»Ihr Saukerle, Ihr Judenknechte«
Der 4. Dezember 1936 im fränkischen Baiersdorf - die Geschichte von 35 mutigen Theologie-Studenten
Vor genau 70 Jahren trug sich im mittelfränkischen Baiersdorf eine Episode kleinen, aber couragierten Widerstands gegen das NS-Regime zu. 35 Erlanger Theologie-Studenten boten dem Stellvertreter des »Frankenführers« Julius Streicher die Stirn.
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Foto: Archiv Thomas Greif
 Hitler-Kopie mit Bärtchen und Ledermantel: Karl Holz, der Stellvertreter des »Frankenführers« Julius Streicher auf dem Weg zu einem Frankentag auf dem Hesselberg.
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Ein guter Deutscher ist auch ein guter Christ«, titelte am nächsten Montag das fränkische NS-Parteiblatt Fränkische Tageszeitung, seit 1933 herausgegeben vom »Frankenführer« Julius Streicher. Dessen Stellvertreter, Karl Holz (1895-1945) habe, hieß es weiter, bei einer Parteiversammlung in Baiersdorf Theologen aus dem nahegelegenen Erlangen »eine Belehrung« erteilt.
Was hat sich am Freitagabend, 4. Dezember 1936, in Baiersdorf tatsächlich zugetragen?
Der Ruhestands-Pfarrer, Sonntagsblatt-Leser und ehemalige Mitarbeiter Wilhelm Ruckdeschel, der im Januar seinen 93. Geburtstag feiert, war als damals 22-jähriger Theologie-Student dabei. Und mit ihm 34 weitere Erlanger Kommilitonen - auch wenn die NS-Parteizeitung später nur »etwa 20 Theologen« zählte, »die in ihrem Leben noch keine Erfahrungen gesammelt und und noch nicht gekämpft haben«.
Aufgeflammter Kirchenkampf
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Foto: Archiv Thomas Greif
 Karl Holz (Detail aus dem Bild oben).
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Im Herbst 1936, erinnert sich Ruckdeschel, sei in Franken der Kirchenkampf erneut aufgeflammt. Der stellvertretende Gauleiter Frankens, Karl Holz, der dem berüchtigten Julius Streicher in seinem Judenhass in nichts nachstand, sei »aus Hass gegen die sich der NS-Ideologie nicht anpassende Bekennende Kirche und Pfarrerschaft« über die fränkischen Dörfer gezogen, um gegen Juden wie Bekennende Kirche zu hetzen. Wilhelm Ruckdeschel hat sich damalige Aussagen von Holz notiert: »Die Bekenntnis-Scheißkerle sind es, die behaupten, dass die Juden das auserwählte Volk seien. Wenn alle Juden in einer Nacht auf einmal totgeschlagen würden, so wäre dies der heiligste Feiertag in der ganzen Weltgeschichte.« (Hersbruck, 27. Oktober 1936)
Oder: »Die Juden sind ein Volk von Mördern, Taschendieben und Frauenschändern. Ich warte nur auf den Tag, wo der Befehl kommt: Schlagt alle Juden tot!« (Feuchtwangen, einige Tage später)
Die 35 Erlanger Studenten - unter ihnen auch der frühere Sonntagsblatt-Chefredakteur Richard Kolb - hätten daraufhin beschlossen, »als Delegierte der Erlanger Bekentnisstudenten zu dieser Versammlung zu gehen, um gegen Holz zu demonstrieren und eventuell den Laden zu sprengen«.
Etwa 1000 Parteianhänger seien nach Baiersdorf gekommen, erinnert sich Ruckdeschel: »Wir waren rechtzeitig gekommen und saßen als Block beisammen.« Und störten dann die Holzschen antisemitischen und antikirchlichen Hetzreden mit Zwischenrufen wie: »Herr Holz, was Sie da sagen ist die Unwahrheit!« oder: »Hören Sie bitte mit Ihren Hetzreden gegen die evangelische Bekenntniskirche auf! Wir Theologen und Pfarrer lassen uns von Ihnen nicht unsere Ehre nehmen.« Auch für die Juden seien die Theologen eingetreten, erinnert sich Ruckdeschel: »Auch die Juden sind Bürger unseres Landes«, habe man gerufen.
Die gebrüllte Schimpf-Tirade, mit der Holz antwortete, hat Ruckdeschel ebenfalls protokolliert: »Ihr Schweinehunde, Ihr Saukerle, Ihr Dreckspfaffen, Ihr Bekenntnislumpen, Ihr Judenknechte, Ihr Rotzbuben...«
Als daraufhin die Studenten geschlossen den Saal verlassen wollten, habe sie daran der NSDAP-Saalschutz gehindert.
Als »Volks- und Vaterlandsverrätern« habe ihnen Holz verboten, zum Abschluss das Deutschlandlied mitzusingen. Die Fränkische Tageszeitung machte daraus die Weigerung der Theologen, in die Nationalhymne einzustimmen und schloss: »Sie bekannten sich damit zu den im Ausland lebenden Emigranten und zu den Volks- und Vaterlandsverrätern.« Dann spiegelt das Parteiblatt etwas vom religiösen Wahn der NSDAP: »Begeistert von der nationalsozialistischen Bewegung und verabscheut von Menschen der Art dieser Erlanger Theologen«, heißt es in dem Bericht weiter, »gingen die Volksgenossen aus Baiersdorf aus dem Saal, kehrten zurück in ihre Häuser und berichteten vom wahren deutschen Geist der Nationalsozialisten, der religiös, natürlich und damit göttlich ist.«
Für die 35 Erlanger Theologen war das Verlassen des Saals ein Spießrutenlaufen durch eine aufgepeitschte Menge. »Ältere Nazi-Frauen taten sich besonders hervor«, erinnert sich Ruckdeschel. Die jungen Theologen seien bespuckt und geschlagen worden.
»Dass uns damals im Anschluss nicht mehr passiert ist - mindestens Relegation, wenn nicht Schlimmeres - hing damit zusammen, dass Holz von höherer NS-Parteileitung zurückgepfiffen wurde, weil er zu weit ging«, meint Ruckdeschel heute.
Warum Wilhelm Ruckdeschel die Erinnerung an diesen Abend so wichtig ist? Weil er zeigt, dass es »in der NS-Zeit nicht nur den Widerstand und die Tapferkeit von Bonhoeffer und Steinbauer gab«, sagt Ruckdeschel. | |
Kirche und Nationalsozialismus
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