Pflegeheim der Zukunft
Im oberbayerischen Inzell startet die Diakonie einen Modellversuch
Von
Rieke C. Harmsen
Es gibt »Familien-Konferenzen« und »Ethik-Entscheidungsrunden«. Es gibt so viel Selbstständigkeit für jeden Bewohner wie nur möglich. Und es gibt »stationäre Wohngemeinschaften«: ein Modellversuch der Diakonie, wie das Pflegeheim der Zukunft ausschauen könnte.
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 »Betreutes Wohnen«, »Seniorenresidenz« oder »Altenwohngemeinschaft«? Das Spektrum der Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen wird immer differenzierter.
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Sagen wir, er heißt Fritz. Fritz ist 77 Jahre alt und dement. Fritz lebt im Chiemgau-Stift im oberbayerischen Inzell. Er steht morgens erst um 10 Uhr auf, frühstückt in der Wohnküche, setzt sich dann auf die Bank in den Garten. Wenn er nachts nicht schlafen kann, wird er nicht mit Medikamenten ruhig gestellt, sondern bekommt in der Küche eine warme Milch. Er hat einen eigenen Zimmerschlüssel und einen Briefkasten, darauf steht nicht »Wohnstift«, sondern »Kastanienallee 45«.
Menschen wie Fritz gibt es viele. Ein Seniorenstift, das den individuellen Bedürfnissen von Menschen mit demenzieller Erkrankung so entgegenkommt wie bei Fritz, gibt es selten. Im beschaulichen oberbayerischen Voralpenland, in Inzell, startet das Diakonische Werk Traunstein am 23. März ein Wohnkonzept, das seinesgleichen sucht.
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 »Die meisten Pflegeheime werben in ihren Broschüren mit einem selbstbestimmten Leben, auch wenn davon im täglichen Leben im Heim nichts zu spüren ist«, sagt Brianna Lassalle, Leiterin des Chiemgau-Stifts.
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»Ich habe noch kein Pflegeheim gesehen, in dem ich gerne selbst leben möchte«, sagt Brianna Lassalle, die Leiterin des Chiemgau-Stifts. Sechs Jahre hat sie für einen privaten Träger Seniorenheime geprüft und Schulungen für Qualitätsmanagement gehalten. Sie kennt Pflegeheime als Krankenschwester und Stationsleitung, Heimleitung und Supervisorin. Im Chiemgau-Stift will sie einen Ort schaffen, an dem die Menschen, auch wenn sie pflegebedürftig oder schwer krank sind, gerne leben. Ein Zuhause.
»Die meisten Pflegeheime werben in ihren Broschüren mit einem selbstbestimmten Leben, selbst wenn davon im täglichen Leben im Heim nichts zu spüren ist«, sagt Lassalle. Und: »Die Einrichtung muss sich den Wünschen der Bewohner unterordnen, nicht umgekehrt.« Ihr Konzept beginnt deshalb auch bei dem einzelnen Zimmer, das jeder Bewohner so gestalten kann, wie er mag. »Vor allem für demente Patienten ist es wichtig, dass sie ihren Stuhl und alles, was sich in dessen Sichtradius befindet, mitnehmen können«, sagt Lassalle.
Zur besseren Orientierung ist der Eingangsbereich zu jedem Zimmer farbig markiert: Ein Zimmer mit blauem Türeingang bekommt eine blaue Gardine, ein Zimmer mit gelbem Eingang eine gelbe Gardine. Jede Wohngemeinschaft wohnt in einer eigenen Straße. Es gibt die Kastanienallee und die Pappelallee, den Nikolausplatz, die Bauerngasse und den Michaeliplatz. »Dann kann der Bewohner sagen: 'Ich wohne in der Bauerngasse 45', und muss nicht sagen, er wohnt im Seniorenheim«, erklärt Lassalle.
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 Bernadette Friedrich vom Team der Pflegedienstleitung will im Chiemgau-Stift »Familienkonferenzen« für Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende einrichten.
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Jedes Zimmer hat eine Balkontür mit Zutritt zum Garten oder einer Terrasse. Im Erdgeschoss, dem »beschützenden Bereich« für Menschen mit demenziellen Erkrankungen, sind die Betten nur 29 Zentimeter hoch - ein Bettgitter erübrigt sich damit. Die Balkontür ist mit einem Sender versehen, damit die Bewohner auch ohne Begleitung in den Garten gehen können, die Pflegekräfte aber zugleich informiert sind und gegebenenfalls nachschauen können. Im Garten wachsen ein Kirschbaum und ein Apfelbaum, es gibt Johannisbeeren und Stachelbeeren, an den Wegen stehen gemütliche Holzbänke und Hochbeete, in denen Küchenkräuter wachsen.
Insgesamt können im Chiemgau-Stift rund 60 Menschen wohnen. In jedem Flügel des hufeisenförmigen Gebäudes gibt es je zwei Wohngruppen. In diesen »Hausgemeinschaften«, wie Lassalle sie nennt, leben jeweils zwölf bis dreizehn Bewohner. Sie haben ein Einzelzimmer und teilen sich eine großzügige Wohnküche.
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 Bernadette Friedrich.
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Die Wohnküche ist zugleich Esszimmer und Aufenthaltsraum, Wohnzimmer und Beratungsstelle. Hier schaltet und waltet rund um die Uhr eine »Präsenzkraft«, wie Regina Großmann. Die 48-jährige gelernte Fachverkäuferin und Beiköchin wird gerade zur »Präsenzkraft« ausgebildet. Sie wird mit den Bewohnern die Essenspläne besprechen und das Essen kochen, die Wäsche bügeln und Medikamente austeilen. »Ich habe zwei Kinder und die letzten 16 Jahre meine Schwiegermutter gepflegt; ich kenne mich aus mit dem Leben in einer Gemeinschaft«, sagt Großmann und streicht sich über ihre Arbeitskleidung - ein blaues Dirndl.
Für das Personal und die gesamte Logistik hat das Konzept der »stationären Hausgemeinschaften« natürlich enorme Auswirkungen. »Herkömmliche Pflegedienstpläne reichen da nicht aus«, erklärt die 32-jährige Bernadette Friedrich vom Team der Pflegedienstleitung. Während in herkömmlichen Pflegeheimen das Personal in der Regel streng getrennte Arbeitsbereiche hat, werden hier die Stellen gewissermaßen kumuliert. So stehen jeder Hausgemeinschaft rund sechs Arbeitsstellen zur Verfügung, die aber zur besseren Auslastung vor allem mit Teilzeitkräften besetzt werden.
»Wir haben nicht wesentlich mehr Personal als ein herkömmliches Pflegeheim, setzen dieses Personal aber völlig anders ein«, erklärt Lassalle. Sie ist überzeugt, damit auch mehr Zufriedenheit bei den Bewohnern und dem Personal zu erreichen. »Es geht doch darum, die Eigenständigkeit der Bewohner herauszukitzeln, statt sie dauernd zu bevormunden. Eine Bevormundung ist für Pfleger ebenso anstrengend wie für Bewohner«, so Lassalle.
Noch sind die Verhandlungen mit dem Bezirk, den Kassen und den Trägern nicht abgeschlossen. Derzeit rechnet die Einrichtung für ein Einzelzimmer mit 22 Quadratmetern - je nach Pflegestufe - mit einem Betrag zwischen 70 und 110 Euro am Tag, ein kleineres Zimmer mit 16 Quadratmetern wird 60 bis 100 Euro kosten. Auch wenn die Pflegekassen einen Teil dieser Kosten übernehmen, könnte es schon sein, dass das Chiemgau-Stift insgesamt etwas teuerer sein wird als ein herkömmliches Seniorenheim.
Angst vor der eigenen Courage hat das Team jedenfalls nicht. Natürlich wird es Probleme geben, mit denen niemand gerechnet hat, natürlich wird improvisiert werden müssen am Anfang. Doch ist das Team gewappnet: Friedrich will regelmäßige »Familienkonferenzen« für Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende einrichten. Es soll eine »Ethik-Runde« für schwierige Entscheidungen geben, es gibt eine Supervisions-Gruppe für Mitarbeitende und die Möglichkeit einer dreimonatigen Auszeit.
Auch die Unterstützung und Einbindung der Inzeller Gemeinde ist Lassalle wichtig. Das fängt schon mit dem hellblauen Dirndl an, das die Präsenzkräfte tragen werden. »Bei der Auswahl hat mir der hiesige Trachtenverein geholfen«, lacht Lassalle. Die Gestaltung und Ausstattung der kleinen Kapelle übernimmt die evangelische Kirchengemeinde, die meisten Mitarbeitenden kommen aus der Region, und auch an einen Ehrenamtlichen-Kreis ist schon gedacht.
»Für viele Menschen endet das Leben, wenn sie in ein Seniorenheim kommen«, sagt Lassalle, »wir wollen den Menschen helfen, ihren Lebensrhythmus beizubehalten und sich selbst zu verwirklichen.« Statistisch gesehen betrage die »Verweildauer« von Menschen in deutschen Pflegeheimen zwei Jahre. »Wenn es uns gelingt, dies zu ändern, haben wir viel erreicht«, sagt Lassalle. | LEBEN IM ALTER
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Die vierte Generation des Pflegeheims. Neue Wohnformen im Alter sind wenig erforscht und wenig bekannt. » lesen!
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