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Dieser Artikel: Ausgabe 16/2007 vom 22.04.2007
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Das zweite Leben vor dem Tod

Eindrücke von einem Streifzug durch die Internet-Welt von »Second Life«


Die virtuelle Internet-Welt »Second Life« scheint grenzenlos. Doch vor allem geht es - um Geld. Weil es »reale« Menschen sind, die hier ein zweites Leben führen, geht es auch um Religion.

Die Kirche neben dem Sex-Shop: Menschliche Bedürfnisse und Nöte erscheinen in Second Life greller als im »echten« Leben.
Foto: sob
   Die Kirche neben dem Sex-Shop: Menschliche Bedürfnisse und Nöte erscheinen in Second Life greller als im »echten« Leben.

Die virtuelle Internet-Welt »Second Life« scheint grenzenlos. Doch vor allem geht es - um Geld. Weil es »reale« Menschen sind, die hier ein zweites Leben führen, geht es auch um Religion.Fast sechs Millionen Bewohner sind bereits registriert, täglich werden es mehr. 500000 Menschen waren in der letzten Woche da. Mindestens 20000 Menschen sind zu jeder Tageszeit online in der virtuellen Welt von Second Life, die längst zu einem Millionengeschäft geworden ist: Rund zwei Millionen US-Dollar beträgt derzeit der Tagesumsatz.

Eigentlich ist man versucht, das Ganze als Spinnerei abzutun: Auf einem Computerbildschirm bewegen sich in furchtbar künstlich aussehenden Häusern und Straßen nicht minder künstlich aussehende Menschen, die durch den Austausch eingetippter Sätze miteinander sprechen, die dann auf dem Bildschirm zu lesen sind. Das hört sich umständlich an - und ist es auch.

Schöner und jünger sein, mal eine Frau, mal ein Mann sein, ein Auto fahren, das man sich nie leisten könnte, fliegen - all das ist möglich im »zweiten Leben« von Second Life.
Foto: sob
   Schöner und jünger sein, mal eine Frau, mal ein Mann sein, ein Auto fahren, das man sich nie leisten könnte, fliegen - all das ist möglich im »zweiten Leben« von Second Life.

Vielleicht der Grund, warum über 80 Prozent derer, die sich bei Second Life angemeldet haben, nach dem ersten Besuch nicht wiederkommen. Doch Weltfirmen wie Daimler-Chrysler, BMW, Adidas oder Coca-Cola erscheint die Spinnerei inzwischen seriös genug, um in Second Life Filialen aufzumachen.

Die Evangelikalen sind schon da

Das Königreich Schweden will noch in diesem Monat eine Botschaft eröffnen, die Stadt Frankfurt am Main hat bereits eine Kopie ihrer selbst ins Second Life gesetzt. Der Erfinder dieser Welt, der Amerikaner Philip Rosedale, hat hochfliegende Pläne und spricht davon, eines Tages 1,5 Milliarden Bürger in Second Life zu versammeln.

Viele große Unternehmen sind schon präsent in Second Life.
Foto: sob
   Viele große Unternehmen sind schon präsent in Second Life.

Für den Umzug in die zweite Welt braucht es nicht viel: einen Computer mit moderner Grafikkarte und einen schnellen Internetanschluss. Das Programm, das einen nach Second Life transportiert, gibt es kostenlos beim Anbieter ( www.secondlife.com). Wer nur ein bisschen gucken und schwatzen will, muss keinen Eintritt bezahlen. Der Neueinsteiger wählt sich erst einmal eine Identität (Geschlecht, Aussehen, Name sowie eine Sammlung an Bewegungen, die der Kunstfigur einprogrammiert werden). Dann wandert er oder sie als sogenannter Avatar durch die digitale Welt. Das Wort Avatar kommt aus dem Hinduismus. Es bezeichnet dort einen Gott, der in Gestalt eines Menschen oder eines Tieres auf die Erde herabsteigt und sozusagen eine Inkarnation dieses Gottes darstellt.

Evangelikale Kirchen und Gruppen wie die US-amerikanische Jesus-House-Gemeinde haben Second Life längst als Missionsfeld erkannt. Das schlichte Kirchengebäude von Jesus-House ist verziert mit der weihnachtlich anmutenden Leuchtschrift »Christ is born« (Christus ist geboren). Hier findet vor einem knappen Dutzend Besuchern ein Lobpreis-Gottesdienst statt. Doch zuvor empfiehlt es sich, ein Paket mit Anbetungs-Gesten herunterzuladen, die man als Avatar verwenden kann. Da gibt es die erhobenen Arme, die empfangende Haltung mit den nach oben gerichteten Handflächen vor dem Körper oder die klassische Gebetshaltung mit gefalteten Händen und auf den Knien. Aber auch tanzen lassen kann man sein zweites Ich.

Gesang am Altar einer virtuellen Kirche.
Foto: sob
   Gesang am Altar einer virtuellen Kirche.

Die großen Kirchen sind noch spärlich in Second Life vertreten. André Krug, Internetspezialist beim Frankfurter Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), sagt, man wolle noch ein paar Monate abwarten mit der Entscheidung über einen virtuellen Kirchbau. Es lasse sich bislang nicht abschätzen, ob Second Life nur eine vorübergehende Modeerscheinung sei oder dauerhaft ein Massenpublikum anlocken werde.

Zumal Second Life alles andere als ein Tummelplatz der Frommen ist - ganz im Gegenteil: Eine »Kirche Satans« steht dort ebenso wie die Tempel diverser obskurer Sekten. Viele Nutzer suchen im Second Life unverbindliche Sexkontakte und Pornokinos. Was zu grotesken ethischen Problemen führt.

Anonymer Raum für dunkle Fantasien: In Second Life bietet viele Bilder von Sex, Gewalt und religiös Obskurem.
Foto: sob
   Anonymer Raum für dunkle Fantasien: In Second Life bietet viele Bilder von Sex, Gewalt und religiös Obskurem.

Sex mit »Kindern«

Sex mit »Kindern« ist in Second Life kein Problem, weil Avatare in Kindergestalt ihre virtuellen Dienstleistungen anbieten. In den Niederlanden hat man bereits versucht, dagegen rechtlich vorzugehen. Doch Sex mit virtuellen Wesen entzieht sich derzeit noch der Strafbarkeit - auch wenn den Beobachter das Gefühl beschleichen mag, dass solche Angebote den Hunger nach sexuellen Begegnungen mit Minderjährigen im »richtigen« Leben nur steigern können.

Fragen wie die, ob die immer beliebteren Hochzeiten zwischen Second Life-Avataren gültige Ehen sind, ob man im richtigen Leben verheiratet sein darf oder der Polygamie verfällt, beschäftigen indes eher die Minderheit der frommen Christen, die sich in Second Life tummeln. Sie schätzen die unkomplizierte Möglichkeit, Christen aus anderen Nationen zu treffen und die einfachen Gespräche mit Nichtchristen.

»Wohnzimmer« mit frommem Wandschmuck.
Foto: sob
   »Wohnzimmer« mit frommem Wandschmuck.

Doch vor allem geht es in Second Life immer mehr um Geld, um viel Geld. Schlagzeilen gemacht hat im vergangenen Jahr die mit einem Deutschen verheiratete Chinesin Ailin Gräf, die nach eigenen Angaben ihre erste Dollar-Million in der virtuellen Welt verdient hat. Sie unterhält inzwischen im chinesischen Wuhan eine Firma mit 50 Angestellten, die nur für Second Life arbeiten. Gewinne erwirtschaftet man - wie im richtigen Leben - durch Waren und Dienstleistungen. Genau genommen durch Programmierleistung, die man verkauft.

Virtuelle Welt, echte Nöte

Wer also schicke Markenmode im Second Life ersteht, bezahlt dabei tatsächlich einen Computerexperten, der dem künstlichen Textil per Programmierung Farbe, Muster und Schnitt gegeben hat. Wer ein Haus oder einen Garten kauft, bezahlt einen Programmierer, der fürs Internet bestimmte Pflanzen, Mauern und Möbel künstlich nachgebaut hat.

Einer von zahlreichen virtuellen Kirchenbauten.
Foto: sob
   Einer von zahlreichen virtuellen Kirchenbauten.

Um ein Grundstück zu kaufen, ist eine Premiummitgliedschaft zu monatlich 7,45 Euro erforderlich. Gewinne können jedoch in echtes Geld zurückgetauscht werden - und somit lassen sich Erlöse aus der künstlichen Welt tatsächlich in die bare Münze der realen Welt verwandeln.

Doch hinter allen Avataren, die es ins Second Life zieht, stehen Menschen. Zum Beispiel »JayMaze«, der sich ein riesiges, noch kahles Grundstück gekauft hat. Er ist Belgier, sein Sohn ist vor vier Jahren bei einem Autounfall gestorben. Nun möchte er ihm »ein Denkmal bauen«.

Gedächtnishalle für die Opfer der Demonstrationen auf dem Tian'anmen-Platz in Peking 1989.
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   Gedächtnishalle für die Opfer der Demonstrationen auf dem Tian'anmen-Platz in Peking 1989.

Eine »kleine mittelalterliche Stadt« soll es werden, auch wenn der Belgier noch keine Ahnung hat, wie man in dieser Welt überhaupt ein Haus baut. »Aber«, sagt er, »ich werde es herausfinden. Ich habe das Gefühl, dass ich das einfach tun muss.«

Menschen wie »JayMaze«, die in einer künstlichen Sphäre versuchen, Probleme aufzuarbeiten, die sie im richtigen Leben nicht in den Griff bekommen, die sind in Second Life alles andere als selten. Auch im »zweiten Leben« vor dem Tod geht es um Leben - und Tod.

UMFRAGE

Waren Sie schon in »Second Life«? Nachgefragt bei Menschen aus der evangelischen Kirche. » lesen!

 

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M. Mockler/T. Schuhmacher/ms

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:48 Uhr

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