Moralischer Purismus
Medienrummel um Meiser und Grass
Es scheinen zwei unterschiedliche Fälle zu sein, die auf verschiedene Weise die Gemüter der Medienmacher erregen. Aber nur auf den ersten Blick.
Der eine betrifft den Nobelpreisträger und Schriftsteller Günther Grass, der sich selbst als ein Wappenzeichen einer deutschen Leitkultur der Intellektuellen versteht. Antibürgerlich, ein Klassenkämpfer noch, als die Soziologie die Klassen längst in die Vergangenheit verabschiedet hatte. Sein spätes Geständnis, zu den Tätern des Naziregimes zu gehören, bewegt die Gemüter. Muss man den Schriftsteller jetzt ganz anderes lesen? Baut sein Werk auf einer Lüge auf? Aus seinen Büchern wird zitiert, aus seinen Reden. Das moralische Recht, als deutsches Gewissen aufzutreten, wird ihm abgesprochen.
Ähnlich polarisiert scheint der Umgang mit der Gestalt des früheren bayerischen Landesbischofs Hans Meiser. Auch hier wird heftig über die Medien um die Generalperspektive auf ein Lebenswerk gerungen: Hat er die Naziideologie aktiv unterstützt und damit die Gemeinde Jesu Christi in die Irre geführt? Wie ist dieser Ausschnitt seines Lebens ins Verhältnis zu setzen zu seiner Entwicklung, seinem Lebenswerk als Bischof der bayerischen Landeskirche über viele Jahre?
Aus der Perspektive einer protestantischen Theologie ist die Antwort entlastend. Wir evangelischen Christen unterscheiden zwischen Person und Werk. Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch unendlich viel mehr wert ist als die Summe seiner Taten und die Summe seiner Untaten. Das verhindert Generalurteile über Menschen und befreit zu einer nüchternen Sicht ihrer Taten und Wirkungen.
Für den Schriftsteller Günther Grass heißt das, sein literarisches Werk verliert nicht an Größe oder Gültigkeit durch irgendein Geständnis - wie früh oder spät auch immer es abgelegt wurde.
Für den Bischof Meiser heißt das: Evangelische Christen müssten in der Lage sein, nüchtern zu betrachten, was einer der ihren durch seine Aussagen mit angerichtet hat. Dazu muss die Kirche Rechenschaft ablegen und Diskussionen ermöglichen, und das ist ja bereits geschehen. Ein Gottesdienst anlässlich eines Todestags - wie geplant und wieder abgesagt - ist aus reformatorischer Sicht sowieso fragwürdig. Wir feiern Gottesdienst zur Ehre Gottes und nicht zum Todestag irgendwelcher Würdenträger.
Aber die Meiserstraße in Nürnberg umbenennen, weil der Träger des Namens sich antisemitisch geäußert hat, würde einen moralischen Purismus befördern, dem noch eine Reihe anderer Straßennamen anheimfallen könnte. Man bräuchte eine Menge neuer Namen unbescholtener Persönlichkeiten - und auch da wäre man nie ganz sicher, ob die Träger ihre weiße Weste mehrere Generationen hindurch tragen könnten.
Luther hat sowieso gemeint, die Sache mit der weißen Weste sei ein Generalirrtum. | MEDIEN-KOLUMNE
Johanna Haberer, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblatts, ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen und Sprecherin des » Wort zum Sonntag«. In ihrer monatlichen Kolumne beobachtet sie die Medienlandschaft.
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