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Dieser Artikel: Ausgabe 02/2007 vom 14.01.2007
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Vorurteile mit Tradition

Auf Nürnberger Straßenschildern begegnen zahlreiche Prominente mit antisemitischen Ansichten


Wer hat es verdient, Namengeber für eine Straße zu sein? Ein Blick auf den Nürnberger Stadtplan zeigt: Was antisemitische Äußerungen prominenter Vorfahren angeht, hängt selbst in Nürnberg die moralische Messlatte tiefer, als man dies angesichts der hitzigen Debatte um die Bischof-Meiser-Straße vermuten möchte.

Fichtestraße, Nürnberg
Foto: Fechter
   Fichte, ...

Verstörende Sätze wie diese waren es, die vor Monaten die Debatte lostraten: »...Es ist oft betont worden, dass der jüdische Verstand etwas Zerfressendes, Ätzendes, Auflösendes an sich hat. Er ist kritisch zersetzend, nicht kontemplativ, konstruierend, produktiv...« Oder: »...Der ewige Jude wird bleiben unter den Völkern bis ans Ende der Welt. Er stirbt nicht. Wir können ihn von seinem Fluch nicht befreiem...« Meiser äußerte sie in einem dreiteiligen Artikel, der 1926 im Vorgängerblatt dieser Zeitung erschien, dessen Quintessenz übrigens eine Aufforderung zur Judenmission war.

Freilich, das Erschrecken über Meisers böse Worte basiert auf zwei Säulen: auf unserer Kenntnis des Holocaust, die jede antisemitische Äußerung vergangener Jahrhunderte in die unmittelbare Nähe von Auschwitz rückt, und auf der Annahme, derart haarsträubende Ansichten müssten doch wohl vom äußersten rechten und verschrobenen Rand der deutschen Geisteswelt stammen. Diese Annahme freilich ist irrig, denn Antisemitismus und Antijudaismus kamen immer aus der Mitte der Gesellschaft und sind kein singuläres Phänomen der deutschen Geschichte.

Richard-Wagner-Platz, Nürnberg
Foto: Sauerbeck
   ... Wagner, ...

Viel zitiert sind die späten Schriften Martin Luthers, Namengeber des Luther-Platzes in Lichtenhof, in denen er zum Verbrennen jüdischer Häuser und Synagogen auffordert und den Juden unterstellt: »Wenn sie uns kondten alle tödten, so theten sie es gerne.« Um übrigens dann dazu aufzufordern, »...die Christliche liebe an inen zu uben und vor sie bitten, das sie sich bekeren...«

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte - wir bleiben hier nur bei denen, die sich im Nürnberger Stadtbild wiederfinden - schrieb 1793: »Juden Bürgerrecht zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel als das, in einer Nacht ihnen alle die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken.«

Arndtstraße, Nürnberg
Foto: Fechter
   ... Arndt: drei deutsche Geistesgrößen, denen in Nürnberg Straßennamen gewidmet sind. Schnittmenge ihrer Anschauungen ist ein zum Teil giftiger Antisemitismus.

Den Freiheitskämpfer Ernst Moritz Arndt (in Nürnberg verewigt in St. Johannis) feierte die NS-Literatur der 1930er-Jahre als Vordenker des völkischen-rassistischen Antisemitismus, der seit dem späten 19. Jahrhundert die Stimmung in Deutschland zu vergiften begann. 1814 äußerte sich Arndt in seiner Schrift »Ein Blick aus der Zeit auf die Zeit« über die jüdische Zuwanderung aus Osteuropa nach Deutschland wie folgt: »...Ein gütiger und gerechter Herrscher fürchtet das Fremde und Entartete, welches durch unaufhörlichen Zufluss und Beimischung die reinen und herrlichen Keime seines edlen Volkes vergiften und verderben kann. Da nun aus allen Gegenden Europas die bedrängten Juden zu dem Mittelpunkt desselben, zu Deutschland, hinströmen und es mit ihrem Schmutz und ihrer Pest zu überschwemmen drohen... So ergeht das unwiderrufliche Gesetz, dass...mit keiner Ausnahme fremde Juden je in Deutschland aufgenommen werden dürfen.«

Nürnbergs wunderlicher Weltgelehrter Georg Friedrich Daumer, bekannt vor allem als Hauslehrer Kaspar Hausers und Namengeber für die Daumerstraße in Schoppershof, offenbarte sich in einem Brief an Ludwig Feuerbach als Anhänger eines später vom »Stürmer« so gern aufgewärmten Vorurteils: »Diese Juden schlachten fremde und eigene Kinder!«.

Einem Antisemiten mit Leib und Seele ist in Nürnberg sogar ein Denkmal gewidmet - Richard Wagner, dem Ahnherrn der völkischen Bewegung und geistigen Großvater Hitlers. Seine Schrift über das »Judentum in der Musik« handelt vom »unwillkürlich Abstoßenden« des Judentums und von der »Verjüdung der modernen Kunst«. Sie spricht seinem Komponistenkollegen Mendelssohn-Bartholdy aus purem Rassismus die Fähigkeit ab, »...auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten...« Aus den 41 Seiten trieft antisemitischer Hass, der in Wagners Leben und Werk einen unüberhörbaren Grundton ausmacht - anders übrigens als bei Hans Meiser. Wer sich an die moralische Reinigung der Nürnberger Straßenschilder machen will, hat viel Arbeit vor sich.

MEISER-TAGUNG

  »Bischof Meiser aus der Sicht der heutigen Gedenkkultur«: Dies der Titel einer Fachtagung, die Stadt und Dekanat Nürnberg gemeinsam veranstalten. Hans Meiser (1881-1956) war der erste Bischof der evangelischen Landeskirche in Bayern, dessen 50. Todestag heuer begangen wurde. Hochrangige Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und aus der ganzen Republik deklinieren das Thema »Meiser« in diversen Aspekten durch: So Professor Carsten Nicolaisen (ehem. Leiter der Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte, Uni München) über »Meisers Haltung im Nationalsozialismus«; Professor Norbert Frei (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Uni Jena) über »Erinnern in der Bundesrepublik«; und Professor Reiner Anselm (Ethik-Lehrstuhl der Theol. Fakultät, Uni Göttingen) über »Ethik des politischen Gedenkens«. Die Tagung könnte wesentliche Grundlage für die anstehende Entscheidung des Nürnberger Stadtrats über die Umbenennung der Meiser-Straße sein.

  Waswannwo? Meisertagung in Nürnberg. Am 20. Januar, von 10 bis 15 Uhr. In der Fachhochschule Nürnberg, Kesslerplatz 12. Anmeldung umgehend bei der Stadt: Tel. (0911) 2312372

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.

 

 

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Thomas Greif

 


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abgerufen 09.02.2010 - 05:55 Uhr

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