Warum Meiser denk-würdig ist
Der erste bayerische Landesbischof repräsentiert das Luthertum der NS-Zeit
Von
Harry Oelke
Hans Meisers, des ersten Bischof Bayerns, »wohlwollender Umgang mit dem NS-Staat war nichts Außergewöhnliches im Protestantismus jener Epoche«. Meiser war also - mitsamt seinen antisemitischen Vorbehalten - Repräsentant des Luthertums, schreibt unser Autor, der Kirchenhistoriker Harry Oelke.
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 »Ambivalente Persönlichkeit«: Hans Meiser.
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Die öffentliche Diskussion um das von der Landeskirche geplante, dann abgesagte Meiser-Gedenken kann als jüngstes Beispiel deutscher Erinnerungskultur zur NS-Zeit gelten. Längst machen Geschichts- und Kulturwissenschaft auf die besonderen Züge der deutschen Erinnerung an die NS-Zeit aufmerksam. Aleida Assmann nennt das, was in Deutschland die Erinnerung an die NS-Zeit bestimmt, eine emotional bestimmte »Erregungskultur«.
Bischof Hans Meiser macht es seiner Erinnerungsgemeinde nicht einfach. Längst ist er von wissenschaftlicher Seite als ambivalente Persönlichkeit der kirchlichen Zeitgeschichte erkannt. Bereits vor 1933 publizierte er antisemitische Äußerungen, er schwieg zur Judenverfolgung, klagte die »Euthanasie«-Aktion der Nazis nicht öffentlich an, war bereit, äußere Usancen des Nazi-Kultes nicht zu verweigern, wenn es nur seiner als bedroht wahrgenommenen Kirche Hilfe versprach (Führergruß, Treueeid und Geburtstagsgebete für Hitler, Beflaggung von Kirchengebäuden, tendenziöse Kriegsnachrichten als Kanzelabkündigungen).
Nach 1945 blieb in Deutschland das öffentliche Eingeständnis individueller und kirchlicher Schuld durch Meiser vage. Seine Kritiker erkennen in all dem den latenten Sympathisanten des NS-Staates, dessen kirchlichen Handlanger und schlimmstenfalls einen Vorbereiter des Holocaust.
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 Als der Bischof seinen Hut nahm: Hans Meiser 1955.
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Andererseits forderte der Kirchenmann schon vor 1933 christliche Solidarität mit NS-verfolgten Juden (»sich schützend vor die Juden zu stellen«), verweigerte sich beharrlich der NS-Eingliederungspolitik und löste damit einen »frommen Volksaufstand« (C. Nicolaisen) von einzigartiger Qualität im Dritten Reich aus. In aller Stille half er etlichen Christen »nichtarischer Herkunft«.
Meiser steckte dafür ein: vom NS-Staat unter Hausarrest gestellt, von lokalen Parteibossen der NSDAP beschimpft und in Sachsen vom Gauleiter mit einem Predigtverbot belegt, die NS-Presse forderte seine Amtsenthebung, diffamierte ihn als »Volksverräter«. Nach 1945 zeigte er sich lernfähig, verhalf seiner Kirche zu hochschulpolitischer Eigenständigkeit (Neuendettelsau), bekannte sich als erster Repräsentant deutschen Luthertums 1947 im Ausland (Lund) zur Schuld aus der NS-Zeit. Seine Befürworter preisen heute den Retter der evangelischen Kirche, die beeindruckende Persönlichkeit und den wegweisenden Kirchengestalter.
Weder Lichtgestalt noch Antisemit
Die Reaktionen der vergangenen Monate scheinen jene Historiker zu bestärken, die auf den Faktor der Generationenzugehörigkeit bei der Kultivierung von Erinnerung verweisen. Zeitzeugen von Meisers Wirken erinnern sich eher affirmativ, bei der nachrückenden 68er Generation kann sich in Fortsetzung des Kampfes gegen die eigene Vätergeneration ein kritischer Umgang mit Tendenz zur - freilich abgestrittenen - Moralisierung zeigen, die jüngere Generation scheint tendenziell eher pragmatisch an der Sache interessiert.
Eine nüchterne Bewertung der vorliegenden Quellen zeigt Meiser zwischen den skizzierten Polen: Der Landesbischof war weder Rettergestalt der »intakten« Kirche noch notorischer Antisemit, zumal nicht mit »eliminatorischen« Zügen. Meiser zeigte sich weder übertrieben angepasst noch sonderlich resistent. Es dominiert das Bild eines eher biederen Kirchenbeamten, bürokratisch und beflissen um das Wohl seiner Kirche besorgt. Diese Mentalität dominierte das deutsche Luthertum jener Zeit in seiner Gesamtheit.
Das aus heutiger Sicht Herausfordernde am bayerischen Landesbischof ist weniger seine markante historische Gestalt, sondern vielmehr die Repräsentativität seines Typus für das lutherische Christentum der NS-Zeit und bis in die 60er Jahre hinein. Ein wohlwollender Umgang mit dem NS-Staat war nichts Außergewöhnliches im Protestantismus jener Epoche, latent antisemitisch zeigten sich weite Teile des Protestantismus bis in führende Kreise der Bekennenden Kirche hinein. Nach 1945 war es für die evangelische Christenheit ein langer Weg bis zur unvoreingenommenen Öffnung gegenüber dem Judentum und zur pluriformen theologischen und politischen Milieubildung.
Meiser, ein zeittypischer Repräsentant des Luthertums: Es besteht kein Anlass, wie bisweilen gefordert, einen »Mantel des Schweigens« um den Landesbischof zu legen. Im Gegenteil: In seinen mentalen Spannungsfeldern ist er aus heutiger Sicht denk-würdig. Die Erinnerung an den Holocaust und seine Entstehungsbedingungen bleibt ohnehin eine Herausforderung für jede nachrückende Generation. Die Geschichte besteht nicht nur aus Heldinnen und Helden, sondern historische Leistungen stellen sich in der Regel im Lichte ambivalenter Handlungsorientierungen von Menschen dar. Erinnerungswürdiges ist selten in Reinkultur zu haben. Das Tilgen der Erinnerung an Personen wie etwa Meiser (und neben ihm vieler anderer) könnte hinsichtlich der Ausbildung eines mündigen öffentlichen Bewusstseins kontraproduktiv wirken.
Der Auseinandersetzung um Bischof Meiser wohnt die Chance für eine tiefere Einsicht in theologische Voraussetzungen und in handlungsbezogene Mechanismen der NS-Zeit inne. An Meiser lassen sich mentale Dispositionen des deutschen Luthertums und kirchenleitenden Handelns in seinen Vorzügen sowie in seinen Begrenzungen bzw. fatalen Defiziten exemplarisch studieren.
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 Harry Oelke.
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Sein Beispiel kann vor Augen führen, in welch erschreckend hohem Maß antisemitische Vorbehalte und antijudaistische Vorurteile damals verbreitet waren und welche Gefahren sich mit derartigen Klischees verbinden können. Die Beschäftigung mit Meiser kann für analoge Gefahren der Gegenwart sensibilisieren. Eine weitere Beschäftigung mit seiner Person lässt Aufschluss über die spannende Frage nach den Spielräumen kirchlichen Handelns in totalitären Regimen erwarten. Die Erinnerung an den Landesbischof kann auf diese Weise jenseits von Moralisierung und Euphemisierung einen wichtigen Beitrag zur verantwortungsvollen Gegenwartsgestaltung in Kirche und Gesellschaft leisten.
Harry Oelke ist Professor für Kirchengeschichte an der Ev.-Theologischen Fakultät der LMU München und Vorsitzender der Ev. Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte.
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