer Versöhnungskirche auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln. Alle Gebrechlichkeit des 93-Jährigen ist vergessen, wenn er seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit kräftiger Stimme und präzisen Erinnerungen fesselt.
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LWL
 »Verkehrt in freundschaftlicher Weise mit Angehörigen feindlichen Volkstums«: Hermann Scheipers kam dafür ins KZ Dachau.
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Im Sommer 1938 kommt es zum ersten Zusammenstoß des jungen Priesters mit dem NS-Regime. Scheipers organisiert in seiner Gemeinde Hubertusburg bei Leipzig eine Tagung der katholischen Jugendbewegung »Quickborn« mit 150 Teilnehmern - die am zweiten Tag von der Gestapo aufgelöst wird. Der Kaplan gerät ins Visier der Staatsmacht. Bei Kriegsbeginn wird ihm die Zulassung für sein Auto entzogen, das er für den Dienst in der weitläufigen Diasporagemeinde dringend benötigt. Als Scheipers dagegen Beschwerde einlegt, bekommt er es schriftlich: »Die Beschwerde wird abgelehnt, denn der Fahrzeughalter benutzt das Fahrzeug, um eine dem Nationalsozialismus widersprechende Weltanschauung zu verbreiten.« Der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister wartet nur auf eine Gelegenheit, den Pfarradministrator zu beseitigen.
Diese bietet sich, als Scheipers auf das Verbot für polnische Zwangsarbeiter, den deutschen Gottesdienst zu besuchen, mit Sondergottesdiensten für die Polen im Arbeitslager reagiert. Obwohl dies nicht ausdrücklich verboten ist - Scheipers hat sich kundig gemacht -, wird er am 4. Oktober 1940 ins Polizeigefängnis Leipzig eingeliefert.
Nach Vernehmungen wird ihm Heiligabend 1940 der Schutzhaftbefehl ausgehändigt: »Scheipers gefährdet den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates, indem er in freundschaftlicher Weise mit Angehörigen feindlichen Volkstums verkehrt.« In der ersten Zeit der Haft wird er gut behandelt. Man will ihn mit Angeboten einer Offizierslaufbahn vom Priesterberuf abbringen. Nach seiner eingangs zitierten schlagfertigen Antwort wird ihm Ende März 1941 die Verlegung ins KZ Dachau angekündigt. Scheipers ist deprimiert.
Am Abend vor dem Abtransport schleicht er sich in die Transportzelle, um seiner Akte die Dauer der KZ-Haft zu entnehmen. Die Gesamtbeurteilung durch die Gestapo mit der darin verfügten unbefristeten KZ-Haft ist niederschmetternd: »Scheipers ist ein fanatischer Verfechter der katholischen Kirche und deswegen geeignet, Unruhe in die Bevölkerung zu tragen. Daher weitere Schutzhaft im KZ Dachau.« Für ihn selbst aber war diese Gewissheit über den wahren Grund seiner Haft wichtig: »Ich spürte, dass meine Haft mehr bedeutete als eine Panne im Umgang mit den staatlichen Behörden, dass ich buchstäblich hineingestellt war in den Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Christus und Satan.«
Der tagelange Transport führt über eine überfüllte Sammelzelle in Hof und den Nürnberger Hauptbahnhof, wo die Gefangenen mit Stahlfesseln aneinandergekettet über den Bahnsteig geführt werden, nach Dachau. Dort der Empfang mit Schlägen, Fußtritten und der Ansprache des Lagerkommandanten: »Ihr seid vom deutschen Volk ausgestoßen. Ihr seid ehrlos, wehrlos und rechtlos. Ihr habt hier zu arbeiten oder zu verrecken.«
SS-Leute verhöhnen und quälen dann erneut die Neuankömmlinge. Scheipers verbirgt seinen Priesterkragen unter dem Kragen des Lodenmantels. Die Reihe kommt an ihn: »Warum bist du hier?« - »Freundschaftlicher Verkehr mit Polen«, fasst er seinen Schutzhaftbefehl zusammen. Da grinst der SS-Mann hämisch: »Na, wie alt war denn das Mädchen?«
Scheipers kommt ohne Ohrfeige und Fußtritt davon. Rückblickend bekennt der Priester Jahrzehnte später, niemals in seinem langen Leben habe er Gottes Nähe so deutlich gespürt wie in den KZ-Jahren. Dass der Päpstliche Ehrenprälat dies auf einem evangelischen Kirchentag tut, hat viel mit seiner Haftzeit in Block 26, Stube 3 zu tun. Hier war er nämlich gemeinsam mit evangelischen Pfarrern untergebracht: »Unvergesslich bleibt mir die gelebte ökumenische Gemeinschaft, die sichtbar wurde in gegenseitiger geistlicher Ermutigung und brüderlicher Hilfeleistung.«
Besonders verbunden war Scheipers dem letzten Leiter der evangelischen Hilfsstelle für »nichtarische« Christen in Berlin, Werner Sylten. Beide kamen wegen gesundheitlicher Probleme 1942 in den »Invalidenblock« - als Vorstufe der »Invalidentransporte« der »lebensunwerten« Häftlinge in die Gaskammer von Hartheim bei Linz eigentlich ein sicheres Todesurteil. Kurz bevor Scheipers durch den mutigen Einsatz seiner Zwillingsschwester Anna auf den Arbeitsblock zurückverlegt und der Transport von Pfarrern nach Hartheim insgesamt eingestellt wurde, kam der evangelische Mitbruder dorthin. Scheipers ist noch heute tief erschüttert über das Schicksal von Werner Sylten: »Sein Leben und Sterben war nichts anderes als Hingabe in selbstloser Liebe.«
Scheipers kehrte nach der Flucht vom Todesmarsch bei Starnberg Ende April 1945 und der endgültigen Befreiung nach Sachsen zurück - und wurde in der DDR von der Staatssicherheit drangsaliert und bespitzelt. Doch das ist eine andere Geschichte. | BUCHTIPP
Hermann Scheipers: Gratwan- derungen. Priester unter zwei Diktaturen. 4. Auflage, Leipzig 2004, 204 Seiten, ISBN 978-3- 7462- 1221-0, 9,90 Euro.
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