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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2007 vom 21.01.2007
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Die Lagergemeinde

Wie ein junger Pfarrer nach dem Krieg in einem Nazi-Lager eine Gemeinde gründete

Von Frank Wairer

Im Entnazifizierungslager Moosburg bei München inhaftierten die Amerikaner nach dem Krieg drei Jahre lang bis zu 12000 Deutsche, die dem nationalsozialistischen Staat gedient hatten. In einer Lagergemeinde fanden einige von ihnen zurück zum christlichen Glauben.

Wilhelm Rott (rechts) war Mitarbeiter Dietrich Bonhoeffers im Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Das Bild zeigt sie auf dem Weg zu einem inhaftierten Pfarrer.
Foto: Wairer (Repro)
   Wilhelm Rott (rechts) war Mitarbeiter Dietrich Bonhoeffers im Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Das Bild zeigt sie auf dem Weg zu einem inhaftierten Pfarrer.

Im Juni 1945 steht ein Pfarrer vor den Gefangenen im »Civilian Internment Camp No. 6« in Moosburg an der Isar nahe München. Er predigt ihnen Trost: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.« Der Pfarrer ist 70 Jahre alt und heißt Brather, er ist NSDAP- Ortspropagandaleiter im bayerischen Franken nahe Nürnberg gewesen und bei Kriegsende interniert worden. Auch im Lager »machte er kein Hehl aus seiner Einstellung als Deutscher Christ«, notiert ein Gefangener über ihn.

Im Entnazifizierungslager Moosburg inhaftierten die Amerikaner drei Jahre lang Deutsche, die dem nationalsozialistischen Staat gedient hatten: bis zu 12000 Männer und einige hundert Frauen, Beamte, Parteifunktionäre, SS-Angehörige, Leute von der Gestapo, Generäle, Offiziere, Mitglieder der Abwehr, das heißt des militärischen Geheimdiensts, und andere. Bettina Rott aus Neckargemünd, Tochter eines Internierten, sagt: »Die Menschen im Lager waren zum großen Teil Mitläufer, Mitwisser, aktive Täter, überzeugte Täter, Unverbesserliche.«

Die Baracke Nr. 51 in Moosburg wurde als evangelische Kirche genutzt.
Foto: Wairer (Repro)
   Die Baracke Nr. 51 in Moosburg wurde als evangelische Kirche genutzt.

Am 6. Juli 1945, zwei oder drei Wochen nach Brather, predigt wieder ein Pfarrer den Internierten: Wilhelm Rott, der zum Gründer der Evangelischen Lagergemeinde Moosburg wird. »Ein junger Pfarrer in Soldatenrock und Filzstiefeln«, erinnern sich Gemeindemitglieder später in dankbarer Rückschau. »Bis zu seiner Entlassung hat uns Bruder Rott unermüdlich das Wort verkündigt«, denn »vom Glauben her mussten wir überzeugt werden, dass uns nur durch Erkenntnis unserer Schuld innere Befreiung und Vergebung durch Gott zuteil werden könne«.

Beispielsweise predigt Rott im Oktober 1945: »Da ist es aus mit der Anmaßung eines moralischen Menschen, da ist es aus mit der Theorie des anständigen Kerls, wie sie auch in unsrem Lager noch in vielen Köpfen und Herzen geistert. Wir brauchen eine Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht nur eine Gerechtigkeit, die vor unsren Kameraden oder sonst vor den Menschen gilt. Wir sehen viele scheitern, weil sie die Gerechtigkeitsfrage nicht gelöst haben, weil sie ganz genau wissen: Ich habe keine reine Weste, und trotz alledem verkünden, dass sie anständige Menschen sind.«

Sieben Sonntagsgottesdienste

Bettina Rott mit einem Bild ihres Vaters zusammen mit Dietrich Bonhoeffer. Wilhelm Rott (rechts) war Mitarbeiter Bonhoeffers im Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde.
Foto: Wairer
   Bettina Rott mit einem Bild ihres Vaters zusammen mit Dietrich Bonhoeffer. Wilhelm Rott (rechts) war Mitarbeiter Bonhoeffers im Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde.

Wer war dieser Wilhelm Rott, und was hat er bei den Internierten im Lager Moosburg bewirkt? Ein Foto von 1936 zeigt ihn zusammen mit Dietrich Bonhoeffer, dem heute hoch geschätzten evangelischen Theologen und Widerstandsmann, den Hitler später im KZ Flossenbürg ermorden ließ: Rott und Bonhoeffer sitzen gemeinsam im Auto und - so Bettina Rott - brechen vom pommerschen Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde zu einem inhaftierten Pfarrer auf.

Das Foto macht glaubhaft, was die Tochter über ihren Vater erzählt: Geboren 1908 in Düsseldorf, war er ab 1935 Studieninspektor in Finkenwalde und bis 1943 Mitglied der Vorläufigen Leitung der Evangelischen Kirche in Berlin. Er arbeitete auch mit Martin Niemöller zusammen. 1943 kam er als Soldat der Abteilung Abwehr nach Athen, und zwar durch Vermittlung des Admirals Wilhelm Canaris, der wie Bonhoeffer ein Mann des politischen Widerstands gegen Hitler war. Rotts Frontversetzung nach Athen ist eine Schutzmaßnahme gewesen, so die Tochter, um ihn dem Zugriff der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) zu entziehen, die ihn schon 1937 einmal inhaftiert hatte.

Wilhelm Rott, Gründer der Lagergemeinde im Jahre 1947, also im Jahr nach seiner Entlassung aus Moosburg.
Foto: Wairer (Repro)
   Wilhelm Rott, Gründer der Lagergemeinde im Jahre 1947, also im Jahr nach seiner Entlassung aus Moosburg.

Der Deutsche war auf dem Rückmarsch aus Athen, als ihn die Amerikaner in den italienischen Alpen gefangen nahmen. Wie auch andere Angehörige der Abwehr verlegten sie ihn ins Lager Moosburg. Erst nach einem Jahr wurde Rott im Juni 1946 entlassen - und zwar als unschuldig, wie seine Tochter betont.

Während seiner einjährigen Lagerhaft versammelt Rott, damals 37 Jahre alt, evangelische Christen um sich. In seiner späteren Bilanz der Moosburger Zeit nennt er 800 bis 1000 Teilnehmer bei üblicherweise sieben Sonntagsgottesdiensten. Zu werktäglichen Morgenandachten kommen regelmäßig 100 bis 150 Männer, und sie bilden auch die Kerngemeinde. Bis zu 1200 Personen beteiligen sich an der kirchlichen Bildungsarbeit. Zwischen Ostern und Pfingsten 1946 unterrichtet Rott 70 Konfirmanden, das heißt Männer, die in die Kirche eintreten oder zurückkehren wollen.

Früh thematisiert der Theologe der Bekennenden Kirche die Themen Schuld, Vergebung und Verantwortung. Erinnerung eines Internierten an die erste Predigt im Juli 1945: »Wir mussten uns sagen lassen, dass das Reich Hitlers, an dem wir mitgebaut hatten, ohne Gott gebaut war. Lange sprach er auch von der 'unerkannten Sünde', die ins Licht gestellt würde und gestellt werden müsse, weil es anders nicht weiterginge.« Rott in seiner Bilanz: »Es ist bittere persönliche und politische Lebensschuld und Not offenbart worden, und es sind Sünden ohne Rückhalt und Entschuldigung bekannt geworden.«

Bußsakrament vom Blechteller

Einladung zur Bibelwoche 1947 mit Karl Steinbauer.
Foto: Wairer
   Einladung zur Bibelwoche 1947 mit Karl Steinbauer.

Den aus Blechbüchsen improvisierten Abendmahlsteller der Evangelischen Lagergemeinde hat Bettina Rott jahrzehntelang aufbewahrt, ehe sie ihn 2005 der heutigen Kirchengemeinde Moosburg überließ. Über die evangelischen Christen im Lager sagt sie: »Diese Menschen haben erkannt, dass sie in die Irre gegangen sind. Sie sind umgekehrt und haben diese großen Sakramentsgottesdienste gefeiert - aus diesem selbst gehämmerten Teller, in dem natürlich kein Brot lag, sondern irgendwelche Krumen, weil sie kein Brot hatten. Dort wurde das Sakrament als Bußsakrament wirklich von den Leuten genommen.«

»In den ersten Monaten waren die Verhältnisse im Lager schwierig«, blickt Pfarrer Rott später zurück, »die Unterbringung war äußerst primitiv, es fehlten Stroh und Decken, die Ernährung war gänzlich unzureichend« und »in kürzester Zeit stellten sich bedenkliche Hunger-Ausfallerscheinungen ein«. Erst im September 1945 bessern sich die Verhältnisse, aber »die hermetische Abschließung von der Außenwelt« bis Februar 1946 ist »außerordentlich hart«. So »hat auch dieses Lager leider manches Todesopfer gefordert. Im Ganzen jedoch war das Verhalten der Wachmannschaft korrekt.«

Der Abendmahlsteller der Evangelischen Lagergemeinde. Der eingravierte Satz »Kommt her, ihr seid geladen« ergeht an internierte Nationalsozialisten.
Foto: Wairer (Repro)
   Der Abendmahlsteller der Evangelischen Lagergemeinde. Der eingravierte Satz »Kommt her, ihr seid geladen« ergeht an internierte Nationalsozialisten.

Spätestens im Frühjahr 1946 knüpft die bayerische Landeskirche Kontakt zur Lagergemeinde, und zwar schickt man den Oberkirchenrat Oscar Daumiller. Er kommt wiederholt nach Moosburg und setzt sich für Belange der internierten Deutschen ein. Im Sommer 1947 kommt dann sogar Landesbischof Hans Meiser persönlich. Er hält einen Sonntagsgottesdienst vor rund 1000 Internierten und bespricht sich danach mit dem Kirchenvorstand. Ein Mitglied notiert: »Wir fühlten, dass wir draußen nicht mehr vergessen waren.« Rott ist zu diesem Zeitpunkt längst frei und lebt mit seiner Familie in Koblenz.

Im Sommer 1947 betritt zum ersten Mal auch Karl Steinbauer das Lager Moosburg. Der leidenschaftliche fränkische Pfarrer hatte jedes Zugeständnis an die Hitlerdiktatur abgelehnt, wurde deswegen von Nazifunktionären verhört, gefangen gesetzt und schließlich »begnadigt« - zum Kampfeinsatz an der Front in Russland. 1947 macht die bayerische Landeskirche ausgerechnet ihn, den profilierten Mahner gegen den Nationalsozialismus und Kritiker Meisers, zum Seelsorger für die internierten Nationalsozialisten in Moosburg, Regensburg, Nürnberg-Langwasser, Göggingen, Garmisch und Hammelburg. Sein Dienstsitz ist Moosburg.

»Umweg zur Demokratie«: Der Zeitungsausriss zeigt, wie damals über die Inhaftierten im Lager Moosburg geschrieben wurde.
Foto: Wairer (Repro)
   »Umweg zur Demokratie«: Der Zeitungsausriss zeigt, wie damals über die Inhaftierten im Lager Moosburg geschrieben wurde.

In späteren Aufzeichnungen der Lagergemeinde erscheint Steinbauer als ein »kompromissloser und von prophetischem Geist getragener« Pfarrer. In dem Buch »Freiheit der Gefangenen« (1970), das der ehemalige Internierte Heinrich Doerfler zum Tode Rotts herausgibt, ist zu lesen: »Mit seinen erregenden und bohrenden Bibelauslegungen, die von einer profunden Kenntnis der Heiligen Schrift getragen waren, sammelte er auch viele außerhalb des Gemeindelebens und der Kirche Stehende und sogar viele katholische Lagerkameraden um sich.«

Im Sommer 1947 hält Steinbauer den Internierten eine Bibelwoche, sein Thema steht in fetten Lettern auf gedruckten Einladungen: »Mene Tekel Upharsin! Gewogen und zu leicht befunden!« Was Steinbauer dazu ausführt, ist in seiner Autobiografie »Einander das Zeugnis gönnen« festgehalten: »Die Amis vor dem Moosburger Internierten-Lager? Nein! Und abermals, nein! Wir hier alle und unser ganzes Volk haben es letztlich nicht mit den Amis, mit Engländern, Franzosen oder Russen zu tun. Nein! Der Herr übergab! Der Herr steht am Lagertor! Wir alle und jeder Einzelne ist mit Gott konfrontiert.«

Im April 1948 wurde das Lager Moosburg aufgelöst. Die meisten Gefangenen waren inzwischen frei gekommen, etliche wurden zur weiteren Strafverfolgung verlegt. Mitglieder der ehemaligen Lagergemeinde gründeten die Moosburger Bruderschaft. Sie waren ehemalige Nazifunktionäre und wurden nun evangelische Christen: Georg A., der 1934 ein Kriegsbüchlein über Adolf Hitler mit einem Geleitwort von Julius Streicher herausgegeben hatte; Gerhard M., der 1935 in seiner Dissertation gegen die »Verjudung der Berliner Presse« anschrieb; Ritterkreuzträger Curt von B., der früh der SA angehört hatte und deutscher Gouverneur im polnischen Distrikt Krakau gewesen war. Ein Morgenstrahl in dunkler Zeit.

RUNDFUNKTIPP

  Am 21. Januar um 8.30 Uhr sendete Bayern2Radio in den »Evangelischen Perspektiven« einen Beitrag über unser Titelthema: »Eine evangelische Lagergemeinde in dunkler Zeit. Das Gefangenen- und Internierungslager Moosburg«, ein Feature von Frank Wairer.

Unter  www.br-online.de erhalten Sie den Beitrag als Podcast zum Download.  » mehr!

 

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.

 

 

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abgerufen 04.02.2012 - 06:27 Uhr

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