Gott im SPIEGEL
Sonntagsblatt-Medienkolumne
Dem Spiegel sei zum 60sten Geburtstag Gott befohlen, sagt Sonntagsblatt-Kolumnistin Johanna Haberer.
Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag steht dem Spiegel ein pikanter Krach ins Haus. Der langjährige Direktor des Fritz-Bauer-Instituts für Holocaustforschung, Micha Brumlik, hat die Weihnachtsnummer des Spiegel (Ausgabe vom 22. Dezember 2006) als den bislang antisemitischsten Spiegel-Titel aller Zeiten bezeichnet.
Autor Matthias Schulz, auf dessen religionswissenschaftliche Patchwork-Kenntnisse die Spiegel-Redaktion sich in Sachen Religion in letzter Zeit häufig verlässt, hatte dort unter der Überschrift »Das Testament des Pharao« die These erörtert, der Monotheismus der Israeliten sei vom Monotheismus des ägyptischen Pharao Echnaton beeinflusst.
Für Fachleute ein Freudscher Ladenhüter.
Nicht so sehr der Inhalt, besonders aber der Ton dieses Artikels, der den Monotheismus als grundsätzlich gewalttätig geißelt, erinnert an antisemitische Propaganda. Die Juden hätten ihren Glauben »nur abgekupfert«. »Biestige Jahwepriester, die es mit der Wahrheit nicht so genau« nahmen und im »düsteren Kultbau auf dem Zionsberg die Fäden zogen«, hätten eine intolerante Form des Monotheismus und damit Hass geschaffen.
Der Weihnachtsaufmacher hatte in diesem Zusammenhang auch den renommierten Ägyptologen Jan Assmann interviewt und ihn in Kontexten zitiert, von denen sich der Wissenschaftler später ausdrücklich distanzierte.
Ein Symptom in der Religionsberichterstattung des Spiegel in den letzten Jahrzehnten trat auch hier wieder zum Vorschein: die traditionelle Ratlosigkeit der Spiegel-Redaktion mit religiösen Phänomenen angemessen umzugehen. Seit in den vergangenen Jahren global die Religion wieder als ein gewichtiger Faktor kultureller und politischer Entscheidungen wahrgenommen wurde, müht sich das Magazin, Religiosität biochemisch oder genetisch zu erklären oder bestimmte Hirnregionen für religiöse Gefühle verantwortlich zu machen.
Einer seriösen und differenzierten Wahrnehmung religiöser Potenziale ist mit solchen Oberflächenbetrachtungen schwerlich gedient. Es werden vielfach aber Feindbilder bedient, die im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Dauerkrise im Nahen Osten dazu angetan sind, schlafende Vorurteile zu wecken und wiederum selbst Hass zu schüren.
60 Jahre und kein bisschen weise?
In Sachen Religion stünde es dem Leitmedium unter den deutschen Printmedien gut an, ein bisschen weiser zu werden - durchaus kritisch, aber nachdenklicher, differenzierter und informierter. Dem Spiegel zum 60sten also sei Gott befohlen. | MEDIEN-KOLUMNE
Johanna Haberer, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblatts, ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen und Sprecherin des » Wort zum Sonntag«. In ihrer monatlichen Kolumne beobachtet sie die Medienlandschaft.
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