Schon jetzt oder noch nicht?
Warum es gut ist, dass nun öffentlich über die »Reich-Gottes-Frage« gestritten wird
Der Streit um die Theologie des Nürnberger Pfarrers Claus Petersen dreht sich vor allem um dessen Verständnis von Kreuz und Jesu Tod sowie des Abendmahls. Doch diese Positionen sind letztlich nur eine Folge seiner Reich-Gottes-Auffassung, meint unser Gastautor Klaus Simon. Hier liegt das eigentliche Problem. Und davon sind die Kirche und ihre Pfarrer gleichermaßen betroffen. Denn die Auffassung zum Reich-Gottes-Verständnis der Jesus-Überlieferung ist in Bewegung geraten. Nicht nur bei Claus Petersen.
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sob
 Ist das Reich Gottes mit Jesus bereits hier? (Gentile da Fabriano, um 1400, Pinacoteca di Brera, Mailand)
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Die besonnene Art, mit der die landeskirchliche Personalreferentin Dorothea Greiner der Theologie Petersens widerspricht (Nachrichten der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Nr. 3/2007), verdient unbedingten Respekt. Ebenso der Wunsch, nach ergebnislosen internen Gesprächen nun in eine öffentliche Diskussion einzutreten. So weit zur Form. Was aber ist der Inhalt des Disputs? Es geht um nichts Geringeres als die Zentralverkündigung Jesu. Diese besteht - da sind alle einig - in seiner Botschaft vom Reich Gottes. Und es schien immer klar, was darunter zu verstehen sei: eine jenseitige und erlösende Wende am Tage Jesu Wiederkunft. Doch nun lesen wir bei geachteten Theologen wie Gerd Theißen: Das Charakteristische der Predigt Jesu besteht darin, dass er glaubte, die zukünftige Basileia sei schon angebrochen. Jesus blickte auf die entscheidende Wende bereits zurück.
Bisher konnte man entgegnen, Jesus habe wohl sein eigenes Kommen und Wirken als Wende verstanden, sozusagen als Vorgriff auf Gottes Reich. Doch diese Interpretation gerät zunehmend unter Druck. Dazu ein Beispiel: Markus 1,15 kennen wir unter den Worten »Das Reich Gottes ist nahe« (in der Person Jesu nahe gekommen, aber grundsätzlich noch ausstehend). In seiner Abschiedsvorlesung hat der Tübinger Neutestamentler Meinrad Limbeck detailliert dargelegt, dass diese Lesart auf einem Übersetzungsfehler beruht: Im griechischen Text steht das Perfekt von 'sich nähern'. Damit kann der Evangelist unmöglich gemeint haben, Gottes Reich sei nahe. Er kann nur den Zustand meinen, der sich aus dem abgeschlossenen Nähern dauerhaft ergeben hat: Da-Sein.
Die »programmatische Erklärung«, mit der Jesus im Markusevangelium von Anfang an auftritt, ist demnach eine andere, als wir immer dachten! Nach dem Text ist Gottes Reich schon hier - ohne Wenn und Aber. Und diese Auffassung lässt sich an einer ganzen Reihe anderer Jesusworte bestätigen. Gottes Reich ist offenbar für Jesus keine jenseitige Hoffnung, sondern Einladung zum Neuanfang im realen Leben. Gottes Reich verwirklicht sich, indem wir uns auf die Einladung einlassen. Hier und jetzt. Lange Zeit waren diese Erkenntnisse der kritischen Theologie »das bestgehütete Geheimnis der Kirche«, wie der schweizer Theologe Walter J. Hollenweger einmal spöttelnd bemerkt hat. Mittlerweile aber drängen sie an die Öffentlichkeit. So widmet sich beispielsweise die Zeitschrift Bibel und Kirche des Katholischen Bibelwerks in ihrer Nummer 2/2007 dem Thema »Gottes Reich«. Der interessierte Leser kann dort in einer Reihe verständlich geschriebener Beiträge die neuen und verblüffenden Positionen kennenlernen.
Nach heutigem Stand der Forschung - und unter direktem Anhalt an der Schrift! - kann man Jesus ein präsentisches (gegenwartsbezogenes) Reich-Gottes-Verständnis nicht mehr absprechen. Es hat sich also etwas Gravierendes verändert. Pfarrer Petersen hat auf seine Weise auf die Veränderung reagiert. Wie aber wird die Kirche reagieren? Kann man die neuen Erkenntnisse ignorieren? Gibt es Gegenargumente? Wäre es an der Zeit, dem präsentischen Reich-Gottes-Verständnis innerhalb der Kirche Raum zu geben?
Das Heil allein vom Kreuz?
Die Auffassung, ob Gottes Reich grundsätzlich schon da ist (und also gelebt werden soll!) oder grundsätzlich noch aussteht (und also gar nicht gelebt werden kann!), ist nicht nur für unser Verhalten ausschlaggebend, sondern auch für das Verständnis von Kreuz, Jesu Tod und Abendmahl. Hier entzündet sich der theologische Streit. Es kann dabei vernünftigerweise nicht um Befürwortung oder Ablehnung, sondern nur um die Gewichtung dieser theologischen Inhalte gehen. Doch wird die Gewichtung durch die jeweilige Reich-Gottes-Auffassung vorbestimmt. Auch dazu ein Beispiel: Wenn nach jesuanischer Auffassung Gottes Reich jetzt schon im Bereich unseres Wirkens liegt: Kann das Heil dann allein vom Kreuz ausgehen? Gibt es dann nicht eine Teil-Verantwortung für das Gelingen von Heil, die in unserer Umkehr begründet liegt?
Schwierige Fragen. Doch dass dazu eine öffentliche Diskussion begonnen hat - dies ist ein Hoffnungszeichen. | »REICH GOTTES - JETZT«
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