Ökumene vor der Aufklärung?
Wir sollten keinen Anstoß an der orthodox-katholischen Annäherung nehmen
Von
Lutz Taubert
Was macht das Orthodoxe aus? Wenn wir einmal von unserem Alltagsverständnis ausgehen, dann ist orthodox, wer strenggläubig ist und fromm in einer althergebrachten Weise, wer sich an den Buchstaben von Tradition, Schrift und Gesetz hält, an Dogmen und Lehren.
So gesehen gibt es orthodoxe Lutheraner, orthoxe Katholiken und orthodoxe Juden. Und natürlich gibt es die Orthodoxen als eigene Konfession, zum Beispiel in den neuen EU-Beitrittsländern Rumänien und Bulgarien oder auch in Bayern als eine Mitgliedskirche in der AcK, der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen.
Auch wissen wir von den Orthodoxen, die im Ökumenischen Rat der Kirchen gegen westliche Laxheiten und Liberalität losziehen und Frauen im Pfarramt ablehnen. Aber wir riechen auch Weihrauch und hören Bassstimmen, die homophone Choräle singen, sehen prachtvolle Zeremonien und Ikonen.
Der Begriff »orthodox« löst Gedanken- und auch Gefühlsreflexe aus, die leicht in die Kategorie »Ressentiments« abgleiten können: Orthodoxie ist irgendwo zwischen vorgestern und Exotik, jedenfalls uns fremd.
Sitzt Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), solchen Ressentiments auf - oder bedient er sie gar willentlich? - wenn er sich kritisch und irritiert über die Annäherung zwischen Vatikan und orthodoxer Kirche äußert? Huber sagte (in einem Rundfunkgespräch mit dem Mainzer Kardinal Karl Lehmann), es gebe in beiden Kirchen eine Tendenz, eine Gestalt des christlichen Glaubens zu leben, »die mit der Aufklärung nichts zu tun hat«. Das große Risiko der Annäherung zwischen Orthodoxie und Katholizismus besteht für Huber darin, »dass es eine Annäherung vor der Aufklärung sein könnte«.
Huber hat natürlich - einerseits - Recht (insofern, als er ja nicht pauschal urteilt, sondern nur eine Tendenz beschreibt). Er liegt auch richtig darin, die Themen Aufklärung und Konfession (respektive Glauben) miteinander zu verknüpfen (was ja bekanntlich der Papst in seiner denkwürdigen »Regensburger Rede« nachdrücklich und folgenreich getan hat).
Andererseits stellt sich Huber mit dieser seiner Ökumene-Kritik, was die öffentliche Wirkung betrifft, selbst ins Abseits. Es klingt, als ob der Protestant sich ärgert, dass der Zug der interkonfessionellen Ökumene ohne ihn abfährt. So soll es aber gerade nicht sein, und diese Haltung passt auch nicht zum Konzept der »versöhnten Verschiedenheit«, dem sich die Ökumene-Bewegung verschrieben hat. Freuen wir uns als die Konfessionsfamilie der reformierten Kirchen darüber, dass sich Orthodoxe und Katholiken gegenseitig »versöhnt verschieden« wahrnehmen. |
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