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Dieser Artikel: Ausgabe 14/2007 vom 08.04.2007
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Theologischer Streit um den »Himmel auf Erden«

Landeskirchenrat sieht die ökumenische Initiative »Reich Gottes - jetzt« im Widerspruch zur rechten Lehre


Es liege »ein Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis« vor: Dieses nun öffentlich gemachte Votum des bayerischen evangelisch-lutherischen Landeskirchenrats zur jesuanischen Theologie, die der bayerische Pfarrer Claus Petersen vertritt, könnte eindeutiger nicht ausgefallen sein. Wie wird der Streit um die rechte Lehre entschieden?

Claus Petersen.
Foto: sob
   Claus Petersen.

»Warum der Theologie Dr. Claus Petersens widersprochen werden muss.« Der (Unter-)­ Titel eines Beitrags der landeskirchlichen Personalreferentin Dorothea Greiner in den aktuellen Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern lässt keinen Zweifel, worum es geht: um die rechte Lehre. Und dass ein Pfarrer der bayerischen Landeskirche eine andere, nämlich die falsche Theologie vertritt. Jedenfalls im Sinne des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses, wie es die Landeskirche auslegt. Grundsätzlicher könnte eine Streitlage nicht sein, sie rührt an die Fundamente des Glaubens.

Der Name der strittigen Theologie ist auch Programm: »Reich Gottes - jetzt« hat Petersen seine ökumenische Initiative genannt, die inzwischen seit fünf Jahren existiert, eine mäßig wachsende, noch überschaubare Gruppe in der Größe von etwa 50 Mitgliedern. Jährlich veranstaltet die Initiative eine theologische Studientagung mit Teilnehmern aus ganz Deutschland. Der 54-jährige Petersen, verheiratet, drei Kinder, derzeit als Pfarrer in der Stadtmission Nürnberg tätig, hat seine Theologie in einigen Aufsätzen publiziert, seit 2005 liegt ein grundsätzliches Buch von ihm vor, das er selber Manifest nennt: »Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes - Aufruf zu einem Neubeginn«.

Bisher, so schien es, duldete die Kirchenleitung dieses Engagement mehr oder weniger schweigend, tatsächlich aber hat der Landeskirchenrat in internen Gesprächen, an denen auch Hochschullehrer beteiligt waren, mit Petersen »theologisch gerungen«. Doch statt Annäherung wurde - Dorothea Greiner zufolge - »der Dissens überdeutlich«, sodass jetzt mit der Veröffentlichung der Personalreferentin der Landeskirchenrat förmlich und öffentlich Stellung bezogen hat: So kann es nicht weitergehen.

Ein weiterer Schritt kann nach dieser Positionierung eigentlich nur noch die Einleitung eines förmlichen Lehrverfahrens sein. Zuvor aber ist der Regionalbischof von Nürnberg, Ark Nitsche, beauftragt, doch noch einmal - in gut evangelischer Manier, nun aber im öffentlichen Diskurs - einen theologischen Konsens zu finden: Nitsche, selber so leidenschaftlicher Exeget wie Petersen (beide haben als Alttestamentler promoviert), möchte am liebsten, wie er dem Sonntagsblatt sagte, ein akademisches Streitgespräch mit Petersen führen.

Kreuzigung als Betriebsunfall?

Für Petersens theologische Position, die hier nur verkürzt wiedergegeben werden kann, ist wesenhaft die Konzentration der Bibel auf die authentischen, als historisch gesichert geltenden Jesus-Worte, die sogenannten »ipsissima verba Jesu«. Petersen benennt deren 21, wie er sie mit den Mitteln der historisch-kritischen Bibelexegese aus den drei ersten Evangelien herausdestilliert. Sie sind für ihn der Maßstab einer jesuanischen Theologie, die - immer nach Petersen - besagt, dass das Reich Gottes bereits hier und jetzt, auf dieser Erde und in der Gegenwart, angebrochen sei. Petersen: »Das ist eine revolutionäre, eine wunderbare Erkenntnis.«

Eine solche Position an sich liegt sicherlich noch nicht außerhalb geltender Theologien. Für Petersen freilich ist diese Verkündigung durch Jesus die entscheidende Grundlage des christlichen Glaubens. Die in der Kirche weit verbreitete Theologie eines Reiches Gottes, das eine zukünftige oder jenseitige Angelegenheit ist, stellt dagegen Petersen in Abrede. Überhaupt ist alles Reden in der Bibel über Jesus (anstatt durch ihn selbst) »nachjesuanisch«: Jungfrauengeburt, Auferstehung und Wiederkunft Jesu sind »christologische Dogmen«. Sie lässt Petersen allenfalls zu, sofern sie »kompatibel« mit Jesu ureigensten Worten sind.

Vor allem am Tod scheiden sich die Geister: »Die Kreuzigung Jesu kann nicht Gottes Wille gewesen sein«, sagt Petersen und stellt sich damit gegen die herrschende Kreuzes- und Sühnopfertheologie. Der Tod Jesu hat für ihn keine Heilsbedeutung mehr. Also setzt Petersen einer »Christologie« eine »Basileiologie« (Lehre vom Reich Gottes) und damit eine neue theologische Sicht entgegen: »Jesu Hinrichtung hat nicht verhindern können, dass seine Botschaft vom Reich Gottes weiterlebt.« Der Tod nicht als Essential des Glaubens, sondern als Betriebsunfall. Nur konsequent, dass Petersen deshalb auch die agendarischen Abendmahlsworte durch eigene »Deuteworte zu Brot und Wein« ersetzt. Das Abendmahl ist ein »Fest des Reiches Gottes«.

So stehen - theologisch - zwei Standpunkte gegenüber: Für Petersen ist die herrschende Theologie verkürzt auf eine »nachjesuanische« Kreuzes-Theologie, die die Botschaft Jesu vom anbrechenden Reich Gottes auf Erden nicht oder kaum berücksichtigt. Dorothea Greiner hält genau anders herum Petersens Ansatz für eine Verkürzung des Evangeliums auf Jesu Worte. Die Botschaft des »Evangliums von Jesus Christus«, so Greiner, werde auch im Johannesevangelium und den Paulinischen Schriften durch Worte »über Jesus Christus« bezeugt.

Wer hat Recht, wo liegt die Wahrheit? In der »Lehrordnung« der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands ist das evangelische Verständnis von »Lehrnorm und -gewalt« genau beschrieben: Danach hat die Kirche selbst keine Lehrgewalt, sondern hat »die Lehrgewalt des Wortes Gottes« geltend zu machen. Konkret ausgeübt aber wird sie durch die, »die zur geistlichen Aufsicht in der Kirche bestellt sind« - und das sind die Bischöfe - und »durch die theologischen Lehrer der Kirche«. Die eigentliche Lehrnorm aber (»norma normans«) ist die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments.

So wird es in dem angestrebten öffentlichen Streitgespräch wohl zuletzt darum gehen, in welcher Gewichtung die unterschiedlichen Teile des ganzen Evangeliums zueinander stehen. Ark Nitsche fasst das Problem (und damit die Botschaft) in das Bild einer Ellipse: Der eine Brennpunkt steht dafür, »was Jesus gesagt hat«; der andere dafür, »was über Jesus gesagt wird«.

Und Petersen hat in seinem Internetauftritt ( www.reich-gottes-jetzt.de) bereits eine wesentliche Voraussetzung für die anstehenden Konsensbemühungen geschaffen: den apodiktischen Satz »Man muss sich entscheiden: ... Jesus Christus Gottessohn und Erlöser oder: das Reich Gottes, der Himmel auf Erden« - diesen Satz, den Dorothea Greiner als Beweis für die Unvereinbarkeit der beiden theologischen Positionen zitiert hatte, hat Petersen in einer neuen, redigierten Fassung eines theologischen Aufsatzes ganz einfach gestrichen. Sollte also doch beides möglich sein?

»REICH GOTTES - JETZT«

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Lutz Taubert

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:12 Uhr

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