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Dieser Artikel: Ausgabe 07/2007 vom 18.02.2007
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Was für die Meiserstraße spricht

Warum ein Schlussstrich unter die »Causa Meiser« nicht richtig wäre

Von Lutz Taubert

Als Nürnberg die Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße beschlossen hatte, meldete eine Nachrichtenagentur, der Stadtrat ziehe damit »einen Schlussstrich unter die Kontroverse um die Rolle Meisers während der NS-Zeit.« Ein Schlussstrich - per Dekret, und indem man ein Straßenschild abmontiert?

Einer Umbenennung der Münchner Meiserstraße vorgegriffen hat in einer künstlerischen Nacht-und-Nebel-Aktion ein Unbekannter, der aus dem »r« mittels weißer Farbe kurzerhand ein »n« machte - allerdings nur bis zum nächsten Regenguss.
Foto: Harmsen
   Einer Umbenennung der Münchner Meiserstraße vorgegriffen hat in einer künstlerischen Nacht-und-Nebel-Aktion ein Unbekannter, der aus dem »r« mittels weißer Farbe kurzerhand ein »n« machte - allerdings nur bis zum nächsten Regenguss.

München steht noch bevor, was Nürnberg schon beschlossen hat. Der Münchner Stadtrat sucht nun, bevor er sich mit der Umbenennung der Meiserstraße befasst, das Gespräch mit der Landeskirche. Die hat bereits durch ihren Bischof erklärt, dass im Sinne der Zwei-Regimenten-Lehre Luthers sich die Kirche aus Entscheidungen wie der Benennung von Straßen herauszuhalten habe.

Die »Causa Meiser« ist in diesen Monaten ausführlichst verhandelt worden, zuletzt auf einer wissenschaftlichen Fachtagung in Nürnberg. Neue Erkenntnisse haben sich nicht ergeben; es herrscht - wissenschaftlich - das Urteil vor, dass Meiser weder gut noch böse, sondern eine ambivalente Persönlichkeit der kirchlichen Zeitgeschichte war.

Da werden genannt: Meisers wohlwollender Umgang mit dem NS-Staat, seine Antisemitismen, sein Schweigen zur Judenverfolgung - was aber nicht ausreicht, ihn mit dem Judenhetzer Julius Streicher zu vergleichen; andererseits sein kirchendiplomatisches Geschick, ja mutiges Wirken im Kirchenkampf, mit dem Effekt, die bayerische Landeskirche praktisch »nazifrei« und intakt gehalten zu haben - ohne dass er deshalb ein Bonhoeffer gewesen wäre.

Irgendwo zwischen Streicher und Bonhoeffer. 1943 verweigerte Meiser sich einem öffentlichen Protest gegen Judenverfolgung, aber er gab die Protestnote weiter an seinen Stuttgarter Bischofskollegen Theophil Wurm, der dann tatsächlich seine Stimme gegen den Massenmord erhob - freilich ziemlich sanft und folgenlos.

Was heute moralisch am schwersten wiegt, ist wohl dieses »öffentliche Schweigen zur Judenverfolgung«. Eine Anklage, die richtig ist und mit Meiser wohl so gut wie alle Deutschen damals trifft. Das NS-Vernichtungsprogramm konnte auf die Unterstützung weitester Kreise der Bevölkerung setzen. Das ist - unabhängig vom Fall Meiser - die vielleicht bedrückendste Erkenntnis neuester Geschichtsforschung. Die Nationalsozialisten konnten sich darauf verlassen, dass so gut wie niemand, weder Einzelne noch gesellschaftliche Organisationen, Solidarität oder Mitgefühl mit den Juden zeigte. Jedenfalls nicht öffentlich. Versagt hat hier Meiser, aber nicht er allein.

Das Straßenschild ist schnell abmontiert. Aber ein Schlussstrich ist damit noch längst nicht gezogen. So ist der Name Meiser eine Mahnung, die viel weiter reicht, als dass sie nur diese eine Person betrifft. Deshalb spricht einiges dafür, diesen Straßennamen zu belassen - mit einem Kommentar versehen.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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abgerufen 10.09.2010 - 12:34 Uhr

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