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Dieser Artikel: Ausgabe 05/2007 vom 04.02.2007
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Konsequenzen aus Debatte um Bischof Meiser

Gastbeitrag des bayerischen Landesbischofs


Dr. Johannes Friedrich ist Landesbischof der bayerischen Kirche. Unter der Rubrik »Einblicke« schreibt er im Sonntagsblatt Beiträge aus persönlicher Sicht.

Landesbischof Johannes Friedrich
Foto: sob
   Landes- bischof Johannes Friedrich

DIE DISKUSSION über Landesbischof Meiser dauert nun schon bald ein Jahr. Zweimal habe ich mich dazu im vergangenen Jahr ausführlich geäußert: in einer Pressekonferenz im Mai und in meinem Bericht vor der Landessynode im November. Aber ich habe auch klar gesagt: Nach meinem Verständnis der Zwei-Regimenten-Lehre Martin Luthers hat sich die Kirche aus Entscheidungen wie der Benennung von Straßen herauszuhalten. Die sind Sache der Kommune und nicht der Gemeinde.

Nun hat sich der Nürnberger Stadtrat mit großer Mehrheit dafür entschieden, der Bischof-Meiser-Straße in Nürnberg wieder den Namen zu geben, den sie vor 1957 hatte, als der Stadtrat ebenfalls mit großer Mehrheit die Umbenennung nach Bischof Meiser beschlossen hatte. Damals, vor 50 Jahren, sahen die Menschen die großen Verdienste, die Hans Meiser sich insbesondere nach dem Krieg um unsere Kirche erworben hatte - äußerlich erkennbar an den Gründungen der Evangelischen Akademie in Tutzing, des Pastoralkollegs, der Augustana-Hochschule, aber auch durch seine in die Öffentlichkeit hinein wirkende Tätigkeit im Rat der EKD und als Leitender Bischof der VELKD. Außerdem erkannte man an, dass Meiser unsere Kirche scheinbar unbeschadet durch die Wirren des »Dritten Reiches« hindurchgerettet hatte.

UNBEACHTET BLIEB - das entsprach einem Trend der Zeit - Meisers antijüdische Haltung während des »Dritten Reichs« sowie sein offizielles Schweigen über die Judenverfolgungen und die Tötung Behinderter. Man wollte sich mit der eigenen Schuld nicht auseinandersetzen, man dämonisierte vielmehr die führenden Nazis, verdrängte aber den eigenen Anteil.

Fünfzig Jahre später, 2006/2007, denkt unsere Gesellschaft anders. Gott sei Dank bewegen uns heute antijüdische Äußerungen - zumal dann, wenn sie von einem Kirchenmann stammen. Und wenn ein maßgebliches Mitglied einer jüdischen Gemeinde, das die Ermordung vieler Verwandter in der Shoah zu beklagen hat, sich heute über solche Äußerungen Hans Meisers empört, kann uns das nicht einfach kalt lassen.

DER NÜRNBERGER STADTRAT hat offensichtlich gemeint, dass unter solchen Umständen in der »Stadt der Menschenrechte« eine Straße den Namen Bischof Meisers nicht tragen sollte. Er hat darum die Umbenennung beschlossen.

Wenn ich vorher sagte, Umbenennungen seien Sache des Stadtrates und nicht der Kirche, dann bedeutet das auch, dass wir Entscheidungen des Stadtrates in einer solchen Sache nicht kritisieren sollten. Wir haben in der Debatte unsere Argumente eingebracht, wir haben sehr deutlich gesagt, dass es nicht unsere Sache ist, über Hans Meiser zu Gericht zu sitzen, da dies ein anderer tut und wir haben auf seine Verdienste hingewiesen, die er unbestritten auch hatte. Aber wir müssen dann eine solche Entscheidung des Stadtrates, sofern sie nicht politisch, sondern eine Gewissensentscheidung seiner Mitglieder ist, akzeptieren. So hat es der Nürnberger Regionalbischof Dr. Ark Nitsche auch öffentlich ausgedrückt.

FÄLSCHLICHERWEISE wurde dies als Zustimmung zur Umbenennung ausgelegt. Genau das war es aber nicht, sondern es bedeutete: Entscheidungen des Stadtrates haben wir zu akzeptieren, weil die Entscheidung in einer solchen Sache nicht unsere Aufgabe ist.

Ich verstehe all die unter Ihnen, die sich über diese Entscheidung ärgern, weil sie meinen, dass sie einer Unwerterklärung Hans Meisers gleichkomme. Es ist in der Debatte aber klar festgestellt geworden, dass dies nicht beabsichtigt war. Die »kommentierte Umbenennung« soll gerade deutlich machen, dass der Stadtrat 1957 sehr wohl Meisers Verdienste, nicht aber seine antijüdischen Äußerungen gesehen hat, dass die Stadt 2007 dagegen auf sehr gutem Weg ist, ihr einstiges Image als »Stadt der Reichsparteitage« abzustreifen und zu einer »Stadt der Menschenrechte« zu werden. Es gibt innerhalb und außerhalb Nürnbergs Menschen, die es nicht verstehen, wenn ein Straßenname auf einen Mann hinweist, dessen Äußerungen geeignet erscheinen, das Unrecht gegenüber Juden im Dritten Reich zu legitimieren.

Eine Straßenumbenennung allein kann einer differenzierten und abwägenden Beschäftigung mit Bischof Meiser nicht gerecht werden. Denn es stimmt ja auch, dass Meiser zur Rettung von Menschenleben beigetragen hat: Nachweislich 126 »nicht arische« Menschen wurden durch die von ihm eingerichteten Hilfsstellen in München und Nürnberg zur Flucht ins Ausland verholfen. Die Umbenennung ist eine aus den Nürnberger Gegebenheiten heraus nachvollziehbare Entscheidung. Die Stadt Ansbach hat anders entschieden, und auch dies ist für mich nachvollziehbar.

Ich plane, noch in diesem Jahr zu einem wissenschaftlichen Symposion einzuladen, das sich mit der Untersuchung der Rolle der bayerischen Landeskirche in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt.

ICH BITTE SIE ALLE, nicht ärgerlich oder freudig auf die Nürnberger Entscheidung zu reagieren, sondern sich weiter mit der Frage zu beschäftigen: Wie hat sich unsere Kirche (und nicht allein Hans Meiser) im Dritten Reich gegenüber den Juden verhalten? Wie verhalten wir uns heute ihnen gegenüber? Wo ist unsere Aufgabe heute und wie kommen wir ihr nach? Das wäre die beste Konsequenz aus der Diskussion der letzten Monate. Ich glaube, dass dies auch unsere Landeskirche weiterbringen und unser Verhältnis zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern stärken würde.

ZUM THEMA

Beiträge aus Nr. 4 (28.01.2006)

Nürnberger »Straßenkampf« entschieden. Nach Historiker-Tagung scheint klar: Bischof-Meiser-Straße wird umbenannt Von Peter Reindl. » lesen!

Auf der Seite der moralisch Überlegenen. Jetzt also eine »kommentierte Straßenumbenennung«: Zur Meiser-Debatte. Von Thomas Greif. » lesen!

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.

 

 

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Johannes Friedrich

 


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abgerufen 09.02.2012 - 01:33 Uhr

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