Weiße Haube am Prenzlauer Berg
Schwester Heidrun Fichtner ist Bayerns einzige Diakonisse in Berlin
Wenn Schwester Heidrun Fichtner, 38, montagabends mit der S7 von Berlin-Wannsee zum Prenzlauer Berg fährt, erntet sie regelmäßig fragende Blicke. Der Trompetenkoffer hat noch Platz im Berliner Weltbild, aber die Diakonissenhaube? Mit der passt die gebürtige Oberpfälzerin, die seit 18 Jahren der Diakonissengemeinschaft Puschendorf bei Fürth angehört, in Deutschlands säkularisierter Hauptstadt ungefähr so ins Ortsbild wie ein Gamsbartträger ins Königreich Tonga.
 Foto:
Greif
 Nobles Umfeld: Heidrun Fichtner, Hauswirtschaftschefin im Berliner »Wannsee-Forum«.
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Nur gut 400 Kilometer sind es von Döltsch, einem 150-Seelen-Nest bei Neustadt an der Waldnaab, bis zum Brandenburger Tor. Und doch, zwischen beiden Plätzen liegt so etwas wie eine gefühlte Weltreise. Die in Heidrun Fichtners Lebensplan auch gar nicht vorgesehen war.
Aus der Perspektive des elterlichen Hofes sah doch alles ganz zwingend aus: Hauswirtschaftslehre, Dorfhelferin, irgendwann Familie und Kinder. Die Oberpfalz hätte ihr dies alles bieten können. Aber keine Antwort auf die Frage, die sich die junge Frau bei den regelmäßigen Oster- und Pfingsttreffen der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Puschendorf stellte, zu denen sie ihre Eltern seit frühester Kindheit mitgenommen hatten: »Was wäre, wenn nun Gott etwas ganz anderes mit dir vorhat?«
Die Antwort findet Heidrun Fichtner bei einer Jugendfreizeit, bei der jemand über die Berufung des Jesaja predigt: »Da war für mich kein Zweifel mehr, dass Gott mich ruft.« Es ist das Ende einer langen inneren Unruhe. Ein Jahr später, mit knapp 20, tritt sie der Diakonissengemeinschaft bei, damals die Jüngste. Aus Heidrun Fichtner wird Schwester Heidrun.
Nun weiß man, dass Gott auch auf krummen Linien gerade zu schreiben pflegt. Die innere Unruhe löst sich nämlich nicht etwa in Wohlgefallen auf. »Das Leben in der Gemeinschaft ist eine Herausforderung«, muss sie lernen: Manchmal erdrückt es, manchmal lässt es aushungern. Für die Gemeindearbeit, das spürt sie bald, ist sie nicht geboren. Stattdessen setzt sie weiter auf den Hauswirtschaftsweg: Zwei Jahre studiert sie an der Nürnberger Fachakademie für Hauswirtschaft, zwei Jahre arbeitet sie als Hauswirtschafterin, zu Füßen des Kreuzberges und der Zugspitze, um mit 28 schließlich die Hauswirtschaftsleitung des neuen Puschendorfer Gästehauses zu übernehmen.
Sechs Jahre geht das gut. Doch mit 34 ist Schwester Heidrun noch immer die jüngste Schwester in Puschendorf. Von den Schwestern ihrer Altersklasse treten viele wieder aus, um Familien zu gründen. Die Unruhe kehrt zurück: »Soll ich als Jüngste hier mal das Licht ausmachen?« fragt sie sich sarkastisch. Dann doch lieber noch mal was anderes versuchen. Die Puschendorfer Schwesternschaft hat Verständnis für die Seelennöte ihrer Wirtschaftschefin. Um sie zu halten, lassen sie sie gehen. Dass es unter vielen freien Stellen ausgerechnet Berlin wurde, war in dieser Gemengelage vielleicht weniger Zufall, als es aussieht.
Im September 2002 beginnt Schwester Heidrun, jetzt im Dienstverkehr wieder Heidrun Fichtner, als Hauswirtschaftsleiterin des »Wannsee-Forums«, einer privaten Bildungsstätte, die im Auftrag des Berliner Senats Seminare für Jugendliche durchführt. Spezialität des Hauses, das in Nachfolge des amerikanischen »camp of Wannsee« steht, in dem man deutschen Jugendlichen nach Kriegsende demokratische Ideen nahebrachte, ist die Verbindung von politischer und künstlerischer Erziehung. Zwischen 80 und 140 Menschen sind in der idyllisch gelegenenen, fast hundertjährigen Villa hier im Schnitt zu versorgen.
Wie lebt es sich so als Diakonisse in Berlin? Heidrun Fichtner trägt ihre Tracht nur in der Freizeit. Sie ist die Einzige unter dem 14-köpfigen Hauspersonal, die regelmäßig einen Gottesdienst besucht - allerdings nicht etwa bei den benachbarten Baptisten, sondern im Berliner Dom.
Auf dem Weg dorthin oder auf dem Weg zur Posaunenchorprobe erntet sie, siehe oben, regelmäßige erstaunte Blicke: »Eine junge Diakonisse, dass es das noch gibt!« Oder, spöttisch schlicht: »Oh Gott!« Was die Oberpfälzer Bauerntochter übrigens im gleichen Ton retournierte: »Oh nein, das bin ich nicht, ich gehöre nur zu seinem Bodenpersonal.« Seit gut zwei Jahren bekommt sie auch die sozialen Verwerfungen der Republik verstärkt ab - da kann es schon mal vorkommen, dass ein Bettler ihre mildtätige Gesinnung ganz schnell in klingende Münze übersetzt haben möchte und aggressiv wird.
Döltsch, Puschendorf, Berlin? Was kommt danach? »Mal sehen«, sagt Heidrun Fichtner. Puschendorfer Schwestern sind auch in Ostpreußen und im Kongo tätig. |
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