Auf der Seite der moralisch Überlegenen
Jetzt also eine »kommentierte Straßenumbenennung«: Zur Meiser-Debatte
Von
Thomas Greif
Die Bischof-Meiser-Straße wird aus dem Nürnberger Stadtbild verschwinden. Es bedarf keiner prophetischen Gaben, um dies aus den Aussagen herauszulesen, die im Rahmen der Nürnberger Fachtagung (Bericht siehe Seite 16) fielen. Die Entscheidung im Stadtrat ist nur noch Formsache.
Die emotionale Überhitzung, die das Thema binnen eines Jahres erfahren hat, wurde auch bei der Tagung spürbar. Ein Ruhestandspfarrer bekannte sich - bar jeder Reflexion über das zuvor Gehörte - flammend zu Meiser. Der Kirchenhistoriker Carsten Nicolaisen, der in seinem Beitrag versuchte, Meiser historisch differenziert gerecht zu werden, erntete dafür in Teilen der Nürnberger Presse Hohn und Spott. Die Meiser-Debatte ist beileibe noch nicht zuende, nicht nur, weil sich nun herausstellte, dass beispielsweise noch rund 300 handgeschriebene Predigten Meisers der wissenschaftlichen Auswertung harren. Auch in anderen Städten Bayerns gibt es Meiserstraßen; in München ist sie gar die Postadresse des Landeskirchenamtes.
Dennoch sei eine Zwischenbilanz erlaubt. Zum einen: Die Diskussion war überfällig. Das muss man all denen ins Stammbuch schreiben, die auch kirchlicherseits noch immer die Meinung vertreten, es wäre besser gewesen, über die Meiser-Jahrestage stillschweigend hinwegzugehen. Zum anderen: Geschichte und die in ihr handelnden Personen besteht niemals nur aus Schwarz und Weiß. Das auch in Bezug auf Hans Meiser anzuerkennen, fiel und fällt vor allem seinen Anhängern schwer. Denn dass Meisers mutiges Wirken im Kirchenkampf von antisemitischen Äußerungen, von Schweigen zu Verfolgung, Euthanasie und Holocaust, von einer nationalprotestantisch-führertreuen Grundhaltung flankiert wird, steht außer Zweifel.
Zum dritten: Die Kirchenleitung mit Landesbischof Johannes Friedrich an der Spitze hat in der causa Meiser immer wieder höchst ungeschickt agiert - bis hin zu der rein formalen und nicht nachvollziehbaren Festlegung, ein Bischof äußere sich nicht zur Umbenennung von Straßennamen.
Was nun diese Umbenennung angeht, so sei hier der Ethiker Reiner Anselm zitiert, der bei der Tagung für eine kommentierte Beibehaltung des Straßennamens plädierte: »Meiser verkörpert die Ambivalenzen, die für die Kirche in der Auseinandersetzung mit der Politik charakteristisch sind. Könnte es nicht auch ein gebotenes Verhalten sein, sich an diese Ambivalenzen zu erinnern, statt sich selbst auf die Seite der moralisch Überlegenen zu stellen?«
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