Von Jesus reich gemacht
Glaube und Leben im Verborgenen: Muslime, die zu Christen wurden
Von
Frank Wairer und Markus Springer
Muslime, die Christen wurden, stehen in ihren islamisch geprägten Heimatländern unter großer Gefahr. Aber auch in Deutschland sind sie vor Fanatikern nicht sicher. Viele leben deshalb ihren Glauben im Verborgenen.
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 Eine Bibel in Farsi, der persischen Heimatsprache iranischer Christen, in Händen einer Konvertitin. Viele christliche Konvertiten in Deutschland zeigen sich nicht in der Öffentlichkeit, weil sie Angst vor religiösen Fanatikern haben.
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Ali Othman Said, das ist nicht sein richtiger Name, aber auch kein ganz falscher. Denn Ali Othman hat zwar einen muslimischen Namen, doch der Tunesier ist Christ. Einer der aus einer muslimischen Familie stammt und zum Christentum konvertiert ist. Einer, der deshalb Angst hat, vor Problemen in seiner Heimat, vor kleinem Ärger und auch vor dem Schlimmsten.
Mit 14 Jahren ist Ali Othman Mitte der 60er-Jahre mit seiner Familie nach Deutschland, nach Baden-Württemberg gekommen. Eine tunesisch-muslimische Familie in einem fremden Land und mit christlichen Nachbarn. Deren Kinder gingen in eine Jugendgruppe des »Bunds für Entschiedenes Christentum« (EC) und luden Ali Othman, der schon etwas deutsch konnte, und seine Schwester ein. Christ wurde er deshalb noch lange nicht. In der Teestube diskutierte man leidenschaftlich über Gott und die Welt, über Politik und den eigenen Glauben. Aber »Freundschaft war wichtiger als alles andere« erinnert sich Ali Othman.
Doch »Stück für Stück ist, was abstrakt war, immer persönlicher geworden«, sagt Ali Othman über seine Berührung mit dem christlichen Glauben. 1974 habe er seine Bekehrung erlebt. Damals lag er nach einem schweren allergischen Schock im Koma. Seine Freunde vom EC wachten am Krankenhausbett. Als er nach 14 Tagen aus dem Koma erwachte, »da waren die da.« Plötzlich seien theoretische, theologische Wahrheiten von der Liebe Gottes persönlich wahr geworden. Seither ist Ali Othman Christ.

 »Der Islam ist eine Lebensform, die das ganze Leben umfasst.«
Ali Othman Said: Der Tunesier erlebte in Deutschland seine Bekehrung.
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»Am Anfang überschaut man die Veränderung nicht. Es ist eine Geburt, Wiedergeburt, Neugeburt«, sagt er. Für seine muslimische Umwelt, seine Familie war es ein Schock. Zumal sich Ali Othman wie viele frisch Bekehrte daran machte, auch andere zu bekehren. »Wie eine Karikatur« erscheint es ihm heute, dass er damals in ein Heim mit muslimischen Gastarbeitern gegangen ist, um dort das Evangelium zu predigen. Mit dem Messer habe man ihn bedroht und rausgeworfen. Weinend sei er zu dem Pfarrer, der ihn getauft hatte, zurückgelaufen.
In Deutschland hätten es Konvertiten aus dem Islam schwer, in den traditionellen christlichen Gemeinden Fuß zu fassen, sagt Ali Othman: »Es geht kalt zu.« Schlimmer aber seien missionarisch orientierte Freikirchen, wenn diese Konvertiten missbrauchten: »Bei den Evangelikalen neigen sie dazu, diese Leute zu instrumentalisieren und zu verheizen«, sagt er und meint damit auch die eigene Geschichte. »Dort wird oft Hass als Liebe verpackt.« Wer wie er eine Bekehrung erfahren habe, dem könne er nur abraten, in einen solchen »christlichen Dienst« zu treten.
Heute isst der tunesische Christ Ali Othman, der sich selbst als »liberalen Christen« bezeichnet, weder Schweinefleisch, noch trinkt er Alkohol. »Für das Gespräch mit Muslimen will ich nicht Steine des Anstoßes in den Weg legen durch anstößiges Verhalten.«
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 Iranische Christen in einer Freikirche bei einem iranischen Gottesdienst mit iranischen Anbetungsliedern.
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Ali Othman ist ein gebildeter Mann, er spricht akzentfrei Deutsch und Französisch, Englisch und natürlich Arabisch. Der heutige Hochschullehrer hat unter anderem in Heidelberg, Kiel und Jerusalem Soziologie studiert, aber auch evangelische Theologie und Judaistik. Als ein Mensch beider Welten, ein Christ mit islamischem Hintergrund, berät er heute die EU, aber auch deutsche Politiker in Fragen der Immigration und Integration von Menschen aus den nordafrikanischen Mittelmeeranrainerstaaten.
In seiner Heimat Tunesien ist der Islam Staatsreligion, die Verfassung gewährt jedoch freie Religionsausübung. Von den rund 10 Millionen Tunesiern sind rund 100000 Christen - etwa ein Prozent. Wie in anderen islamischen Staaten auch, steht die Aufforderung zum Religionswechsel - also etwa christliche Mission - unter Strafe. Beispiel Marokko: Hier drohen Haftstrafen zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Im Iran und im Jemen sind Muslime, die sich vom Islam abwenden vom Tod bedroht.
1986 ist Ali Othman mit einer Bibel und christlichen Schriften in der Tasche »erwischt« worden. Als einer, der unter anderem auch in Israel studiert hat, war er doppelt suspekt. Zwei Wochen war er deshalb in Haft. Dass man ihn dort bespuckt und schikaniert habe, berichtet er. Erst massiver diplomatischer Einsatz habe damals zu seiner Freilassung geführt.
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 Angst vor islamistischen Fanatikern: Viele christliche Konvertiten in Deutschland, hier eine Gläubige mit einer Bibel in der persischen Sprache Farsi, zeigen sich nicht in der Öffentlichkeit.
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Konvertiten drohe heute in Tunesien nicht der körperliche, aber der gesellschaftliche und berufliche Tod. »Man wird schikaniert, dienstlich versetzt, das Leben so erschwert, dass man ins Ausland geht.« Nicht zuletzt deswegen will der Hochschullehrer und Vater von drei Söhnen seine Identität nicht preisgeben.
Zudem hat der Irak-Krieg auch in Nordafrika »den Boden auf 100 Jahre kontaminiert« für das Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden: »Wir orientalischen Christen sind sehr traurig.« Wer mit Lügen arbeite, wie der amerikanische Präsident George Bush, sei kein Christ. »Jetzt wird in den Hinterhöfen erfolgreich Christen- und Judenhass gezüchtet.« Den Westen und die Christen warnt Ali Othman vor Islamophobie - und davor, Muslime zu unterschätzen: »Mit Urteilen auf Bildzeitungs-Niveau kommt man nicht weiter, ein bisschen kultivierter, informierter und differenzierter muss es schon sein.«
Stets in einem Reibungsverhältnis hätten die islamische und die christliche Welt gelebt, sagt Ali Othman, der Samuel Huntington in dessen These vom Zusammenprall der Kulturen durchaus zustimmt und den Westen nicht nur durch den Islam sondern auch durch China massiv herausgefordert sieht. Die Phase der Entkolonialisierung sei noch nicht abgeschlossen: »In der islamischen Welt hat man immer noch das Gefühl, in der Gefahr zu sein, untergebuttert zu werden.«
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 Der iranische Konvertit Reza Mamipourabri (links) mit Günther Pörschmann.
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Was der Westen oft nicht begreife, sei: »Der Islam versteht sich nicht nur als Religion, sondern als eine Lebensform, die das ganze Leben umfasst. Muslime sind bis in die tiefsten Gefühle von ihrer Religion durchdrungen.« Der Anspruch des Islam ist keineswegs weniger universal als der Begriff der Menschenrechte und der Demokratie des Westens.
Die Fernsehnachrichten aus dem immer säkulareren, libertinären Westen bestärkten die Menschen in der arabischen Welt, in Nordafrika in ihrer Überzeugung: Wir sind die bessere Gesellschaft - und so in ihrer muslimischen Identität. Dem Westen im Globalisierungsrausch schreibt man Brutalität, Herzlosigkeit, Ellenbogenmentalität zu. Moslem sein, das heiße vor allem: ein humaner Mensch sein.
Propaganda gegen den Islam oder gegen sein Land, das ist daher das letzte, was Ali Othman will: »Ich will in diese Situation keinen unnötigen Ärger hineinbringen«, sagt der Witwer, und fürchtet dabei auch um seine Söhne und seine Freunde.
Mission ist für den nordafrikanischen Christen Ali Othman allein »die Begegnung, die die Liebe Gottes erfahren lässt durch einen Christen, der gelernt hat, Gott zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.« In der Nähe von Monastir hat Ali Othman deshalb ein »Haus der Hoffnung« gegründet. Der Bauernhof bietet 15 Jugendlichen aus den sozial schwächsten Verhältnissen die Möglichkeit, »zusammen zu leben, zu essen, zu arbeiten und zu lernen«, wie Ali Othman sagt. Die meisten von ihnen sind Muslime. Gepredigt werde nicht, nur aus dem arbeitsfreien Sonntag könne man auf Anhieb auf den christlichen Hintergrund schließen.

 »Es gibt eine Art Sehnsucht nach Aufklärung« - In Deutschland hörte sie in der Schule erstmals von Martin Luther - und konnte nur allzu gut die Seelenqual des Augustinermönchs nachvollziehen: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?«
Eine 29-jährige aus einer iranischen Familie
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Szenenwechsel: Ende Juli in einem Ansbacher Gerichtssaal. Der vorsitzende Richter Rainer Stumpf soll entscheiden, ob der iranische Konvertit Reza Mamipourabri in sein Geburtsland abgeschoben werden darf. Die Frage hat auch für andere Rechtsfälle Bedeutung, bei denen christliche Konvertiten - gemeint sind frühere Muslime, die Christen geworden sind - um Asyl in Deutschland klagen. Mit Hilfe seines Anwalts Oswald Seitter aus Stuttgart argumentiert der Iraner, seit acht Jahren hier lebend, etwa so: Er war früher schiitischer Muslim und ist jetzt Christ. Man könnte ihn töten, wenn er in den Iran zurückkommt. Denn in den Augen strenger Muslime habe er den Propheten Mohammed beleidigt und bekenne sich zu einer minderwertigen Religion. Auch werde er seinen neuen Glauben nicht verbergen können, sagt der 30-Jährige, denn als Christ habe er die Verpflichtung zu öffentlicher Mission - wie in Deutschland, so auch im Iran.
Der Richter will diese Argumentation nicht gelten lassen: Was ein Christ sei, das könne doch jeder in der Bibel nachlesen, da müsse man doch nicht dauernd missionieren. Die im Publikum sitzenden Unterstützer Mamipourabris aus der freikirchlichen Missionsgemeinde Ansbach sind damit nicht einverstanden. Der Iraner hält dem Richter eine beherzte Kurzpredigt: An den Erlöser Jesus glauben, das ist etwas ganz anderes, als nur etwas über das Christentum zu wissen!
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 Bibelstudium: Längst nicht jeder Konvertit vollzieht seinen Religionswechsel als Abrechnung mit Mohammed.
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Man könnte es als Triumph christlichen Bekennermuts werten, dass Stumpf am Ende ein »Abschiebeverbot« erteilt: Der Asylbewerber darf nicht in den Iran abgeschoben werden. Ein Abschiebeverbot gilt dann, erklärt dazu der Pressesprecher des Gerichts, »wenn für einen Ausländer bei Rückkehr in sein Herkunftsland eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht«. Im Ergebnis kann Mamipourabri also in Deutschland bleiben. Trotzdem ist der Iraner unzufrieden, denn sein eigentliches Ziel - die Anerkennung als Asylberechtigter - hat er nicht erreicht. Wohl auch deshalb, weil er unter den bohrenden Fragen des Richters eingeräumt hat, erst in Deutschland konvertiert zu sein und nicht schon im Iran. Wochen nach dem Verfahren behauptet er nun wieder das glatte Gegenteil: Er sei im Iran Christ geworden und habe das Land deshalb verlassen müssen.
Der Fall zeigt, dass bei Asylprozessen nicht nur mit harten Bandagen gerungen wird, sondern auch mit frommen Worten. Im Gespräch mit dem Sonntagsblatt sagt eine konvertierte Iranerin im Blick auf Mamipourabri und ihre Landsleute: »Sehr viele machen viel Theater. Sie sind Christen, bis sie Bleiberecht haben, und dann sieht man sie kaum noch in der Gemeinde!«
Das ist ein harsches Urteil, das der Iranbeauftragte der Hannoverschen Landeskirche, Hans-Jürgen Kutzner, nicht unwidersprochen lässt. »Das kann man nicht generalisieren«, sagt er, »unter hundert ernsthaften Menschen kann sicherlich einer sein, der es vielleicht nicht ganz ehrlich meint. Aber wer wollte einen solchen Menschen verurteilen?« Kutzner ist deshalb für ein Bleiberecht für Konvertiten. In der Islamischen Republik Iran beispielsweise bedroht die Scharia, die traditionelle islamische Rechtshandhabung, die ehemaligen Muslime.
Doch nicht nur im Iran, sondern auch in Deutschland scheinen Konvertiten bedroht zu sein. Kutzner spricht von wachsender Nervosität und Misstrauen innerhalb seiner Klientel. Viele können ihren Glauben nur im Verborgenen leben.
Eine inzwischen eingebürgerte Konvertitin berichtet dem Sonntagsblatt das Folgende: »Ich habe anfangs viele Bibeln gekauft und meinen Bekannten geschenkt. Dann habe ich einen Drohbrief bekommen. Darin stand, dass ich nicht mehr evangelisieren darf, und wenn ich weiter von meinem Glauben rede, dann bekomme ich Schwierigkeiten. Ich habe wegen der Todesdrohung sehr große Angst gehabt und bin zur Polizei gegangen. Sie haben mich gefragt: Was hast du gemacht? Ich: Viel Evangelisation. Sie haben gesagt: Hör auf damit und rede nicht mit den anderen, bis wir den Briefschreiber finden. Ich habe dann auch meine Wohnung gewechselt.«
Ihren Namen möchte die Frau in der Öffentlichkeit nicht preisgeben. Sie gleicht damit allen Konvertierten, die zu den Recherchen dieses Titelthemas beigetragen haben - Iraner, Iraker und sogar gebürtige Deutsche. Zwar haben sie ihre Konversion im Verwandten- und nahen Bekanntenkreis nicht verschwiegen. Darüber hinaus aber halten sie sich bedeckt. Gemeinsam ist ihnen die Sorge, dass Fanatiker ihre Namen lesen und sie behelligen könnten.
Dabei vollzieht längst nicht jeder Konvertit seinen Religionswechsel als Abrechnung mit Mohammed. So erklärt eine Deutsche, dass sie hier geboren sei und ohne weiteren Initiationsritus allein kraft der islamischen Religionszugehörigkeit ihres Vaters Muslimin war. Sie habe sich dann christlich taufen lassen und verfolge privat wie beruflich das Ideal einer friedlichen Koexistenz der Religionen. Aber nach Medienberichten über islamistische Gewalt und nach Schmähbriefen, die sie von christlichen Fundamentalisten erhielt (»Islamhure!«), sieht sie ihren Namen lieber ungenannt.
Eine 51-jährige Konvertitin, die in ihrem arabischen Geburtsland als behördliche Steuerberaterin arbeitete und nun in einem fränkischen Gastronomiebetrieb wäscht und putzt, leitet einen Hauskreis mit iranischen Christen. Sie war vor zehn Jahren als muslimische Asylbewerberin gekommen und hatte nach vier Tagen im Aufnahmelager Zirndorf die lutherische Ortspfarrerin kennen gelernt. Von ihr, erzählt sie, habe sie eine Bibel auf Farsi - das ist die persische Sprache - bekommen. Die habe sie in der Einsamkeit des Lagers geradezu verschlungen und Trost gefunden.
Taufen ließ sie sich später in einer evangelischen Freikirche - und mit typischem Zungenschlag sagt sie heute: »Ich hab keine Chance auf einen anderen Job, das ist die Wahrheit, ich hab keine Chance. Hier habe ich ein, sagen wir mal, ganz armes Leben. Aber das macht nichts. Durch Jesus Christus bin ich reich geworden.«
Sie stamme nicht aus einem religiösen Elternhaus, erzählt die frühere Muslima, aber als Erwachsene habe sie nach islamischer Weise versucht, »Gott nahe zu sein«. Dabei habe sie schon die völlig unverständliche traditionelle Gebetssprache Arabisch behindert. Sie klopft auf ihre persische Bibel, die sie mit überaus vielen handschriftlichen Notizen versehen hat und sagt: »Ich mag diese Bibel, denn Farsi ist meine Sprache.«
Durchaus schöne Erinnerungen an ihre Kindheit im iranischen Islam hat eine andere Konvertitin, 29 Jahre alt. »Der Jesus nach islamischer Version« - sie lacht - »war mir schon früh vertraut und das war auch die erste Beziehung, die ich zu Jesus hatte.« Durch ihre Mutter habe sie ihn »als ganz heiligen großen Propheten« kennen gelernt, »und er war immer mein Liebling - vor Mohammed, vor Ali und vor den ganz Großen im Islam.«
Als Muslima habe sie sehr unter der Herausforderung zu guten Taten und unter einem Gefühl des Ungenügens gelitten. In Deutschland hörte sie im Schulunterricht erstmals von dem protestantischen Reformator Martin Luther - und konnte nur allzu gut die Seelenqual des Augustinermönchs nachvollziehen: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« Das »Allein durch den Glauben« entlastete sie elementar - und so wurde sie als junge Erwachsene zu einer überzeugten Lutheranerin.
Im Blick auf den Islam sagt sie: »Ich denke, es gibt eine Art Sehnsucht nach Aufklärung bei vielen Menschen in nicht aufgeklärten Ländern. Das würde ich mir wünschen für diese Menschen, die genauso leiden wie ich früher gelitten habe, dass sie eben das erfahren. Eine Reform im Islam fände ich nicht schlecht. Eine Art Protestantismus im Islam, ja, das könnte ich mir schon vorstellen.« | INTERVIEW
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 Hans-Jürgen Kutzner ist Iranbeauftragter der Hannoverschen Landeskirche.
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Politischer Hochverrat
Wer sich in einem musli- mischen Staat vom islamischen Glauben abkehrt, lebt gefährlich. Die sogenann- ten »Apostaten« gelten als vogelfrei. Nachgefragt bei Hans-Jürgen Kutzner, dem »Iranbeauftragten« der Hannoverschen Landeskirche.
Sind Konvertiten in Deutschland bedroht?
Kutzner: In den letzten beiden Jahren haben Nervosität und Misstrauen deutlich die Atmosphäre innerhalb meiner Klientel belastet.
Haben etwaige Drohungen eine Schriftgrundlage im Koran?
Kutzner: Immerhin steht in Sure 4,89 zu lesen: »Und wenn sie sich abwenden, dann greift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet!«
Es gibt ähnliche Sätze auch im Alten Testament - ohne dass sie verwirklicht würden.
Kutzner: Schwer wiegt noch eine zweite Überlegung: In einem System, das nicht wie Europa nach der Aufklärung religiöse und politische Sphäre trennt, macht sich des politischen Hochverrats schuldig, wer sich aus der islamischen Gemeinschaft verabschiedet.
Wie ist das nun im Iran?
Kutzner: Dort steht neben dem kodifizierten Recht auch die Scharia, die traditionelle islamische Rechtshandhabung, in Geltung. Es kann durchaus vorkommen, dass ein »Apostat«, also ein Abtrünniger, entweder nicht vor Gericht gestellt oder aber in einem Verfahren unbehelligt gelassen wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass er fortan seinen neuen Glauben ungehindert ausüben kann. Denn er gilt nach den Vorstellungen der Scharia als vogelfrei. Seine Familie, Nachbarn oder Bekannte können ihn gesellschaftlich isolieren, ihn mit Repressalien zur Rückkehr zum angestammten Glauben bewegen oder ihn im schlimmsten Falle töten.
(Interview: Frank Wairer)
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