»Lieber, guter Nikolaus...«
Die verzweigte Geschichte des weltweit erfolgreichsten christlichen Heiligen
Was ist dran am Nikolaus? Gab's ihn wirklich? Gibt's ihn wirklich - oder wie? Eine Export-Geschichte.
 Foto:
epd-bild
 Mosaik-Ikone des heiligen Nikolaus, Konstantinopel, Ende 12. Jahrhundert.
|
Leider kommt er zuhause an Nikolaus jetzt nicht mehr persönlich, der Nikolaus. Irgendwann hatten ihn die Kinder nämlich enttarnt: Sie stellten fest, dass der Nikolaus in Wahrheit Bernhard hieß und ihnen nicht unbekannt war. Weil es sich um freundliche und einfühlsame Kinder handelt, sagten sie das ihren Eltern nicht sofort, um diese nicht zu verletzen. Die Eltern schienen den Betrug nämlich nie zu bemerken.
Es ist so eine Sache mit dem guten und strengen Nikolo, von dem der Kobold Pumuckl gedichtet hat: »Lieber guter Nikolaus, ich bin klein und du ein Graus, komm nicht rein, bleib lieber draus.« Für weniger Brave als die oben erwähnten Kinder, kann der Heilige auch ein Graus sein. Vor allem wenn er seine finsteren Begleiter Krampus (Bayern und Österreich), Schmutzli (Schweiz) oder Zwarte Piet (Niederlande) zum Kinderschrecken dabei hat.
Was ist also dran am Nikolaus? Gibt's ihn nun wirklich - oder gibt's ihn nicht?
 Foto:
sob
 Geplündertes Grab des Heiligen Nikolaus in Myra, heute Demre in der Türkei.
|
Gebeine eines Heiligen Nikolaus liegen jedenfalls im italienischen Bari. Wie sie dort hinkamen, ist eine echte Räuberpistole. Denn italienische Seeräuber stahlen sie vor knapp 1000 Jahren in der Türkei - und mehrten mit ihnen das Reliquien-Konto der italienischen Halbinsel. Seit einiger Zeit gibt's allerdings Gegenwind von einer »Santa Claus Stiftung« in Demre, wo der Nikolaus einst Bischof war und an einem 6. Dezember gestorben sein soll. Der Sprecher der Stiftung will die Knochen zurück - um das historische Unrecht wieder gutzumachen und nebenbei über den Nikolaus für Aufschwung im Tourismus zu sorgen.
Die Chancen auf Rückgabe stehen schlecht. Denn in der wohlsortierten katholischen Heiligenwelt ist der Nikolaus etwas Besonderes: Wie St. Martin gilt auch der Nikolaus als »apostelgleich". Höher hinaus geht's für einen Heiligen kaum, noch dazu für einen, der nicht als Märtyrer, sondern eines natürlichen Todes gestorben ist. Außer, er ist auch für die Orthodoxen »isapóstolos« - apostelgleich: wie St. Nikolaus, der somit Ost- und Westkirche verbindet.
 Foto:
sob
 Die Rettung der Seeleute: Gentile da Fabriano, ursprünglicher Hauptaltar von San Niccolò sopr'Arno in Florenz, um 1425, Pinacoteca Vaticana Rom.
|
Viele wunderschöne Legenden erzählt man sich von diesem Star-Heiligen. Von den Töchtern des armen Mannes, die dieser auf den Strich schicken will, weil er sich angesichts seiner ökonomischen Krise keinen anderen Rat mehr weiß. Nikolaus erfährt davon und wirft an drei Nächten jeweils einen großen Goldklumpen durch den Kamin. Ergebnis: Für die Jungfrauen geht die Geschichte gut aus.
Oder die in einen schlimmen Sturm und deswegen in Panik geratenen Seeleute: Als sie nach dem Nikolaus rufen, kommt der auch und erweist sich als ausgezeichneter Skipper. Der Heilige übernimmt das Ruder, lässt erstmal die Segel reffen und sorgt für die richtige Trimmung. Dann übernimmt er die Navigation und schließlich stillt er auch noch den Sturm. Und verschwindet wieder.
Für die Hanse-Kaufleute, die mit ihren Koggen und viel teurer Ware an Bord von Brügge bis Bergen, von London bis Reval segelten, war Nikolaus deswegen _der_ Heilige. Zu jeder ordentlichen Hansestadt im protestantischen Norden gehört deshalb eine - meist mit schönem Genitiv bezeichnete - »St. Nicolai"-Kirche. Oft genug hat bei diesen Kirchen das »Sankt« die Reformation überdauert, die so nachhaltig mit den Heiligen aufgeräumt hat.
Weil gegen das Glück beschenkter Kinder theologisch wenig vorgebracht werden kann, hat man im protestantischen Franken einen evangelischen Ersatz-Nikolaus erfunden: Dort bringt der »Pelzmärtel« (Martin im Pelz) Geschenke für die Kinder. Praktischerweise hat der seinen Namen gleich vom bei Kindern ebenfalls höchst beliebten heiligen Martin - und erinnert so auch noch an den auf dessen Namen getauften Martin Luther. Auf längere Sicht scheint die Lokalgröße Pelzmärtel allerdings kaum eine Chance zu haben gegen den Weltmarktführer Nikolaus.
 Foto:
sob
 Der Weihnachtsmann als Opfer der modernen Fliegerei.
|
Richtig aufgeräumt mit dem Nikolaus hat dann allerdings die neuzeitliche Wissenschaft, die den legendären Nikolaus ebenso als Fiktion enttarnte, wie die eingangs erwähnten Kinder den Bernhard. Denn eigentlich gibt es gleich zwei Nikoläuse (oder: Nikolaoi), deren Lebensgeschichten sich überlagert haben: den Bischof Nikolaus von Myra in Lykien (dem heutigen Demre an der Südküste der Türkei), von dem man nicht viel mehr weiß als dass er wohl im 4. Jahrhundert dort gelebt hat. In welchem Jahr und ob er an einem 6. Dezember gestorben ist, weiß man nicht. Und es gibt einen Nikolaus, der Abt des Zion-Klosters von Korydalla bei Myra und später Bischof von Pinora war. Er ist am 10. Dezember 564 in gestorben. Auch von ihm weiß man kaum mehr. Aus diesen beiden historischen Gestalten hat sich im 6. und 7. Jahrhundert die Figur des wundertätigen Bischofs von Myra entwickelt.
In Holland als »Sinterklaas« bekannt, schaffte es der Nikolaus - wie wir jetzt wissen, ein ausgezeichneter Seemann - über den Atlantik in die neue Welt. Aus »Sinterklaas« wurde dort »Santa Claus", der sich endgültig vom katholischen Heiligenkalender und damit vom 6. Dezember emanzipiert hatte. Aus der Bischofsmitra wurde die Bommelmütze und der Weg zum Weihnachtsmann war frei. Offenbar haben die prostitutionsbedrohten, legendären Jungfrauen ihre Strümpfe im Kamin getrocknet. Denn für den amerikanischen Santa Claus spielen Socken und Kamine bekanntlich eine wesentliche Rolle.
 Foto:
epd-bild
 Aufkleber der Aktion »Weihnachtsmannfreie Zone«.
|
Der religiös neutralisierte Weihnachtsmann hat sich als höchst kapitalismuskompatibel erwiesen. Um die weltweite Verbreitung des Einheits-Weihnachtsmannes hat sich besonders die Firma Coca Cola verdient gemacht, indem sie diesem die Firmenfarben rot und weiß verpasste. Zum »Noel Baba« mutiert, ist der Bischof von Myra also kürzlich erst in die Türkei zurückgekehrt. Hierzulande beginnt der Mutant, das Original so sehr in Bedrängnis zu bringen, dass sich erste Initiativen zum Schutz des Nikolaus gebildet haben. Sie fordern »weihnachtsmannfreie Zonen".
Der Name des griechischen Heiligen ist doppeldeutig: »Siegen« und »Volk« - beides steckt im Nikolaus. Da muss dem Nikolaus also in seiner Abwehrschlacht gegen seinen Mutanten, den Weihnachtsmann, nicht Bange sein.
Bei den Kindern ist er in jedem Fall der Sieger. Denn die glauben trotz der Bernhard-Nikolaus-Enttarnung nicht nur weiter ans Christkind (auf das Jahr für Jahr immer nur Sternenstaub am Boden, hinterlassene Geschenke und die Zeugenaussage des zufällig im Weihnachtszimmer befindlichen Vaters hindeuten, der angibt, gerade noch einen Zipfel von einem weißem Gewand gesehen zu haben).
Nein, irgendwie hat sich auch der Nikolaus-Glaube der Kinder auf die Ebene des »Unfassbaren« verwandelt. Denn die Wahrheit des Sich-beschenkt-Fühlens, die bleibt. Wahrscheinlich bis an unser Ende. | NIKOLAUS
Zum Thema:
Weihnachtsmannfreie Zone: Wie sich Pro-Nikolaus-Initiativen gegen »Cocalisierung« wehren. » lesen!
Heiligenlexikon
www.nikolaus-von-myra.de
DIESER TEXT ist auch unter www.e-nikolaus.de zu finden. Das Projekt » E wie Evangelisch« bündelt Domains von e-anfang bis e-zuversicht. Die Autoren kommentieren kirchliche und Alltagsthemen pointiert aus ihrer ganz persönlichen und zugleich evangelischen Perspektive
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
|
| |
|
 |