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Dieser Artikel: Ausgabe 20/2007 vom 20.05.2007
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Zurück zu den Wurzeln

Auf dem Schwanberg wird der erste evangelische Friedwald eröffnet

Von Lutz Taubert

Sie heißen »Friedwald« oder »Ruheforst«: Alternative Bestattungsformen sind im Kommen und nun auch in Deutschland möglich. Die letzte Ruhestätte ist nicht mehr das Grab im Friedhof, sondern mitten im Wald. Eine kompostierbare Urne mit der Asche eines Verstorbenen wird an die Wurzel von Eichen oder Buchen gegeben. Klingt zu sehr nach Naturreligion und zu wenig nach Christentum? Nicht unbedingt: In Bayern, genauer auf dem Schwanberg in Unterfranken, wird an diesem Sonntag der erste evangelisch-lutherische Friedwald eingeweiht. Eine deutliche christliche Kennzeichnung der Begräbnisstätte sei gesichert, sagt die Kirchenleitung.

Kreuz im Friedwald: Die Naturbestattung unter Bäumen markiert einen neuen gesellschaftlichen Trend. In Deutschland gibt es bereits 17 Friedwälder und 23 Ruheforste.
Foto: Friedwald
   Kreuz im Friedwald: Die Naturbestattung unter Bäumen markiert einen neuen gesellschaftlichen Trend. In Deutschland gibt es bereits 17 Friedwälder und 23 Ruheforste.

Friedwald? Ein klug gewähltes Kunstwort, das sich einem einigermaßen schnell und schlüssig erschließt: Friedwald statt Friedhof. Natur statt Tradition, Asche im Wald statt Verwesung im Sarg.

Und statt marmorner Grabplatte ein Baum, an dem allenfalls ein Namensschildchen oder gar nur eine Nummer an die erinnert, deren Aschepartikel ins Wurzelwerk und damit - philosophisch gesprochen - in den großen Kreislauf der Natur eingehen.

»FriedWald ist eine neue Form der Bestattung in freier Natur«, lesen wir im Internet. FriedWald ist, wir merken es an der eigenwilligen Schreibweise, eine amtlich registrierte Marke, mit dem berühmten R im Kreis (®). FriedWald ist ein Unternehmen, das Geld verdient. Übrigens amtlich als Marke registriert auch »RuheForst«, das Konkurrenzunternehmen. Beim Blick über Deutschlands Grenzen hinaus treffen wir außerdem noch auf andere Begriffe, die allesamt dasselbe aussagen: Waldesruh, Naturbestattung, »Wald der Ewigkeit« oder auch: Baum-Friedhof.

»Erde zu Erde, Asche zu Asche...« - oder: kompostierbare Urne an Wurzel: Friedwald-Bestattung.
Foto: Friedwald
   »Erde zu Erde, Asche zu Asche...« - oder: kompostierbare Urne an Wurzel: Friedwald-Bestattung.

Friedwald? Mit dem Münchner Waldfriedhof, der vor 100 Jahren mit den damaligen Regeln einer Friedhofsarchitektur brach und durchaus auch auf »Naturnähe« setzte, hat die Idee einer »naturnahen Bestattung« im Friedwald gleichwohl nicht allzu viel zu tun. Der Friedhof ist eingefriedet, der Friedwald nicht (allenfalls durch ein paar Schilder gekennzeichnet). Der Friedhof hat gekieste, einigermaßen ordentlich gezogene Wege, der Friedwald nicht. Der Friedhof bedarf der Pflege, der Friedwald kaum. Den Friedhof erreicht man mit der Straßenbahn oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln. Oder er ist mitten im Dorf, gleich neben der Kirche. Der Friedwald: »j.w.d.«, irgendwo weit draußen, ein Stück vermeintlich unberührter Natur. Und zuallerletzt noch ein arbeitsmarktpolitischer Aspekt: Steinmetze und Friedhofsgärtner, für die der Friedhof Arbeit bedeutet und Broterwerb, haben in einem Friedwald nichts mehr zu tun.

Aus dem vermischten Teil der Zeitungen kennen wir, dass es mittlerweile eine ganze Menge skurriler Bestattungsarten gibt: Die See-, Luft-, Weltraumbestattung, ja seit Neuestem die Diamant- und Amulettbestattung, die vorsieht, die Asche eines Verstorbenen zu Gegenständen zu verarbeiten, die man sich zu Hause in den Wohnzimmerschrank legt oder gegebenenfalls an den Finger steckt. Als besonders kuriose Form, von dieser Welt zu verschwinden, kann wohl derzeit die »Wasserfontänenbestattung« gelten, die ein österreichischer Naturbestatter anbietet - allerdings in Budapest und nicht etwa in Schönbrunn.

Die Casteller Priorin Ursula Buske vor einem Baum auf dem Schwanberg, der durch eine Binde als »Friedwald«-Baum gekennzeichnet wurde.
Foto: Borée
   Die Casteller Priorin Ursula Buske vor einem Baum auf dem Schwanberg, der durch eine Binde als »Friedwald«-Baum gekennzeichnet wurde.

Aber das alles sind statistisch kaum ins Gewicht fallende Merkwürdigkeiten. Mit der Naturbestattung unter Bäumen aber kommt auf unsere Gesellschaft ein neuer Trend zu; die Idee des »Friedwaldes«, die aus der Schweiz stammt, erobert Deutschland im Geschwindschritt: Inzwischen zählen wir - den eben eröffneten Friedwald Schwanberg mitgerechnet - in der Bundesrepublik 17 Friedwälder und 23 Ruheforste der beiden in dieser Hinsicht »führenden« Bestattungsunternehmen, darüber hinaus noch einige weitere derartige weitgehend anonyme Urnenfelder in freier Natur, für die es dann so schöne Bezeichnungen gibt wie »Ruhehain« oder gar »Wald der Ewigkeit«.

Damit setzt sich, ob das einem gefällt oder nicht, neben der herkömmlichen Erd- oder Feuerbestattung auf einem kommunalen oder kirchlichen Friedhof eine neue Form der naturnahen Bestattung durch - womöglich typisch für unsere heutige Gesellschaft? Die Nachfrage ist jedenfalls enorm, laut Auskunft der FriedWald GmbH ist sie übrigens beim Schwanberg am allergrößten. Bislang gebe es 500 ernsthafte Interessenten, »vom jungen Motorradfahrer-Pärchen bis zum 90-Jährigen.«

Neue Beschilderung am Schwanberg.
Foto: Borée
   Neue Beschilderung am Schwanberg.

Was für eine Lebensphilosophie steckt eigentlich hinter der Idee der Naturbestattung? »Der Verstorbene soll eingehen in den großen Kreislauf Natur, poetisch ausgedrückt: teilhaben am Werden und Vergehen, am Stirb und Werde.« So beschreibt es Professor Reiner Sörries aus Wendelstein, Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Sörries ist evangelischer Theologe und weiß um die religiöse Vieldeutigkeit, die sich mit dem Friedwald verbindet: naturreligiöse Vorstellungen, esoterische Ideen. Am Beispiel der Schweizer Naturbestattung »Waldesruh« sieht Sörries gar »antike Mythologie und indianisch-keltische Auffassungen, die mit christlichen Anschauung nicht übereinstimmen«.

Auch im Friedwald-Konzept spielen für ihn Motive mit, die »weit über das Christliche hinausgehen«. So sieht der Sepulkral-Experte, der auch Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft »Friedhof und Denkmal« ist, die kirchliche Ausrichtung, ja Förderung des Friedwaldkonzeptes auf dem Schwanberg eher skeptisch und »theologisch nicht bis in die letzte Konsequenz zu Ende gedacht«. Lieber, so meint der bayerische Theologe, sollte die Kirche sich in der Arbeit ihrer eigenen kirchlichen Friedhöfe profilieren. Dass die kollektive Bestattung der Gemeindeglieder in der Verantwortung der Kirchengemeinde liegt, hält Sörries - kirchengeschichtlich - für ein wichtiges Kennzeichen des Christentums.

Ein Namensschild an einem Friedwald-Baum.
Foto: Friedwald
   Ein Namensschild an einem Friedwald-Baum.

Die bayerische Kirche hat gleichwohl den Weg gewählt, die offenbar unaufhaltsame Idee eines Friedwaldes sozusagen kirchlich zu integrieren. Deutschlands erster kirchlicher Friedwald auf dem Schwanberg ist das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen. Und er soll, wie der Landeskirchenrat formulierte, »den Bestattungsgrundsätzen unserer Kirche standhalten«: Das heißt vor allem, dass »eine seelsorgerliche Begleitung bei der Auswahl der Grabstätte und bei der Urnenbeisetzung selbst gewährleistet sein muss«.

Der Bischof selbst wird die Einweihung des ersten Abschnitts eines rund 30 Hektar großen Areals vornehmen. Forstfachleute haben etwa 300 Bäume ausgesucht, die durch Grundbucheintrag bis zu 99 Jahre gegen Abholzung geschützt sind. Der Eichen- und Buchenwald gehört der evangelischen Pfründestiftung, die für die alternative Begräbnisstätte einen Geschäftsbesorgungs- und Dienstvertrag mit der FriedWald GmbH (Griesheim bei Darmstadt) abgeschlossen hat. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe der Communität Casteller Ring, deren Schwestern dort für die Landeskirche seelsorgerliche Aufgaben übernehmen.

Ein Holzkreuz im Eingangsbereich soll den christlichen Charakter des Begräbniswalds unterstreichen. An den Bäumen, die als Grabstätten ausgewählt werden, kann auf der Namensplakette auch ein christliches Symbol eingraviert werden. Die Friedhofsordnung enthält einen Passus, wonach die Bestattungshandlungen im Friedwald nicht gegen christliches Empfinden verstoßen dürfen. Der evangelische Friedwald am Schwanberg unterscheidet sich damit deutlich von den übrigen Friedwäldern in Deutschland, die keine religiöse Prägung aufweisen.

Auf dem Schildchen steht: EFS - Evangelischer Friedwald Schwanberg.
Foto: Borée
   Auf dem Schildchen steht: EFS - Evangelischer Friedwald Schwanberg.

Bei der FriedWald GmbH, die für die Belegung der Baumgräber zuständig ist, kostet ein Platz unter einem »Gemeinschaftsbaum« mit zehn Ruhestätten derzeit etwa 800 Euro. Familien können Rechte an einem Baum mit bis zu zehn Plätzen ab 3350 Euro erwerben. Der genaue Preis richte sich nach Alter, Art und Lage des Baumes, so das Unternehmen. Beigesetzt wird die Asche der Verstorbenen in biologisch abbaubaren Urnen.

Verantwortlich für die Pflege des Friedwalds nach »anerkannten ökologischen und forstlichen Grundsätzen« bleibt die kirchliche Pfründestiftung als Eigentümerin. Sie hat an die FriedWald GmbH lediglich das Bestattungsrecht verpachtet. Die Pfründestifung, so fasste deren Vorstand Oberkirchenrat Claus Meier gegenüber dem Sonntagsblatt zusammen, habe damit den landeskirchlichen Auftrag umgesetzt, »alternative Bestattungsformen in christlichem Kontext zu ermöglichen.«

So beginnt an diesem Sonntag auf dem Schwanberg - wenn man so will - ein gesellschaftliches Experiment: Die Bestattung der Toten folgt bisher weitgehend Traditionen und Riten, war und ist ein »Kerngeschäft« der Kirche. Die Gesellschaft geht künftig - das ist der Trend - wohl anders als bisher mit ihren Toten um, ein Stück anonymer, auch individueller, und auch - zynisch gesprochen - »pflege­leichter«. Wird dieser neue Umgang immer noch ein christlicher sein?

Schwester Ursula Buske, Priorin auf dem Schwanberg, wird im Internet-Auftritt der »FriedWald GmbH« mit den Worten zitiert: »Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und Sterben findet einen realistischen, vielleicht auch heiteren Ausdruck in der Suche nach dem Beisetzungsplatz im Friedwald.« Ist das das neue und immer noch christliche Totengedenken?

FRIEDWALD

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abgerufen 08.02.2012 - 11:47 Uhr

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