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Dieser Artikel: Ausgabe 48/2006 vom 26.11.2006
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Die Jüdin, ihr Vermächtnis und die Kirche

Das Schicksal der »nichtarischen« Christin Elisabeth Braun und das Münchner Hildebrandhaus


Elisabeth Braun wurde 1887 als Münchner Jüdin geboren. 1920 ließ sie sich taufen und trat der evangelischen Kirche bei. Ihr Leben, das 1941 gewaltsam in Litauen endete, ist eng verbunden mit der Geschichte der Münchner Künstlervilla Hildebrandhaus und zugleich ein Beispiel für den Umgang mit jüdischem Vermögen.

Elisabeth Braun (um 1940)
Foto: Stadtarchiv München
   Passbilder der Verfolgten (um 1940): Elisabeth Braun (oben links) bot Juden und Christen jüdischer Herkunft wie...

Wo heute die Monacensia-Bibliothek der Stadt München untergebracht ist, im Hildebrandhaus im Münchner Nobelviertel Bogenhausen, da war bis 1941 durch das Wirken der jüdisch-christlichen Schriftstellerin Elisabeth Braun auch eine Zufluchtstätte für verfolgte Juden. Die Historikerin Christiane Kuller von der Abteilung für Neueste und Zeitgeschichte der Münchner Universität und der Historiker und Journalist Maximilian Schreiber haben nun die Geschichte der Künstlervilla erforscht und ein aufrüttelndes Buch, vorgelegt (»Das Hildebrandhaus - Eine Münchner Künstlervilla und ihre Bewohner in der Zeit des Nationalsozialismus«, München, 2006, 15,90 Euro). Die bayerische Landeskirche ist neben dem Kulturreferat der Stadt München und der Bibliothek Träger des Projekts.

Jeannette Edelstein (um 1940)
Foto: Stadtarchiv München
   ...Jeannette und ihrem Ehemann...

Die 1887 geborene Elisabeth Braun stammte aus einer vermögenden jüdischen Textilhändlerfamilie. 1920 konvertierte sie zur Evangelisch-Lutherischen Kirche. Nach dem Tod des Vaters erbte sie 1929 ein Immobilienvermögen, das sie finanziell unabhängig machte.

Nach der Machtübernahme der Nazis floh ein Teil ihrer Familie aus Deutschland. Sie dagegen erwarb 1934 die Künstlervilla Hildebrandhaus in Bogenhausen in der Hoffnung, dass die braunen Machthaber ihr und ihren Schutzbefohlenen nichts antun würden. 15 Verfolgte nahm sie nach und nach dort auf. Seit Anfang 1939 wurde der Druck auf sie verschärft, alle ihre Immobilien zu verkaufen. Elisabeth Braun und ihre Stiefmutter Rosa Braun vermachten daraufhin im Juni 1940 ihr gesamtes Vermögen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Mit dem Erbe verband sie das »dringendste Ersuchen«, ihr Vermögen »für Zwecke der Betreuung und vor allem soweit irgend möglich der Mission sogenannter nicht arischer Christen verwenden zu wollen«.

Heinemann Edelstein (um 1940)
Foto: Stadtarchiv München
   ...Heinemann Edelstein oder...

1941 verhafteten die Nazis alle jüdischen Bewohner des Hildebrandhauses. Keiner überlebte den Holocaust. Elisabeth Braun wurde ins litauische Kaunas deportiert und dort vor genau 65 Jahren, am 25. November 1941, erschossen. Rosa Braun starb 1945 im KZ Theresienstadt.

Das Vermögen der Brauns zog der NS-Staat ein.

Professor Hans Günter Hockerts und sein wissenschaftliches Team vom Zeitgeschichte-Lehrstuhl der Münchner Universität haben in den letzten Jahren die Ausplünderung jüdischen Vermögens im Nazi-Deutschland und die entsprechende Bereicherung von Überzeugungstätern und Mitläufern systematisch erforscht. Dabei wurden viele wichtige zeitgenössische Quellen der sogenannten »Wiedergutmachungsverfahren« für NS-Verfolgte nach dem Krieg erschlossen. Das jetzige Buch über das Hildebrandhaus ist auch diesen Forschungsansätzen zu verdanken.

Lilly Rosenthal (um 1940)
Foto: Stadtarchiv München
   ...Lilly Rosenthal im Hildebrandhaus ein Obdach.

Das Buch legt nicht nur ein Stück unseliger München-Geschichte offen. Es verweist exemplarisch auf das Schicksal »nicht-arischer« Christen in der NS-Zeit, deren Zahl nach Schätzungen in die Hunderttausende ging. »Bis heute ist wenig über diese Verfolgtengruppe bekannt, und es gibt kaum wissenschaftliche Forschungen dazu«, sagt Christiane Kuller, Tochter des langjährigen 1. Pfarrers an der Münchner Bischofskirche St. Matthäus, Dieter Kuller.

Elisabeth Braun bekam von ihrer Kirche keine Unterstützung, als ihr Leidensweg in seine letzte Phase ging. Weil ein Freund der Familie ihr Testament in einer Metallbox vergraben hatte, konnte die bayerische Landeskirche nach dem Krieg in einem »Wiedergutmachungsverfahren« ihre Erbansprüche durchsetzen.

Dem von Elisabeth Braun bestimmten Verwendungszweck, ihr Vermögen für die Betreuung »nicht arischer« Christen einzusetzen, kam die Kirche nicht nach. 1965 verkaufte sie das Hildebrandhaus an einen Immobilienspekulanten. »Der Verkaufserlös... wird dringend benötigt, teils zum Kauf von Eigentumswohnungen, teils zum Erwerb des Grundstücks Karlstr. 18«, heißt es in einem Sitzung-Protokoll des Landeskirchenrates.

Geld für Talitha Kumi

Allerdings hatte die Landeskirche schon 1952 einen Sonderfonds »Nachlass Elisabeth und Rosa Braun« aus anderen ererbten Vermögenswerten der Ermordeten eingerichtet. 1969 wurden auch die Erlöse aus dem Verkauf des Hildebrandhauses dort mit Zins und Zinseszins eingezahlt. Daraus haben unter anderem das evangelische Mädcheninternat Talitha Kumi in Beit Jala (Palästina) und der Münchner Motettenchor für Israel-Reisen Zuschüsse erhalten.

Bei der Vorstellung des Buches betonte Landesbischof Johannes Friedrich, dass die bayerische Kirche bestrebt sei, »das Erbe der Familie Braun für den Zweck einzusetzen, der dem Willen der Erblasserin entspricht«. Im Fall von Elisabeth Braun sei es gelungen, sie »dem Vergessen zu entreißen. Entsetzlich genug, dass die braune Rassenpolitik diese Menschen ausgelöscht hat. Wenigstens in der Erinnerung müssen sie uns lebendig bleiben!«

BUCHTIPP

Christiane Kuller, Maximilian Schreiber: »Das Hildebrandhaus - Eine Münchner Künstlervilla und ihre Bewohner in der Zeit des Nationalsozialismus«, Allitera Verlag München, 2006, 184 Seiten, 15,90 Euro, ISBN 3-86520-130-X

  Christiane Kuller, Maximilian Schreiber: »Das Hildebrand- haus - Eine Münchner Künstlervilla und ihre Bewohner in der Zeit des National- sozialismus«, Allitera Verlag München, 2006, 184 Seiten, 15,90 Euro, ISBN 3-86520-130-X

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Heinz Brockert

 


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/news/aktuell/2006_48_27_01.htm
abgerufen 09.02.2012 - 00:25 Uhr

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