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Dieser Artikel: Ausgabe 02/2007 vom 14.01.2007
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Verzeihen und versöhnen

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Vor 20 Jahren hat mir meine Schwester den Verlobten »ausgespannt«. Das hat unsere Beziehung völlig zerstört. Seit meine Schwester in die USA auswanderte, haben wir überhaupt keinen Kontakt mehr. Aber die alte Geschichte nagt immer noch in mir.

Mich belastet ein Vorfall, der nun schon an die 20 Jahre zurückliegt. Damals hat mir meine Schwester meinen Verlobten »ausgespannt«. Die beiden hatten dann eine intensive Affäre, die aber nach kurzer Zeit zu Ende war. Ich war sehr, sehr verletzt. Wir hatten mehrere lautstarke Auseinandersetzungen, die allesamt nichts brachten. Meine Schwester sagte nur, dass »solche Sachen« nun eben manchmal passieren würden, und ich würde damit schon fertig werden.

Später haben sich unsere Wege getrennt. Zunächst einmal innerlich, aber bald auch äußerlich. Meine Schwester lernte einen Amerikaner kennen und wanderte in die USA aus. Zwei, drei briefliche Kontaktversuche schlugen fehl. Ihre knappe Antwort lautete, ich möge die alten Geschichten doch bitte ruhen lassen. Seit einiger Zeit nun haben wir gar keinen Kontakt mehr.

Ich habe nun selbst Familie und lebe sehr glücklich. Allerdings ist da diese alte Geschichte, die immer noch in mir nagt. Irgendwie kann ich meiner Schwester nicht verzeihen, wenn so gar nichts von ihr kommt.

Frau F.

Sicherlich wäre es leichter, viel leichter, wenn von Ihrer Schwester irgendein freundliches Signal käme. Aber das kommt nicht. Was nun? Sie haben zwei Möglichkeiten.

Erste Möglichkeit: Sie konzentrieren sich auf Ihre jetzige Familie und freuen sich an dem Glück, das Sie erleben. So praktizieren Sie es anscheinend schon seit einiger Zeit.

Dabei haben Sie allerdings, wenn ich das bildlich ausdrücken darf, eine Untermieterin, die sich ab und zu bemerkbar macht. Es ist diese alte Verletzung, die Ihnen damals vor zwanzig Jahren zugefügt worden ist.

Die zweite Möglichkeit: Sie ringen sich dazu durch, Ihrer Schwester zu verzeihen. Wie könnte das aussehen und vor allem, was brauchen Sie für eine solche Entscheidung? Gibt es noch einen alten Groll, den Sie erst loswerden müssen? Müssen Sie noch einmal erzählen können, was damals passiert ist? Gibt es ein Ritual, das Ihnen helfen könnte? Ein Friedenswunsch zum Beispiel, den Sie aufschreiben, und der Sie eine Zeit lang begleitet.

Zum Schluss: Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Versöhnen und Verzeihen. Zum Versöhnen gehören immer alle Beteiligten. Sie können sich mit Ihrer Schwester nicht versöhnen, denn dies würde eine Entschuldigung oder zumindest eine wohlwollende Geste von deren Seite voraussetzen.

Das Verzeihen aber gehört ausschließlich in Ihr Denken und Fühlen. Dafür brauchen Sie Ihre Schwester nicht. Im Gegenteil: Sie lassen sie los und bleiben nicht mehr an sie gebunden. Damit wird auch die Untermieterin, diese alte Verletzungsgeschichte, Ihre Familie verlassen. Denn sie hat dort nichts mehr verloren.

Stellen Sie sich das vor: Kein Nagen mehr, nicht mehr in Ihnen, nicht mehr an Ihnen. Wäre das nicht einen Versuch wert?

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Herzog-Wilhelm-Str. 24, 80331 München.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Waldemar Pisarski

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:56 Uhr

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