Kulissen des Lebens
In Nürnberg hat das Kompetenzzentrum Demenz seinen Betrieb aufgenommen
Von
Thomas Greif
Eine erschreckende Zahl, die zum Weltalzheimertag am Donnerstag, 21. September, oft zu hören sein wird: Mitte dieses Jahrhunderts werden in Deutschland nach Expertenschätzungen zwei Millionen Menschen mit Demenzerkrankung leben, doppelt so viele wie heute. Der Umgang mit Demenzkranken gehört zu den großen Herausforderungen der Sozialpolitik. Wie er nach den Maßstäben christlicher Ethik funktionieren sollte, will die Diakonie Neuendettelsau in einem bundesweit einmaligen Vorzeigeprojekt durchexerzieren: Das Kompetenzzentrum Demenz in Nürnberg ist seit Anfang September in Betrieb.
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 Jedermann hat das Recht auf Urlaub und Erholung. Daraus folgt: Auch Alzheimerpatienten - und damit auch die sie betreuenden Angehörigen - haben dieses Recht. Im Jahr großer Alzheimer-Kampagnen ist das ein Stückchen normaler geworden. (Unser Foto zeigt einen betreuten Urlaub an der Ostsee, rechts Betreuerin Mareen Klawitte, vorne die an Alzheimer erkrankten Männer Franz-Josef Pröpper und Willy Lackmann.)
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Nennen wir sie Lina Schmidt. Sie ist 87 Jahre alt und schätzt ihr kleines, überschaubares Lebensumfeld über alles, seit Jahrzehnten. Die dunklen Möbel aus den späten Dreißigern, das kitschige Blumenbild an der Wand und die vergilbten Vorhänge. Selbst kochen, am liebsten Königsberger Klopse. Die tägliche Spazierrunde im Park samt Flurschwatz mit der Nachbarin. Einkauf beim Gemüsehändler auf dem Markt, immer donnerstags. Den Gang zum Friseur, jeden ersten Dienstag im Monat. Ins Heim würde Lina Schmidt nie ziehen. »Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr«, pflegt sie lächelnd zu sagen, wenn sie in ihrem Zimmer in der Hausgemeinschaft »patio« im Kompetenzzentrum Demenz Besuch bekommt.
Nun, natürlich ist Lina Schmidt eine Fiktion: Denn erst seit wenigen Tagen sind die ersten Zimmer in dem nagelneuen Gebäude im Tillypark bewohnt. Aber wenn hier alles so läuft, wie es sich Einrichtungsleiter Wolfgang Brockhaus (44) vorstellt, dann werden bald viele Lina Schmidts sein Haus ähnlich zufrieden als gewohntes Zuhause erleben.
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 Seit Anfang September ist das neue Kompetenzzentrum Demenz in Nürnberg bewohnt.
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In der Kulisse liegt der Trick, den das neue Kompetenzzentrum so konsequent anwendet wie kaum eine andere Einrichtung: Möbliert wird, soweit es irgend geht, mit antiquierten Sitzgarnituren von anno dazumal. Kein noch so scheußliches Nierentischchen kann hier nicht noch einen guten Dienst erfüllen. Anstatt über lange Flure mit dem Charme eines Luftschutzkellers in einen Massenspeisesaal zu gehen, finden die Bewohner hier auf kurzem, luftigem Weg von ihrem Zimmer in einen überschaubaren Gemeinschaftsraum mit Küche, den sich jeweils zwölf Menschen teilen.
Wer falsch abbiegt, muss nur ein paar Schritte mehr machen und kommt doch in der Küche an - in den kleinen Hausgemeinschaften, von denen es hier sechs gibt, sind alle Gänge kreisförmig angelegt. Viele verschiedene Farben und Bauelemente geben Orientierung. Vom Wandkalender mit historischen Filmplakaten aus UFA-Zeiten bis zum Obsthändler, der regelmäßig auf dem »Marktplatz« im Erdgeschoss aufzieht, wird längst überkommene Realität suggeriert. Es ist, will man es böse formulieren, so etwas wie ein gigantischer und clever inszenierter Bluff.
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 Der Bautrakt mit den sechs Hausgemeinschaften ist das Herzstück des neuen Zentrums im Nürnberger Tillypark.
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Allerdings nur aus Außenperspektive. »Wir lassen uns auf die Lebenswelt der dementen Menschen ein. In unsere werden sie nicht mehr zurückkehren«, sagt Brockhaus. Er hat in einem anderen Haus eine Schlüsselgeschichte erlebt: Dort trat eine demenzkranke Bewohnerin jeden Tag zur gleichen Zeit ans Fenster, schrie aus Leibeskräften und war lange Zeit nicht zu beruhigen. Bis eine Pflegerin, wahrscheinlich entnervt, den rettenden Einfall hatte, sich danebenstellte und mitschrie. Augenblicklich war die Bewohnerin zufrieden und beruhigte sich.
Die Situation hatte etwas Groteskes - aber am Ende war der für beide Seiten beste Weg gefunden. Brockhaus: »Eine Erfolgsgarantie gibt's nie, weil wir es mit Menschen zu tun haben. Aber wir machen es einfach so.« Letztlich haben Kniffe wie der Schrei im Duett vor allem etwas mit dem Respekt vor den individuellen Bedürfnissen zu tun, mögen sie auch etwas verschroben wirken. »Grundlage ist, den Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele zu sehen. Diese ganzheitliche Sichtweise geht auf das christliche Menschenbild zurück«, betont denn auch Hermann Schoenauer, Rektor der Diakonie Neuendettelsau.
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 Wandschmuck mit Hintergedanken: Der Kalender mit historischen Filmplakaten passt Einrichtungsleiter Wolfgang Brockhaus zielgenau ins Konzept seines Hauses.
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Nun sind die Hausgemeinschaften zwar das Herzstück, aber doch eben nur ein Teil der ganzen Einrichtung. Die umfasst eine ganze Palette von Angeboten für Demenzkranke und ihre Angehörige an einem Platz: von der Apotheke bis zum Hauskino, vom Gedächtnistraining bis zum Gottesdienst, von der Angehörigenberatung bis zu Vorträgen und kulturellen Veranstaltungen. Ergänzend zu den 72 Plätzen in den Hausgemeinschaften kann das Kompetenzzentrum in einer Tages- und Nachtpflegestation sowie einer Kurzzeitpflegestation 25 weitere demenzkranke Menschen betreuen. Ein dreiköpfiges Wissenschaftlerteam vom Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen begleitet und berät die Arbeit.
Kosten lässt sich die Diakonie Neuendettelsau das ganze Projekt satte 15 Millionen Euro. Staatliche Hilfe gab es keine, wohl aber Spenden in einer Gesamthöhe von rund einer Million, eingespielt nicht zuletzt durch eine groß angelegte PR-Kampagne, in der unter anderen Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly und Landesbischof Johannes Friedrich die Trommel rührten.
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 Einzug im neuen Kompetenzzentrum Demenz in Nürnberg.
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Ist das Kompetenzzentrum ein Wegweiser in die Zukunft? Hausleiter Brockhaus ist davon überzeugt: »Ein Erfolg des Kompetenzzentrums wird den Druck auf die Politik erhöhen, sich des Themas verstärkt anzunehmen.« Bislang steht es auf der politischen Agenda nicht an prominenter Stelle: Die 100 neuen Plätze stehen in einem seltsamen Unverhältnis zu den geschätzten rund 6500 demenzkranken Menschen, die es allein in Nürnberg gibt, vom rasanten Anstieg der Krankheitsziffern, der vor allem mit der steigenden Lebenserwartung der Menschen zu tun hat, ganz zu schweigen.
Einen ersten Erfolg kann das Nürnberger Modell indes verbuchen, noch ehe es so richtig in Betrieb ist: In München wird unter Neuendettelsauer Beteiligung und städtischer Federführung wohl eine ähnliche Einrichtung entstehen. Wolfgang Brockhaus hat keine Zweifel: »Die können sich viel bei uns abgucken.« | ALZHEIMER - EIN TABU BRICHT
ZUM THEMA
Interview: Heiner Aldebert, der die »Koordinationsstelle für Medizinethik der Evangelisch lutherischen Kirche in Bayern« inne hat, war für den kirchlichen Anteil der Alzheimer- Informationskampagne »Verstehen Sie Alzheimer?« verantwortlich. » lesen!
INFOS UND TERMINE
Kompetenzzentrum Demenz
Das Kompetenzzentrum Demenz im Nürnberger Tillypark wird am Freitag, 29. September, offiziell eingeweiht. Informationen unter Tel. (0911) 600098-0 oder im Internet unter www.Kompetenzzentrum- Demenz.de.
Zum Weltalzheimertag am 21. September findet hier von 9 bis 16.30 Uhr ein Informationstag der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft statt.
Gottesdienst zur Kampagne
In München findet die Alzheimer-Kampagne ihren gottesdienstlichen Abschluss am 24. September um 11.15 Uhr in St. Markus. Predigerin ist Dekanin Barbara Kittelberger.
Akademietagung in Tutzing
»Leben mit Demenz« ist der Titel einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing am 4. und 5. Oktober 2006. Info und Anmeldung im Internet unter der Adresse www.ev-akademie-tutzing.de
Kampagne in Nürnberg
Die Kampagne endet nicht mit dem WeltAlzheimer-Tag. Die Fortführung für den nordbayerischen Raum markiert eine Tagung der Evangelischen Stadtakademie Nürnberg im Haus eckstein am 8. Dezember. Ein Workshop Demenz um 14 Uhr; Vortrag und Podiumsdiskussion um 19 Uhr.
Handreichung der Synode
Die Synode verabschiedete eine landeskirchliche Handreichung »Nähme ich Flügel der Morgenröte...«. Schnell vergriffen, liegt sie jetzt bereits in 2. Auflage vor. Ihr Ansatz ist ein seelsorgerlicher; und sie hat neben den Patienten auch deren Angehörige im Blickfeld. Bestellen im Landeskirchenamt München unter (089) 5595-481.
Sonntagsblatt-THEMA: Alzheimer
Ein Sonntagsblatt-THEMA-Heft beschäftigt sich auf 52 Farbseiten mit dem Thema Alzheimer. Hintergründe zu der Krankheit, Hilfen für Angehörige, persönliches Gedächtnistraining u.v.m.! Nähere Informationen zu Sonntagsblatt-THEMA und Bestellung hier.
Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
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