Als wärs ein Stück von mir
Vor 30 Jahren starb der Schriftsteller Carl Zuckmayer
Nach einem bewegten Leben, in dem eine ganze Reihe von bedeutenden Theater-Werken und Film-Drehbüchern entstanden, starb der Schriftsteller Carl Zuckmayer am 18. Januar vor 30 Jahren in seiner schweizerischen Wahlheimat.
 Foto:
epd-bild
 Carl Zuckmayer (1896-1977).
|
Ein arbeitsloser Schuster, der in einer abgelegten Hauptmannsuniform Soldaten und Beamte stramm stehen lässt und mit der Amtskasse der Stadt Köpenick durchgeht, war einer der größten deutschen Bühnen-Erfolge und bot den Schauspielern Heinz Rühmann und Harald Juhnke Paraderollen: Carl Zuckmayer brachte die wahre Begebenheit des mehrfach vorbestraften Wilhelm Voigt 1931 ins Theater.
Seine Herkunft ließ nicht auf eine erfolgreiche Laufbahn als Schriftsteller schließen: Am 17. Dezember 1896 wird er als zweiter Sohn des Weinflaschen-Fabrikanten Carl Zuckmayer und seiner Frau Amalie, die aus einer jüdischen Familie stammte, in dem kleinen Ort Nackenheim bei Mainz geboren. Geprägt hat ihn in seiner großbürgerlichen Kindheit der katholische Glaube, den er zeit seines Lebens nicht verleugnete. Es sei ein »Glücksfall« gewesen, dass er in eine Religionsgemeinschaft hineingewachsen sei, »deren Ritus in uralten Formen verwurzelt ist«, notiert Zuckmayer.
Trotz dieser festen religiösen Verortung, die in seinen intellektuellen Freundeskreisen häufig auf Unverständnis stößt, ist Zuckmayer in Glaubensfragen offen und bereit zum Dialog. In der letzten Phase seines Lebens kommt er in eine enge, freundschaftliche Beziehung mit dem großen evangelischen Theologen Karl Barth.
1914 zieht Zuckmayer als Freiwilliger mit großem Enthusiasmus in den ersten Weltkrieg. Der Stumpfsinn der militärischen Routine und die mörderischen Vernichtungsschlachten führen jedoch schnell zu einer völligen Desillusionierung.
Nach 1918 studiert Zuckmayer in Frankfurt und Heidelberg Soziologie und Literaturwissenschaften. Bereits zwei Jahre später bricht er zum Leidwesen des Vaters das Studium ab und geht nach Berlin, um seiner selbst gewählten beruflichen Bestimmung, der Bühne, näherzukommen. Mit dubiosen Gelegenheits-Jobs als Schlepper in Nachtclubs oder Statist beim Film hält er sich mühsam über Wasser. 1922 gelingt der Sprung ans Theater, Zuckmayer wird Regieassistent am Stadttheater in Kiel. Seine allzu modernistische Regie-Arbeit führt schon kurze Zeit später zur fristlosen Entlassung. Zuckmayer geht nach Berlin zurück und wird freier Schriftsteller.
Nach einigen Misserfolgen wird seine volkstümlich-deftige Komödie »Der fröhliche Weinberg« zu seinem grandiosen Durchbruch als Dramatiker. Von den Einnahmen aus dem Stück kauft sich Zuckmayer, inzwischen in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Alice Herdan verheiratet, als Wohnsitz eine alte Mühle im österreichischen Salzkammergut.
Drehbuch für Marlene
1927 schreibt Zuckmayer das ebenfalls erfolgreiche und später mit Starbesetzung verfilmte Bühnenstück »Der Schinderhannes«, 1930 das Drehbuch für den Film »Professor Unrat« mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle. Ein Jahr später landet er mit dem »Hauptmann von Köpenick« einen weiteren großen Bühnen-Hit. In diesem »deutschen Märchen« nimmt Zuckmayer den Militarismus und Hurra-Patriotismus des Kaiserreichs, wo nur die Uniform den Wert eines Menschen ausmacht, satirisch aufs Korn. Das Stück bringt Zuckmayer neben großer Reputation und stattlichen Einnahmen auch die Feindschaft der Nazis ein, denen der Autor durch seine pazifistisch-humanistisch geprägten Werke ohnehin ein Dorn im Auge war.
Um einer drohenden Verhaftung zu entgehen, flieht Zuckmayer 1938 nach dem »Anschluss« Österreichs in die Schweiz. Bei der rigiden Pass-Kontrolle auf dem Innsbrucker Bahnhof führt Zuckmayer selbst eine Art »Köpenickiade« auf. In »schärfstem Kommissdeutsch« verschafft er sich bei den Polizisten und SA-Männern Respekt und kann unbehelligt ausreisen. Über die Schweiz reist Zuckmayer mit seiner Familie in die USA aus. Er verdingt sich mehr recht als schlecht als Drehbuch-Autor in Hollywood und pachtet 1941 eine Farm in Vermont, die er fünf Jahre lang bewirtschaftet.
Als er in einer Zeitungsnotiz liest, dass sein Freund Ernst Udet, hoch dekorierter Kampflieger des Ersten Weltkriegs bei der Erprobung eines neuen Flugszeugs ums Leben gekommen sei, schreibt er das Drama »Des Teufels General«. Im Mittelpunkt des Stückes steht der Nazi-Fliegergeneral Harras, der - zynisch-distanziert - zwar die menschenverachtende Brutalität der Nazis durchschaut, selbst aber nichts unternimmt. »Das Gemeine zulassen ist schlimmer, als es zu tun«, erkennt Harras und begeht - wegen ungeklärter Sabotage-Akte in der von ihm verantworteten Flugzeugproduktion von der Gestapo in die Enge getrieben - mit einer defekten Maschine Selbstmord. In der 1954 gedrehten Verfilmung spielt Curd Jürgens in einer seiner eindrücklichsten Rollen den Harras.
Im Sommer 1958 bezieht Zuckmayer seinen letzten Wohnsitz in dem Waliser Gebirgsort Saas-Fee. Dort schreibt er 1966 seine 640-Seiten starke Autobiographie »Als wär's ein Stück von mir« - die persönliche Bilanz eines Lebens für die Kunst und das Theater und ein wertvolles Dokument der Zeitgeschichte. Am 18. Januar 1977 stirbt Carl Zuckmayer mit 81 Jahren. |