»Evangelische? Kenn i koane!«
Über die Bandbreite der »Kirche vor Ort«: Neukirchen-Balbini und Weigenheim
Der Begriff wärmt bayerische Protestantenherzen: »Kirche vor Ort«. Denn »vor Ort«, in der Gemeinde, nah am Menschen, das sind ja alle, irgendwie, so unterschiedlich die Arbeit auch aussehen mag. Evangelische Akzente vor Ort gibt es in Bayern überall, irgendwie. Faszinierend ist die Bandbreite. Zum Beispiel zwischen Neukirchen-Balbini und Weigenheim.
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 Evangelischer geht’s nicht: Das mittelfränkische Weigenheim hat nicht nur 96,2 Prozent Protestanten, sondern auch - wie es sich bei diesen Verhältnissen gehört - einen stattlichen Posaunenchor.
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Hm, Evangelische? Da muss der Bürgermeister schon scharf nachdenken. Damals, in der Volksschule, vor gut 50 Jahren, da gab es schon ein paar, erinnert sich Wolfgang Probst, Landwirt und 60 Jahre alt. Die sind dann irgendwann weggezogen. Aber heute? »Naa, kenn i koane.«
Nun, so verwunderlich ist das freilich hier nicht. Wir sind in der Marktgemeinde Neukirchen-Balbini im oberpfälzischen Landkreis Schwandorf, gut 1200 Einwohner, fünf Feuerwehren, keine Industrie. Und so gut wie keine Protestanten. Neukirchen-Balbini ist nach den Zahlen des Bayerischen Statistischen Landesamtes diejenige Gemeinde Bayerns mit dem niedrigsten Anteil evangelischer Bevölkerung: 0,6 Prozent, kaum noch messbar, zwei, drei Handvoll Leute in einer Lebenswelt, die katholisch ist bis unter die Haarspitzen.
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 Andersherum sind die konfessionellen Verhältnisse im oberpfälzischen Neukirchen-Balbini, wo Pfarrer Edson Schumacher (links) nur ein Häuflein Protestanten zu betreuen hat, die 0,6 Prozent der Bevölkerung ausmachen, Bayerns extremste Diaspora. Zu ihr gehört Bundeswehrpensionist Bruno Sawatzki (rechts).
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Hier draußen, hinter dem Taxöldner Forst, wo an den vielen rauen Tagen im Jahr der grimmige »Böhmische« von Osten herüberweht, ist die katholische Kirche präsent im Wappen der Gemeinde, sie hat einstmals Einfluss genommen auf den ungewöhnlichen Ortsnamen, den der Markt dem Pfarrherrn Paldewinus verdankt, der hier am Ende des 13. Jahrhunderts wirkte, und sie ist bis heute symbiotisch mit der politischen Gemeinde verwachsen. In Neukirchen-Balbini sind Rathaus und katholisches Pfarrheim eins, zwei Eingangstüren unter einem gemeinsamen Dach. Nicht einmal ein Ave Maria davon entfernt die Kirche, stolzer und prächtiger Landbarock.
Im späten 16. Jahrhundert war der Ort, wie die ganze Oberpfalz, für drei, vier Generationen evangelisch, bevor die Gegenreformation des bayerischen Kurfürsten Maximilian I. den alten Glauben wieder einführte. In den 1950ern fanden hier noch einmal ein paar Jahre lang evangelische Gottesdienste statt für die Schlesier und Ostpreußen, die es hierher verschlagen hatte. Das hörte aber bald auf.
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 Postkartenidylle I: Neukirchen-Balbini in der Oberpfalz.
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Ökumene existiert nicht in Neukirchen-Balbini, wie auch? Wenn ein Feuerwehrhaus oder ein neuer Dorfbrunnen einzuweihen sind, besorgt das der katholische Pfarrer alleine. Der Bürgermeister weiß nicht mal, welchen evangelischen Pfarrer er anrufen müsste. Gemeinsame Gottesdienste gibt’s schon gar nicht. In der Wahrnehmung der Welt ist hier nur das Bier evangelisch, das im Gasthaus »Zur Sonne« ausgeschenkt wird: Es kommt aus Kulmbach.
SZENENWECHSEL: Im äußersten Westen Mittelfrankens, wo zwischen Uffenheimer Gäu und Steigerwald die Grenze zwischen Bier- und Weinfranken verläuft, liegt die Gemeinde Weigenheim, gut 1000 Einwohner, drei Feuerwehren, keine Industrie. Bayern ist - statistisch gesehen - nirgendwo so evangelisch wie hier: 96,2 Prozent lautet die Quote. Zwischen dem Taxöldner Forst und dem Steigerwald liegen, konfessionell gesehen, Lichtjahre.
In Weigenheim kann jeder evangelische Christ »seine« Dorfkirche in ein paar Minuten zu Fuß erreichen. Gleich drei gibt es davon, eine im Hauptort Weigenheim selbst, eine in Reusch mit einem berühmten spätgotischen Altar und noch eine in Geckenheim, dem kleinsten Ortsteil mit rund 150 Seelen. Selbstverständlich hat jeder Ortsteil seine eigene Kirchengemeinde und jede Kirche regelmäßige Gottesdienste, und zwar nach einem ausgeklügelten System, das Sonntag für Sonntag nach dem Prinzip der Dreifelderwirtschaft funktioniert: Zwei Orte bestellen, einen brach liegen lassen. Wehe, wenn das System aus dem Lot geriete. Darf es eben nicht, eine stete Herausforderung für einen Pfarrer, der für alle drei Gemeinden zuständig ist. »Ich hab das lieben gelernt«, sagt Ernst Schülke, seit 1999 Pfarrer mit Sitz in Weigenheim.
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 Postkartenidylle II: Weigenheim im »Weinparadies Franken«.
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Das Gemeindeleben ist weniger ausgeprägt, als man es vielleicht vermuten möchte. Wenn etwas läuft, etwa ein Seniorentreff oder eine Mutter-Kind-Gruppe, dann ist das eine Angelegenheit des Dorfes, wohlgemerkt, des einzelnen Dorfes. Da so gut wie alle im Dorf aber evangelisch sind und sowieso alle aus dem Dorf mitmachen, wäre ein zusätzliches kirchliches Angebot überflüssig. Die Mutter-Kind-Gruppe zum Beispiel trifft sich dann allerdings im evangelischen Gemeindesaal, womit die Grenzen zwischen Kirche und Gesellschaft endgültig verwischt wären. Kirchenchor gibt es in Weigenheim keinen, dafür dirigiert der Pfarrer den Männergesangsverein, der dann - selbstverständlich! - auch in der Kirche singt. Ein Gemeindehaus braucht die Kirchengemeinde Weigenheim nicht - sie benutzt die freien Räume im Rathauskeller. Die Weigenheimer haben dort die Symbiose von Neukirchen-Balbini noch getoppt: Sie haben nicht mal mehr getrennte Eingangstüren. Der Kindergarten? Natürlich in evangelischer Trägerschaft. Öffentliche Segenshandlungen? »Das macht unser Pfarrer«, sagt Bürgermeister Reinhard Kloha, Landwirt und 55 Jahre alt. Ökumene besteht in der Gemeinde Weigenheim darin, dass die Katholiken mit in den evangelischen Gottesdienst gehen, in ihrem Dorf natürlich.
IST DAS DER ULTIMATIVE TRAUM des evangelischen Landpfarrers: ein kräftiger Hauch einstmaliger königlich-bayerischer Pfarrherrlichkeit, und das noch in einer Gegend, die sich in aller Bescheidenheit »Weinparadies« nennt? Spannendere Gegenfrage: Ist Neukirchen-Balbini dann der Albtraum?
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 Pfarrer Ernst Schülke hat außer der klassizistischen Weigenheimer Dorfkirche von 1832 noch zwei weitere Gotteshäuser zu versorgen.
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Annette und Edson Schumacher, seit einem Jahr Pfarrstellenteiler in Neunburg vorm Wald, würden so eine provokante Frage heftig dementieren. Doch Fakt ist: Von den letzten sieben Jahren war die Kirchengemeinde Neunburg, von der aus die 794 Evangelischen in Neunburg vorm Wald, Schwarzhofen, Dieterskirchen, Thanstein und Neukirchen-Balbini zu versorgen sind, vier ohne Pfarrer. Einer machte mal zwischendurch einen Versuch, war aber bald wieder weg. Die Stelle wurde wieder und wieder ausgeschrieben. Die Schumachers saßen dieweil 12000 Kilometer entfernt im Süden Brasiliens und erkundigten sich nach einer bayerischen Vakanz, nach irgendeiner; denn eine Vorabbesichtigung kam aus Übersee natürlich nicht infrage. Die Personalreferentin nutzte die unverhoffte Chance, schickte die fünfköpfige Familie in die Oberpfalz und belohnte den Brasilianer Edson Schumacher auch noch mit der festen Übernahme in den bayerischen Pfarrerdienst. »Wir sind viel extremere Diaspora gewohnt«, versichert er: Im brasilianischen Lages lag das Verhältnis ungefähr 550 zu 170000.
Von ihrem kleinen Kirchlein am Stadtrand von Neunburg, vor hundert Jahren auf Betreiben hoher protestantischer Verwaltungsbeamter errichtet, sind die Schumachers zu Hausbesuchen bis nach Enzenried oder Zangenstein schon mal eine halbe Stunde im Auto unterwegs. Zur Religionsstunde in der Grund- und Hauptschule Schwarzhofen kommen acht Schüler aus allen neun Klassen. 40 Prozent der Gemeinde sind russische Aussiedler. Überhaupt ist die Gegend abgelegen, die Behörden abgewandert und die Kaserne, ehedem größter Arbeitgeber weit und breit, seit einigen Jahren geschlossen.
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 In die Neuburger Versöhnungskirche sind nach langer Vakanz seit einem Jahr Annette und Edson Schumacher eingezogen.
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APROPOS KASERNE: Sie führt uns wieder zurück nach Neukirchen-Balbini zu Kompaniechef a.D. Bruno Sawatzki (73), der nach der Dienstzeit in der Oberpfalz hängen blieb. Mit seiner Lebensgefährtin bewohnt er ein altes Kleinbauernhaus im Ortsteil Egelsried, mit Scheune, Kachelofen, Marienfigur im Hauserker und Herrgottswinkel, in dem aber kein Oberammergauer Schmerzensmann hängt, sondern ein Eckregal. Der Bundeswehrpensionist ist vor ein paar Jahren der evangelischen Kirche beigetreten, deren Veranstaltungen er mit seiner verstorbenen ersten (und evangelischen) Frau schon lange Jahre zuvor besucht hatte. Sawatzki ist einer von den 0,6 Prozent Protestanten, in Egelsried der einzige, und das auch noch auf einem einsam gelegenen Bauernhof. Wenn sich evangelische Diaspora in Bayern auf den Punkt verorten lässt, dann hier. »Wenn im Sommer der Mais steht, sieht man unser Haus gar nicht«, sagt Sawatzki.
WAS SICH IN DER OBERPFÄLZER WEITE verläuft, kommt in Weigenheim ebenso seltsam kleinteilig daher. McKinsey und ein paar Leute im Landeskirchenamt reiben sich regelmäßig die Augen ob dieser Strukturen, die aber typisch sind für den fränkischen Landprotestantismus, wo es Gemeinden gerade mal auf 25 oder 40 Leute bringen. Pfarrer Schülke sieht darin freilich das eigentliche Pfund, mit dem die Kirche auf dem Land noch wuchern kann: »Jede Gemeinde für sich hat ein ganz starkes Wir-Gefühl, da geht alles. Zusammen tun sie sich schwer.« Die Weigenheimer heiraten am liebsten untereinander, und wenn einer von hier wegzieht, dann nur, weil es überhaupt nicht anders geht. So ausgeprägt ist hier die Treue zur eigenen Scholle, dass Schülke schon von einer Frau gehört hat, die mit Heimweh kämpfte, weil sie nach der Heirat innerhalb von Weigenheim vom einen Ortsende zum anderen umziehen musste. Selbst ihren Christus am Kreuz haben sie zu einem Weigenheimer gemacht - auf dem Altarbild grüßt von unten links der klassizistische Kirchturm von 1832 gen Golgatha.
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 Zwei Bürgermeister, zwei Konfessionskulturen: hier Wolfgang Probst vor dem Rathaus-Pfarrheim von Neukirchen-Balbini...
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WENN DER PFARRER von seinen Kirchenvorständen Sätze hört wie »das ist was Neues«, meldet sich sein inneres Frühwarnsystem. Denn dieser Satz ist hierzulande nicht als Lob zu verstehen, sondern als höchstmögliche Kritik. Um eine einzige Bank aus dem Weigenheimer Kirchenschiff rauszubekommen, um Platz für den Posaunenchor zu schaffen, bedurfte es langer und intensiver Gespräche zwischen Pfarrer und Gemeinde. Die alte Kirchenburg von Weigenheim muss zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon sehr kaputt gewesen sein, dass man sich aufraffte, sie abzureißen und eine ganz neue Kirche zu bauen.
Diese Kirche aber, man möchte es kaum glauben, war seit ihrer Erbauung eine Simultankirche: Sie hat noch immer eine katholische und eine evangelische Sakristei, und auch wenn die katholische nicht mehr genutzt wird, ist das Simultaneum offiziell nie aufgelöst worden. Die Pfarrgrundstücke in Weigenheim, der evangelischsten Gemeinde Bayerns, gehören bis heute der katholischen Kirche.
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 ... hier Reinhard Kloha vor dem Rathauswappen von Weigenheim.
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Denn wie an vielen Orten Bayerns prägte sich evangelische Identität über Jahrhunderte vor allem in der Abwehrstellung zur katholischen Kirche. Die im 16. Jahrhundert evangelisch gewordenen Herren von Schwarzenberg konvertierten und ordneten 1626 die Rekatholisierung ihrer Grafschaft an. Doch in gut fränkischer Sturheit gingen die Weigenheimer 37 Jahre lang lieber ins benachbarte brandenburgische Geckenheim zum Gottesdienst, anstatt katholisch zu werden. 1664 bot ihnen der Graf - unter Umgehung der Bestimmungen des Westfälischen Friedens - die Rückkehr in die Kirche an, behielt sich aber alle anderen Rechte am Kircheneigentum vor.
So kam es, dass bis weit ins 19. Jahrhundert in der Kirche einmal im Monat eine katholische Messe vor leeren Bänken stattfand. Der in Weigenheim aufgewachsene Pfarrer August Kollert schrieb dazu im Jahr 1982: »Als ich in meiner Jugend hörte, dass eine der beiden Sakristeien eine katholische sei, sagte mir das gar nichts, weil ich bis dahin in Weigenheim keinem Katholiken begegnet war.«
Bis heute hätte er damit Probleme. | EVANGELISCHES BAYERN
Zahlen zu Bayerns Protestanten
Der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern gehörten zum 31. Juli 2006 genau 2640724 Personen an, davon 1416011 Frauen und 1224713 Männer.
Unter den sechs bayerischen Kirchenkreisen ist Nürnberg der größte mit 578060 Menschen, Augsburg der kleinste mit 292577.
Unter den 68 Dekanaten sind am größten München (263103), Nürnberg (171835) und Fürth (101127). Die kleinsten Dekanate sind Ludwigstadt (5514), Oettingen (6201) und Heidenheim (6981).
Unter den 1537 Kirchengemeinden (Stand: Juli 2006) ist die Gemeinde St. Rochus in Zirndorf mit 10271 Personen der Spitzenreiter. Die kleinste Gemeinde liegt im Dekanat Weißenburg auf der Wülzburg und hat 25 Mitglieder.
Von den politischen Gemeinden Bayerns hat die Gemeinde Weigenheim (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) den höchsten Protestantenanteil mit 96,2 Prozent. In der Gemeinde liegen mit Weigenheim, Reusch und Geckenheim gleich drei Kirchengemeinden, die alle zum Dekanat Uffenheim gehören.
Den geringsten Protestantenanteil in Bayern hat die Marktgemeinde Neukirchen-Balbini im Landkreis Schwandorf mit 0,6 Prozent. Sie gehören zur evangelischen Kirchengemeinde in Neunburg vorm Wald im Dekanat Cham. (Angaben: Landeskirchenamt/Bayerisches Statistisches Landesamt.)
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