»Vermischung von Zoologie und Ethik«
Dissertation über die Rassenpolitik der bayerischen Landeskirche im Dritten Reich
Von
Thomas Greif
Blond wie Hitler, schlank wie Göring, groß wie Goebbels: So sehe wahrscheinlich der ideale »Arier« aus, munkelte der Volksmund im Deutschland der 1930er-Jahre. Die nationalsozialistische Rassendoktrin war mit einem einzigen Spottvers ad absurdum zu führen. Umso unfassbarer erscheint uns heute, wie es ihren Protagonisten gelang, sie zur Richtschnur des gesellschaftlichen und mitunter auch kirchlichen Lebens zu machen. Ein neues Buch untersucht den Umgang der bayerischen Landeskirche mit dem »Arierparagrafen« und ihren davon betroffenen Pfarrern.
 Foto:
sob
 Manifest gemacht: die Liste der insgesamt 13 evangelischen Pfarrfamilien mit jüdischer Herkunft, die aufgrund einer Erhebung in den Dekanaten erstellt wurde (im landeskirchlichen Archiv in Nürnberg).
|
Hans Meiser, seit 1933 bayerischer Landesbischof, pflegte gewöhnlich einen ausgesprochen kultivierten, ausgewogenen, ja diplomatischen Stil. Das entsprach seiner Auffassung von seinem Amt und wohl auch seinem Naturell.
Freilich, der Bischof konnte auch beim Beantworten seiner persönlichen Post schon mal die Contenance verlieren. Dann wetterte er 1938 gegen die »unerhörten Lügen«, er geißelte die »glatte Verleumdung«, er widerlegte detailliert ein Gerücht, das ihm ein Lehrer aus Putbus (Rügen) zugetragen hatte, nannte es »Schwindel« und verlangte zu erfahren, wer das Gerücht in die Welt gesetzt habe: »Damit ich das Weitere veranlassen kann.«
 Foto:
sob
 Sie wurden zum Opfer der nationalsozialistischen Rassepolitik, der sich die bayerische Kirchenleitung nur halbherzig entgegenstellte: Hans Werner Jordan, ...
|
Der Briefeschreiber hatte sich bei Meiser erkundigt, ob dessen Ehefrau tatsächlich »eine Tochter von Kurt Eisner sei, eine Vollblutjüdin«, wie er es von einem thüringischen Pfarrer gehört habe.
Die ganze Angelegenheit zerstob im Wind, weil sich der Lehrer verhört hatte und dies auch eine Woche später schriftlich richtig stellte: Die Rede war nämlich von einem anderen bayerischen Pfarrer gewesen, Georg Börner in Großengsee, der tatsächlich mit der Tochter des bayerischen Revolutionärs Eisner verheiratet war. Da war Meisers impulsiver Brief aber schon geschrieben.
Der Nürnberger Pfarrer Axel Töllner hat ihn bei den Recherchen für seine Dissertation »Eine Frage der Rasse« unter hunderten anderen im Personalakt Meisers im Landeskirchlichen Archiv entdeckt. Ein kleiner Baustein in einem gewaltigen Mosaik, aber einer, der mehr aussagt als allerlei diplomatische und ausgewogene Traktate aus des Bischofs Feder und für einen Moment einen Blick in dessen innerste Denkwelt gestattet. Das bloße Gerücht, seine Frau könne jüdischer Abstammung sein, war für Meiser eine unerhörte Beleidigung.
 Foto:
sob
 ... Wolfdietrich Schröter, ...
|
Der Virus des völkischen Rassenwahns hatte auch den Landesbischof der bayerischen Lutheraner infiziert, und nicht nur ihn: Schon vor 1933 begeisterten sich die Deutschen für Gobineaus Phantasien von der arischen Herrenrasse, lasen zu Hunderttausenden Artur Dinters rassistisch-bornierten Roman »Sünde wider das Blut« und jubelten Demagogen wie dem Nürnberger Gauleiter Julius Streicher zu, wenn sie von »jüdischen Parasiten im deutschen Volkskörper« schwadronierten.
Deutschlands Eliten nahmen die Irrationalität für bare Münze und begannen, nach 1933 nun auch von Angst und vorauseilendem Gehorsam befeuert, den Unsinn einer biologischen Klassifizierung von »Halb-« oder »Vierteljuden« immer häufiger mit mörderischer Konsequenz durchzuexerzieren.
Das Denken und die Terminologie machten auch vor der Kirche nicht Halt, wie das prominente Beispiel Hans Meiser beweist, im Gegenteil, es fand in den jahrhundertealten Traditionen des christlichen Antijudaismus reichen Nährboden. In Erlangen bekannten die Professoren Werner Elert und Paul Althaus 1933 namens der Theologischen Fakultät: »Für die Stellung der Kirche im Volksleben und für die Erfüllung ihrer Aufgabe würde in der jetzigen Lage die Besetzung ihrer Ämter mit Judenstämmigen im allgemeinen eine schwere Belastung und Hemmung bedeuten.«
 Foto:
sob
 ... Julius Steinmetz, ...
|
Der staatliche »Arierparagraf«, der die Ruhestandsversetzung von Beamten »nicht arischer Abstammung« vorschrieb, sei darin begründet, so formulierte man in dem berüchtigten »Erlanger Gutachten«, weil das deutsche Volk »… heute die Juden mehr denn je als fremdes Volkstum« empfinde. Die Idee von der Taufe als entscheidendes Bindeglied der christlichen Gemeinschaft stand auf einmal in der zweiten Reihe, und nur einem fiel das ganz und gar auf, nämlich dem Landpfarrer Karl-Heinz Becker aus dem mittelfränkischen Ezelheim. Er protestierte gegen die »Vermischung von Zoologie und Ethik, wie sie heute weitgehend geübt wird« - eine einsame Stimme in der Wüste.
Die bayerische Landeskirche übernahm zwar seinerzeit, anders als andere Landeskirchen, den »Arierparagrafen« nicht, weil man die von den außerdeutschen Lutheranern angedrohte Isolation fürchtete.
Als jedoch der Staat 1938 von allen Pfarrern, die Religionsunterricht gaben, den entsprechenden »arischen« Nachweis forderte, kam es zum Schwur. Und der fiel nur zu willig zugunsten des staatlichen Rassismus aus.
 Foto:
sob
 ... Johannes Zwanzger.
|
Die Pfarrer trugen den Parteibonzen ihre makellosen »Ariernachweise« hinterher, stellten bei der Gelegenheit auch gleich ihre Führertreue unter Beweis - und vergaßen, dass sie damit einige in ihren Reihen in höchste Bedrängnis brachten. »Vorauseilenden Gehorsam« hat Töllner bei der Kirche und ihren Amtsträgern ausgemacht: »Vorrangig blieb das Bemühen, dem Staat die kirchliche Loyalität zu versichern.«
Zu einem einheitlich-schützenden Vorgehen gegenüber den 13 betroffenen bayerischen Pfarrern, die im Sommer 1938 in einer landesweiten Erhebung ermittelt wurden, kam es daher nicht. Vielmehr versuchte die Kirchenleitung, von Fall zu Fall zu taktieren, ohne sich auf allgemeingültige Konsequenzen einlassen zu müssen: Man versetzte etwa den Weißenbronner Pfarrer Andreas Zwanzger in den Vorruhestand, verschaffte Hans-Werner Jordan (Steinheim) und Johannes Zwanzger (Thüngen) Arbeit in den neu gegründeten »Hilfsstellen für nichtarische Christen«, wo sie keinen Religionsunterricht zu erteilen hatten, und konnte sich im Falle des Augsburger Stadtvikars Wolfdietrich Schröter ganz enthalten, weil der Betroffene zur Wehrmacht eingezogen wurde.
 Foto:
sob
 Sie trugen in den Jahren des »Dritten Reiches« Verantwortung in Kirchenleitung und theologischer Lehre: Landesbischof Hans Meiser sowie...
|
Schon 1935 war es zu einer spektakulären Versetzung gekommen: Pfarrer Ernst Lipffert musste seine Stelle in Partenkirchen räumen und auf Münchner Weisung ins oberfränkische Himmelkron ziehen.
Vorausgegangen war ein Artikel in Julius Streichers Hetzpostille »Der Stürmer«, in dem Lipfferts Ehefrau Klementine als »Jüdin« bezeichnet wurde - das genügte, um das gemeindliche Mikroklima dauerhaft zu vergiften.
Beim genauen Studium des Falles hat Töllner eine interessante Feststellung gemacht: Während sich Lipfferts Vorgesetze nur zu willig von den braunen Denunziationen beeinflussen und das im »Stürmer« polemisch vorgetragene Rassenargument gelten ließen, bewiesen etliche einfache Angehörige der Kirchengemeinde in ihren Eingaben das, was wir heute gemeinhin als gesunden Menschenverstand zu bezeichnen pflegen.
»Als die Kirchenleitung mich verbannte«
 Foto:
sob
 ... die beiden Professoren für Systematische Theologie an der Universität Erlangen, Werner Elert und ...
|
Am härtesten traf es den Pfarrer von Azendorf in Oberfranken, Julius Steinmetz, einen betont vaterländischen Mann, der bereits 1931 seinen jüdischen Geburtsnamen Cohen hatte ändern lassen und vor 1933 gar als Redner für die NSDAP aufgetreten war. Hitlers Machtergreifung hatte Steinmetz mit den Worten bejubelt: »Nun ist endlich die gewaltige Erhebung der nationalen Revolution ausgebrochen, die die vaterlandsfeindlichen Elemente hinwegfegte und uns die Hoffnung gibt, dass sie den Aufstieg zu einem neuen großen starken Deutschland vorbereite!«
Doch auch derlei nationale Aufwallungen oder Hinweise auf dreijährige Frontkämpfertätigkeit im Ersten Weltkrieg schützen Steinmetz nicht vor der unerbittlichen Scheinlogik der NS-Rassenideologie. Sein Vater war gebürtiger Jude gewesen, und nun zählte nur noch das. Ende 1938 versetzte die Landeskirche Steinmetz in den einstweiligen Ruhestand - während sein Bruder, der in staatlichen Diensten stand, weiterarbeiten durfte, was ein mit Steinmetz bekannter Pfarrer auch prompt dem Landesbischof schrieb. Meiser antwortete, er kenne den Fall zu wenig, um »wirklich zutreffend urteilen zu können«.
 Foto:
sob
 ... Paul Althaus, die Autoren des Erlanger Gutachtens zum »Arierparagrafen«.
|
Julius Steinmetz beschäftigte sich mit astronomischen Berechnungen und erstellte - wieder betont vaterländisch! - ein Ehrenbuch aller gefallenen evangelischen Theologen des Ersten Weltkrieges.
1944 wurde er zur Zwangsarbeit in Thüringen bestellt und im April 1945, auf dem Weg ins KZ Flossenbürg, von amerikanischen Truppen befreit. 1946 übertrug man ihm die Pfarrstelle in Gerolfingen am Hesselberg; die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit wurde seitens der Landeskirche nie mehr thematisiert.
»Als mich die Gestapo ins KZ holte 1944, ging ich zwar nicht gern, aber ohne Verbitterung, denn Diktaturen entledigen sich ihrer Gegner auf irgendeine Weise. Als die Kirchenleitung mich in die Verbannung schickte, ging ich mit Bitterkeit«, schrieb Julius Steinmetz 1960, fünf Jahre vor seinem Tod. | BUCHTIPP
Axel Töllner: »Eine Frage der Rasse? Die Evangelisch- Lutherische Kirche in Bayern, der Arier- paragraf und die bayerischen Pfarrfamilien mit jüdischen Vorfahren im Dritten Reich«. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17- 019692-6, 467 Seiten, 39 Euro.
|
Kirche und Nationalsozialismus
|
Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.
Artikel unter anderem zu den Themen |
| |

|
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
|
| |
|
 |