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Dieser Artikel: Ausgabe 18/2007 vom 06.05.2007
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Mit Wieglebs Händen gebaut

In Ansbach ist das ehrgeizigste Orgelprojekt Bayerns abgeschlossen

Von Thomas Greif

Neue Orgeln werden in Bayern alle paar Monate in Dienst gestellt. Wenn allerdings am 17. Juni zum ersten Mal die neue Wiegleb-Orgel in der Ansbacher Gumbertuskirche im Gottesdienst erklingt, ist es kein Einweihungstag wie jeder andere. Ansbach bekommt ein Instrument mit mehreren Superlativen. Vollendet ist das zeitweise umstrittenste Instrument Deutschlands, die augenblicklich gewaltigste historische Orgelrekonstruktion Europas und, so raunt die Fachwelt: die vielleicht beste Bach-Orgel der Welt.

Am Sonntag, 17. Juni, wird in Ansbach die rekonstruierte Wiegleb-Orgel geweiht. Am Spieltisch: Rainer Goede, Organist und Kirchenmusikdirektor.
Foto: Fechter
   Am Sonntag, 17. Juni, wird in Ansbach die rekonstruierte Wiegleb-Orgel geweiht. Am Spieltisch: Rainer Goede, Organist und Kirchenmusikdirektor.

Wiegleb: Ein Wort, das die Ansbacher Öffentlichkeit nun fast zwei Jahrzehnte in Atem hält und auf dem Höhepunkt des örtlichen Orgelstreites vor rund zehn Jahren geeignet war, alte Freundschaften zu zerstören. Es gibt kaum einen Orgelneubau ohne Knirschen in der Gemeinde, zu atemberaubend sind die Summen, die inzwischen aufgebracht werden müssen, und zu langfristig die Weichenstellungen; aber dass sich, wie hier, eigens ein Verein gründete, um das geplante Orgelprojekt zu verhindern, gehört ins Kabinett der kirchlichen Kuriositäten.

Der barocke Orgelprospekt in der Ansbacher Gumbertuskirche zählt zu den schönsten in Süddeutschland.
Foto: Fechter
   Der barocke Orgelprospekt in der Ansbacher Gumbertuskirche zählt zu den schönsten in Süddeutschland.

Christoph Reinhold Morath, der amtliche Orgelsachverständige, der selbst an dem (alten) Instrument in St. Gumbertus das Orgelspiel erlernte, sieht die Gründe für die seinerzeitigen Auseinandersetzungen, die der Evangelische Pressedienst vor zehn Jahren gar als »Ansbacher Orgelkrieg« klassifizierte, »im persönlichen Bereich«. Die Argumente der Gegner seien jedenfalls »von hoher Irrationalität« gewesen, sagt Morath. Nach der Auftragsvergabe zur Rekonstruktion der Wiegleb-Orgel im Jahr 2004 stellte der »Aktionskreis zur Erhaltung der Steinmeyer-Orgel an St. Gumbertus in Ansbach« seine Aktivitäten ein; die seinerzeitige Internet-Adresse führt heute ins Leere.

Um das Für und Wider der neuen Orgel einordnen und die Einzigartigkeit des Instruments verstehen zu können, ist zunächst ein Blick ins Jahr 1736 nötig. Damals erhielt der Orgelbaumeister Johann Christoph Wiegleb, geboren 1690 im thüringischen Heldritt, den Auftrag, eine Orgel für die neue Hofkirche des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach zu fertigen. Wiegleb hatte mit etwa 21 Jahren in Wilhermsdorf eine Werkstatt gegründet und seither zahlreiche Orgeln gebaut, zumeist für kleine markgräfliche Dorfkirchen.

Die Gumbertuskirche wurde in ihrer heutigen Gestalt 1736 als neue markgräfliche Hofkirche erbaut.
Foto: Fechter
   Die Gumbertuskirche wurde in ihrer heutigen Gestalt 1736 als neue markgräfliche Hofkirche erbaut.

Wieglebs erste Ideen für ein Instrument mit etwa 30 Registern und zwei Manualen wurden vom markgräflichen Hofarchitekten Leopold von Retty kassiert. Ihro Hochfürstliche Durchlauchtigkeit Carl Wilhelm Friedrich war schließlich nicht irgendein nachrangiger Provinzadeliger, sondern der Schwiegersohn des preußischen Königs, er baute Kirchen und Schlösser am Fließband und pflegte sein Image als glanzvoller Barockfürst als Besitzer des größten Falkenhofes Europas. Da konnte die beste Orgel nur gerade gut genug sein.

Retty entwarf einen prunkvollen Orgelprospekt, der fast unverändert erhalten ist und zu den schönsten Barockprospekten Süddeutschlands gerechnet wird. Johann Christoph Wiegleb baute in zwei Jahren eine Orgel mit 47 Registern und drei Manualen, ein für die damalige Zeit geradezu monumentales Werk. Die Orgel der Ansbacher Hofkirche war - sicher zur Zufriedenheit des selbstbewussten Markgrafen - fortan die größte Orgel in Franken. Wiegleb durfte sich künftig stolz des Markgrafen »Hof- und Landorgelmacher« nennen und baute bis zu seinem Tode 1749 noch mindestens 13 Orgeln, von denen aber keine auch nur annähernd das Ansbacher Prestigeprojekt erreichte.

Barocke Fassade - und nun auch wieder barocker Klang?
Foto: Fechter
   Barocke Fassade - und nun auch wieder barocker Klang?

Freilich, auch der Ruhm der barocken Gumbertusorgel welkte. 1884, die markgräfliche Herrlichkeit war längst dahin, fertigte Georg Friedrich Steinmeyer (Oettingen) unter Verwendung großer Teile der alten Orgel ein neues Instrument. Albert Schweitzer nannte sich selber in einem Brief an die Kirchenverwaltung »einen großen Bewunderer« dieses Werkes, das nichtsdestotrotz schon 1961 unter dem Einfluss des Orgelzeitgeistes durch einen weiteren Neubau der Firma Steinmeyer ersetzt wurde. Nun war von Wiegleb außer ein paar einzelnen Pfeifen nur noch der herrliche Prospekt vorhanden, ein Umstand, der geradewegs zur entscheidenden Frage des ganzen Neubauprojektes von heute führt, eine Frage, die seit Jahren die Aufmerksamkeit der europäischen Orgelfachwelt nach Ansbach lenkt: Lässt sich eine historische Orgel, von der derart wenig Substanz erhalten ist, so rekonstruieren, dass man dem Original dabei auch nur halbwegs nahe kommt?

»Natürlich haben wir nicht die Ohren der Menschen des 18. Jahrhunderts«, sagt Morath im Sonntagsblatt-Interview. Aber der Sachverständige teilt die Meinung mit dem Organisten, Kirchenmusikdirektor Rainer Goede: »Wir sind ungemein nahe an Wiegleb dran.« Tatsächlich wurde die Idee der möglichst getreuen Rekonstruktion zum allein maßgeblichen Kerngedanken des Orgelprojektes, was sich vor allem bei der Auftragsvergabe bemerkbar machte: Nur die niederländische Firma Reil in Heerde war willens, sich geradezu sklavisch den Vorgaben Wieglebs zu unterwerfen und auf eigene künstlerische Akzente zu verzichten. »Wir haben diese Orgel mit den Händen Wieglebs gebaut«, sagt Firmenchef Hans Reil.

Wissenschaftlich fundierte Rekonstr
Foto: Fechter
   Wissenschaftlich fundierte Rekonstruktion: »Werkstattbuch« von Wieglebs Sohn Johann Friedrich.

Wie in einem Puzzle fügten Fachleute, allen voran Goede und der emeritierte Erlanger Literaturwissenschaftler Egert Pöhlmann, die Wissensbausteine zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Beim Umbau 1884 etwa hatte der Orgelbauer die alte Disposition ins Gehäuse notiert. Ein »Werkstattbuch« von Wieglebs Sohn Johann Friedrich gab Auskunft über Konstruktionsprinzipien sowie Bau- und Maßangaben einzelner Register. Zusätzlich zu den wenigen aus Ansbach fanden sich auf dem Dachboden der Windsheimer Kilianskirche, wo Wiegleb zwei Jahre zuvor eine Orgel gebaut hatte, noch zahlreiche originale Pfeifen. Biographische Studien und zahlreiche Touren durch Thüringen ließen Wieglebs Verbindungen in seine Heimat klar werden.

Mit welch detektivischem Eifer die Wieglebianer zu Werke gingen, schildert Goede am Beispiel der Windanlage. Bis vor kurzem war unklar, wo sich in der historischen Orgel der Platz der Calcanten befand, die auf Klingelzeichen des Organisten die zehn Windbälge zu treten begannen. In einem Verwaltungsakt aus dem Jahr 1850 fand Goede die Beschwerde eines Calcanten über die misslichen Arbeits- und Entlohnungsbedingungen; besonders beklagte der Mann seinen zugigen Platz neben einem Fenster und die 112 Treppenstufen, die vor jedem Dienst zu überwinden seien. 112 Stufen sind es auch bis zu einer bestimmten Ebene im Turmgeschoß, die tatsächlich über ein Fenster verfügt. Hier oben steht nun die Windanlage, deren Elektromotor das einzige nennenswerte Zugeständnis an die Moderne ist. Wahlweise lässt sich die Orgel aber auch auf Fußbetrieb umstellen.

Ein völlig neuer Eindruck von barocker Orgelmusik

Blick hinter die Orgel: Rainer Goede.
Foto: Fechter
   Blick hinter die Orgel: Rainer Goede.

Nun ist das Puzzle fertig, und das Ergebnis ist tatsächlich überwältigend. Die neue alte Wiegleb-Orgel erweist ihren Konstrukteur als einen eigenwillig-genialen Meister, dessen Werk seiner Zeit ein Jahrhundert voraus ist, mit einzigartigen Registern wie dem Petit 4 Fuß, das es nur hier gibt, ein einziges Mal auf der Welt, oder mit dem ersten in Deutschland gebauten Orgelschwellwerk. Wieglebs Disposition ist reich an Grundstimmen, eine »Streicherorgel«, sagt Goede, und wirft damit alles über den Haufen, was man sich hierzulande jahrzehntelang unter barocker Orgelmusik vorstellte. »Es gibt nichts besseres auf der Welt, keine Orgel, die den Klangvorstellungen von Bach so nahe kommt wie diese«, schwärmt der Organist; schon heute kommen hochkarätige Kollegen aus dem Ausland und lassen sich abends für ein paar Stunden einsperren, um in dem neuen Klangerlebnis baden zu können. Die Wiegleb-Orgel, ist Goede überzeugt, hat das Zeug, zu einem Markstein der Bach-Rezeption zu werden: »Vieles, was wir bisher wissen und tun, müssen wir im Angesicht dieser Orgel neu überdenken.«

Für diesen epochalen kulturellen Ertrag muss die Kirchengemeinde allerdings auch eine epochale Summe aufbringen. 1,36 Millionen Euro kostet das neue Schmuckstück von St. Gumbertus, und ohne Zuschüsse von Regierung, Stadt und Bachwoche und die Arbeit eines eigenen Orgelbauvereins wäre das Projekt zum Scheitern verurteilt gewesen. Das Finanzbarometer taugt durchaus als Indiz, dass sich der einstige Orgelstreit längst verflüchtigt hat: Nach den Worten von Pfarrer Friedrich Käpplinger fehlten Ende April in der Orgelkasse gerade mal noch 47.000 Euro.

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WIEGLEB-ORGEL

Veranstaltungen

   Einweihung am Sonntag, 17. Juni:
10 Uhr: Kantatengottesdienst zur Orgelweihe. Kantate »Lauda Jerusalem« von Georg Heinrich Blümler. Solisten, Neue Hofkapelle Ansbach, Orgel und Leitung: Rainer Goede. Predigt: Landesbischof Johannes Friedrich.

Stündlich 13-16 Uhr: Bildpräsentationen und Orgelvorführungen mit Orgelbaumeister Hans Reil und Christoph Reinhold Morath (Orgelsachverständiger).

17 Uhr: Festkonzert mit Werken von J. W. Franck, G. Torelli und J. S. Bach. Solisten, Neue Hofkapelle Ansbach, Leitung und Orgel: Rainer Goede.

   Wiegleb-Orgelsommer:
Orgelkonzerte mit wechselnden Themen und Organisten (Termine meist Mittwoch, 20 Uhr ab 20. Juni).

Orgelmusik zur Marktzeit jeweils am Samstag, 12 Uhr (23. Juni bis 29. September). Infos:  www.musicasacra.de

   Bachwoche 2007
Vom 27. Juli bis 5. August mit zahlreichen Veranstaltungen an der Wiegleb-Orgel.

Infos:  www.bachwocheansbach.de

   CD
Zur Orgelweihe erscheint die erste CD der Wiegleb-Orgel.

Kirchenmusikdirektor Rainer Goede (Ansbach) spielt die achtzehn Leipziger Choräle von J. S. Bach (BWV 651-668). Zu bestellen bei der Kirchengemeinde St. Gumbertus, J.S.-Bach-Platz 5, 91522 Ansbach,  www.gumbertus.de

   Weitere Informationen
Im Internet auf der Webseite des Orgelbauvereins unter  www.wiegleb-orgel- ansbach.de

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abgerufen 08.02.2012 - 23:40 Uhr

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