Die Tochter forscht nach
Eine Frau litt lebenslang unter dem Verbrechen ihres Vaters in Ansbach
Die Tochter des Mannes, der Robert Limpert in den letzten Kriegsstunden erhängt hat, kommt zu Schülern in die Stadt.
 Foto:
Biernoth
 Die Ansbacher katholische Pfarrkirche St. Ludwig gedachte 2005 mit einem Requiem des 60. Todestages ihres Ministranten Robert Limpert.
|
»NS-Offizier war ich nicht.« So lautet der Titel eines Buches, das im Juni 2006 erschienen ist. Ute Althaus hat es geschrieben, die Tochter von Ernst Meyer, dem letzten Kampfkommandanten Ansbachs im 2. Weltkrieg. Es ist auch der Satz, so Althaus, mit dem sich Meyer nach 1945 von seiner nationalsozialistischen Vergangenheit freisprechen wollte. Zu Unrecht, meint sie, und deshalb lautet der Untertitel ihres Buches: »Die Tochter forscht nach«.
Wie der Vater später über Limpert und die Ansbacher gesprochen hat, das erfahren Interessierte am Mittwoch, 24. Januar, bei einer öffentlichen Veranstaltung im Musiksaal des Gymnasium Carolinum (19.30 Uhr, Reuterstraße 9). Veranstalter ist die mittelfränkische Bürgerbewegung für Menschenwürde um Günther Zeilinger - ehemaliger Dekan in Ansbach - und Heinz Kreiselmeyer.
Tags darauf wird Ute Althaus mit zwei Schülergruppen zusammentreffen: mit den Gymnasiasten, denn hier hat Robert Limpert seine humanistische Ausbilung erhalten, und mit Vertretern der Luitpoldschule, denn ein Projekt dieser Schule war es, das das Schicksal des katholischen Christen Limpert vor Jahren wieder in Erinnerung brachte.
Der 19-jährige Ansbacher starb am 18. April 1945, als ihn Meyer - ein gebildeter Akademiker - eigenhändig aufhängte. Das geschah, nachdem der Kampfkommandant den Versuch Limperts vereitelt hatte, in Abstimmung mit dem Bürgermeister die Stadt kampflos zu übergeben. Limpert durchschnitt dann ein Kommunikationskabel der Kampfkommandantur, wurde binnen Stunden verhaftet, verurteilt und hingerichtet - sechs Stunden vor dem Einrücken der Amerikaner. Ute Althaus war zwei Jahre alt, als das geschah, und sollte es offenbar nie erfahren. »Ich bin mit Familiengeheimnissen aufgewachsen«, schreibt sie im Buch. Der Vater »saß im Zuchthaus, das wusste ich bereits als Kind; warum, war mir nicht bekannt.« Aber »soweit ich mich zurückerinnern kann, waren Schuldgefühle, Scham und Ängste meine steten Begleiter«. Erst 1998 erlas sich die über 50-jährige Frau aus Prozessakten, wofür ihr Vater verurteilt worden war. Ihre lebenslange Erfahrung: »Die Geschichte der Eltern scheint in unseren Körpern und in unsere Seelenlandschaften eingegraben zu sein.«
Meyer berief sich auf die Bibel
Erst der Tod des 97-jährigen Vaters im Jahr 1993 hatte Ute Althaus seine Briefe aus der Gefangenschaft in die Hände gespielt. Stets rechtfertigte er seine Tat als Pflicht und zitierte sogar die Bibel. Ernst Meyer im Oktober 1948 an seine Frau: »Wer von seinen Brüdern eine Seele verkauft, der soll des Todes sterben (3. Mos.). Wieviele gläubige deutsche Seelen hat dieser Verräter mit dem Zerschneiden der Leitungen verkauft?« Und im November, ebenfalls aus dem Zuchthaus in Kaisheim bei Donauwörth: »Mein Herz ist von Hass zerfressen, von Ekel, von Verachtung. Herrgott, lass es Atombomben regnen, Pech und Schwefel langt nicht mehr für den Saustall!!!« (Meyer beklagt damit das neue bayerische Staatswesen.)
Ute Althaus zieht den Schluss: »Wir Kinder der Nazis kommen kaum darum herum, den persönlichen Prozess der Entnazifizierung, den unsere Eltern verweigert haben, nachzuholen.« Das ist Wasser auf die Mühlen der Bürgerbewegung für Menschenwürde, die seit Jahren für einen Robert-Limpert-Hof oder eine nach ihm benannte Straße kämpft. Den Robert-Limpert-Preis für Zivilcourage verleiht die Bürgerbewegung wieder am 18. April, erstmals gemeinsam mit dem Verein »Wir gegen Jugendkriminalität«, dessen Geschäftsführung Cornelia Neun - Leiterin des Ansbacher Jugendamtes - innehat. | |
Kirche und Nationalsozialismus
|
Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.
Artikel unter anderem zu den Themen |
| |

|
NACHGEFRAGT
Die Tochter forscht nach
 Foto:
sob
 Die Schweizer Psycho- therapeutin Ute Althaus ist auf Traumatologie spezialisiert.
|
Ute Althaus erklärt, warum sie ein Buch über das Verbrechen ihres Vaters in Ansbach geschrieben hat.
Wann haben Sie erfahren, dass Ihr Vater Robert Limpert aufgehängt hat?
Althaus: Als Kind muss ich ein Gespräch von Erwachsenen mitgehört haben, denn ich wusste, dass es um den Tod eines jungen Mannes ging. Die entsetzliche Rolle meines Vaters dabei erfuhr ich erst 1998 durch die Akteneinsicht im Gerichtsarchiv in Nürnberg.
Warum konnten Sie die Sache nicht einfach ruhen lassen?
Althaus: Ruhen lassen bedeutet, den Blick nicht nur vom Täter, sondern auch vom Opfer und seinem Leid abzuwenden. So bekäme das Opfer auch heute nicht das Mitgefühl, das es verdient.
Ihre Recherchen müssen Ihnen schrecklich zugesetzt haben. Haben Sie dafür auch etwas gewonnen?
Althaus: Dass diese verschwiegene Geschichte, gerade weil sie so verschwiegen war, großen Einfluss auf meine Entwicklung hatte, wurde mir immer deutlicher bewusst. So war die Arbeit an der Geschichte meines Vaters und seines grauenvollen Verbrechens auch gleichzeitig eine intensive Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich konnte für mich mehr Klarheit gewinnen. (Interview: fwa)
 |