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Dieser Artikel: Ausgabe 36/2006 vom 03.09.2006
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Er widerstand Meiser und Hitler

Karl Steinbauer, Glaubenszeuge in der NS-Zeit, wurde vor 100 Jahren geboren

Von Helmut Winter

Er ließ sich nicht den Mund verbieten. Unerschrocken kämpfte er in Christi Namen gegen einen sich ausbreitenden nationalsozialistischen Atheismus und zugleich gegen eine zu lasche, diplomatisch operierende Kirchenleitung. Geduldig hat er alle Konsequenzen ertragen. Pfarrer Karl Steinbauer, an den hier erinnert wird, wurde vor 100 Jahren am 2. September in Windsbach geboren. Unser Autor Helmut Winter kannte Steinbauer persönlich.

Dem Evangelium verpflichtet - Karl Steinbauer (1906-1988) war in den Zeiten des Nationalsozialismus und auch danach ein widerständiger und kritischer Geist.
Foto: Winter
   Dem Evangelium verpflichtet - Karl Steinbauer (1906-1988) war in den Zeiten des Nationalsozialismus und auch danach ein widerständiger und kritischer Geist.

Als ich im Jahr 1977 Pfarrer Karl Steinbauer für ein Sonntagsblatt-Interview in seinem Haus in Buckenhof bei Erlangen besuchte, zeigte er mir die Bibel, die er im Konzent­rationslager Sachsenhausen dabeihatte. Die zahllosen Anmerkungen und Unterstreichungen ließen erkennen, wie intensiv sich der Inhaftierte mit diesem Buch beschäftigte.

Dann deutete er auf ein von ihm gezeichnetes Bild seines Großvaters, das an der Wand unter dem Kruzifix hing und sagte: »Das habe ich von ihm, der war ein ständiger Bibelleser.« Um Licht zu sparen, saß der Windsbacher Bauer abends oft am Fenster und vertiefte sich im trüben Licht der Straßenlaterne in sein Bibelbuch. »Manchmal rede ich noch heute mit meinem Großvater«, erzählte der Ruheständler.

Er selbst bekam als Gymnasiast eine Jubiläumsbibel geschenkt und hat sie intensiv studiert, »manchmal bis nachts um drei«, sagte Steinbauer. Und daraus habe er seinen Glauben entnommen, »ganz ohne Theologie.« So wurde er der unbeugsame Prediger, der Mann mit der Bibel, der konsequent seinen biblischen Glauben lebte und als Pfarrer niemals ein Blatt vor den Mund nahm. Aber dies konnte im Dritten Reich lebensgefährlich werden.

Jung, Vikar: Das war der Mann, der schon 1933 seinem Bischof widersprach, weil er die »Gleichschaltung« der evangelischen Kirche im Sinne des Nationalsozialismus befürchtete. Und das war die Haltung, die ihn später ins Gefängnis und ins KZ brachte. Unser Bild: Verlobungsbild 1933, Karl Steinbauer, damals Vikar in Penzberg, und Eugenie Beckh.
Foto: privat
   Jung, Vikar: Das war der Mann, der schon 1933 seinem Bischof widersprach, weil er die »Gleichschaltung« der evangelischen Kirche im Sinne des Nationalsozialismus befürchtete. Und das war die Haltung, die ihn später ins Gefängnis und ins KZ brachte. Unser Bild: Verlobungsbild 1933, Karl Steinbauer, damals Vikar in Penzberg, und Eugenie Beckh.

Der deutschnational gesinnte junge Steinbauer wurde Parteimitglied, trat aber bald wieder aus, als er die NS-Ideologie durchschaute. Nach Hitlers Machtübernahme im Sommer 1933 wurden von der Reichsregierung plötzlich Kirchenwahlen angesetzt. Mit einem Trick gelang es dem jungen Vikar in Penzberg, das Eindringen von »alten Kämpfern« in seinen Kirchenvorstand zu verhindern: Er verwendete einfach die alten Akten der letzten Wahl und wiederholte mit den damaligen Kandidaten die Wahl. Von da an beobachtete er skeptisch, wie immer stärker eine »Gleichschaltung« der evangelischen Kirche im Sinne des Nationalsozialismus versucht wurde.

Besonders aufgeregt hat ihn, dass die drei lutherischen Bischöfe Meiser, Wurm und Maharens im Januar 1934 in einer dramatischen Audienz bei Hitler unter der Drohung, die Zuschüsse an die Kirche würden gestrichen, ihren Protest gegen den deutschchristlichen NS-Reichsbischof Müller aufgaben. Als Bischof Meiser bei einer Pfarrerversammlung am 1. Februar 1934 in Nürnberg sein Verhalten erläuterte und der Pfarrerverein eine »Vertrauenskundgebung« beabsichtigte, meldete sich Steinbauer energisch zu Wort: Meiser habe die Kirche verraten, Christus verleugnet und »den Männern des Staates nicht das Christuszeugnis gegönnt«. Bei solchen Verfehlungen müsse auch der Bischof Buße tun. Das waren harte Anklagen, die Steinbauer auch nicht zurücknahm, als er kurz danach die Anlegenheit mit dem Bischof nochmals persönlich in München erörterte.

»Der Bischof von Penzberg bin ich«

Dann begannen die Konflikte mit dem NS-Staat. Als am 8. November 1935 in München die Opfer des Hitlerputsches vom 9. November 1923 exhumiert und in die neuen Ehrentempel am Königsplatz überführt wurden, verweigerte Karl Steinbauer für diese »Auferstehungsfeier« die Beflaggung seiner Kirche. Wegen dieses Verstoßes gegen das »Reichsflaggengesetz« wurde er in Weilheim zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt.

Im März 1936 wurde nach dem über 99-prozentigen Wahlsieg Hitlers von 12 bis 12.30 Uhr ein Glockengeläute für alle Kirchen angeordnet. Als seine Mesnerin im Filialort Seeshaupt, wie im Radio befohlen, zu läuten begann, untersagte der Pfarrer ihr sofort weiteres Läuten. Begründung: »Diese Wahl ist ein aufgelegter Schwindel, und Schwindeln muss man ohne Gott.« Vor der Polizei sagte er dann, Kirchenglocken seien nur dazu da, zu Gottesdienst und Gebet zu rufen. Daraufhin kam er sechs Tage in Weilheim in Schutzhaft.

Am 1. Mai 1936 verweigerte der streitbare Gottesmann wieder die Beflaggung seiner Kirche mit der Hakenkreuzfahne, weil der Naziführer Dr. Ley in seinem Aufruf die »biblische Botschaft von der Buße lächerlich gemacht« habe. Wie immer begründete er dies ausführlich mit Briefen an die NS-Dienststellen.

Mit solchen eigenwilligen Aktionen war die Kirchenleitung keineswegs einverstanden. Man wollte keine Konflikte mit dem Staat. Landesbischof Meiser empfahl dem jungen Pfarrer, ruhig zu sein, nicht aufzufallen und die Verantwortung dem Bischof zu überlassen. Aber Steinbauer war anderer Meinung: »Wir sind nicht katholisch, bei uns ist jeder Pfarrer in seiner Gemeinde verantwortlich, und Bischof von Penzberg bin ich.«

Nach der KZ-Haft Frontsoldat: Karl Steinbauer 1943 in der Ukraine.
Foto: privat
   Nach der KZ-Haft Frontsoldat: Karl Steinbauer 1943 in der Ukraine.

Im Februar 1937 entdeckte er am Marktplatz von Penzberg im Schaukasten der Hitlerjugend ein Plakat mit der Überschrift »Bibellesen? Nein!« Im Text hieß es, mit Bibellesen könne kein Volk gerettet werden, aber mit den eigenen Fäusten, mit Gewehr und Bajonett könnten Erfolge errungen werden. Pfarrer Steinbauer nahm kurzerhand das »lästerliche Plakat« ab und erläuterte in einem Brief an den Reichsjugendführer sein Handeln. Weitere ähnliche Plakate entfernte er erneut. Im April wurde gegen ihn ein Predigt- und Aufenthaltsverbot verfügt wegen »ständiger staatsabträglicher Hetze«. Im Juni 1937 kam Steinbauer fünf Monate ins Weilheimer Gefängnis.

Nach der Haft wurde ihm die Dienstausübung untersagt, aber er predigte da und dort bei Freunden. Doch da wurde er denunziert und vier Wochen in Bamberg eingesperrt. Nach der Entlassung wurde er als Pfarrverweser in Senden-Ay eingesetzt. Aber Ruhe gab er auch dort nicht. Er verweigerte den vom Schulamt geforderten Arier-Nachweis, er beschwerte sich bei der Münchner Kirchenleitung, weil sie jetzt einen Treueid der Pfarrer auf den Führer verlangte.

Als Steinbauer dann in einer Predigt über den Kindermord zu Bethlehem ausführte, heute geschehe ein Mord an den Seelen der Jugend, wenn etwa die Untergauführerin der HJ von der heute nötigen »Ausrottung des Christentums« spreche, war für die Gestapo das Maß voll: Im Januar 1939 überfielen SA-Leute nachts das Sendener Pfarrhaus, schlugen Fenster und Türen ein. Die hinzukommende Polizei nahm den Pfarrer mit ins Neu-Ulmer Gefängnis. Steinbauer »gefährdet durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates, indem er sich in zersetzender Weise über Partei und Staat äußert«, hieß es in der Verfügung der Gestapo, die den Pfarrer im März 1939 ins Konzentrationslager Sachsenhausen einlieferte.

Kein »erzieherischer« Erfolg

Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler wollte den widerspenstigen Pfarrer im KZ »erziehen«, wie er in einem Brief an den Landeskirchenrat nach dessen Einweisung nach Sachsenhausen schrieb: »Bereits 1937 ist Steinbauer aus der Schutzhaft entlassen und gleichzeitig von seiner kirchlichen Dienststelle versetzt worden, ohne dass diese Maßnahmen auch nur im Geringsten auf ihn eingewirkt hätten. Sie müssen deshalb mit einer längeren Inschutzhaftnahme des Pfarrers Steinbauer rechnen, da ich mir sonst keinen erzieherischen Erfolg verspreche...«

Jetzt erst wurde Pfarrer Steinbauer in vollem Ausmaß deutlich, welches Unrecht im Dritten Reich tatsächlich geschah. Er hat miterlebt, wie Häftlinge über einen Bock gelegt, geschlagen, an den rückwärts zusammengebundenen Armen aufgehängt wurden. Juden und Zigeuner wurden besonders übel behandelt. »Wir werden euch ausrotten, ihr Gesindel«, hieß es.

In dieser Zeit im KZ waren ihm Bibel, Losungsbüchlein und Gesangbuch, die er mitnehmen durfte, ein großer Trost. Ihm wurde auch die gesamte Calvin-Ausgabe geschickt. »Im KZ habe ich ein ganzes theologisches Semester nachgeliefert bekommen«, erzählte er. Er konnte sich einen winzigen Bleistift beschaffen, mit dem er unzählige Anmerkungen an den Rand seiner Bibel geschrieben hat. Er begegnete auch dem gleichfalls inhaftierten Pfarrer Martin Niemöller. Mit List gelang es ihm, immer wieder kurz mit ihm zu reden, obwohl persönlicher Kontakt streng verboten war.

Der Frontsoldat vor Gericht

Da inzwischen der Krieg ausgebrochen war, versuchte Steinbauer im Oktober 1939, zur Wehrmacht versetzt zu werden. Landesbischof Meiser befürwortete seine Entlassung und Übernahme in die Wehrmacht in einem Brief an die Gestapo wärmstens: »Ich kenne Steinbauer als aufrechten Deutschen, ...dessen Vaterlandsliebe, Lauterkeit und Tapferkeit groß sind.« So wurde der Pfarrer plötzlich im Dezember 1939 aus dem KZ entlassen. Er meldete sich zu einer Pioniereinheit und kam später zum Einsatz an die russische Front. »Ich wollte in der Zeit der Kriegsnot als Soldat Schulter an Schulter mit meinen Brüdern und Schwägern und allen Deutschen stehen«, begründete er seine freiwillige Meldung zur Wehrmacht. Dass man dem ehemaligen KZ-Insassen das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse verliehen hat, zeigt seinen offensichtlich untadeligen militärischen Einsatz.

Aber dann passierte wieder ein Zusammenstoß mit dem NS-Regime: Nach einer Verwundung und Lazarettaufenthalt auf Genesungsurlaub, hielt der Gefreite Steinbauer am 18. Dezember 1943 in Illenschwang eine Weihnachtspredigt. Neun Monate danach wurde er wegen einzelnen Passagen dieser Predigt angezeigt und musste sich vor dem Kriegsgericht in Berlin verantworten. Der Predigttext war Jesaja 9,5: »Denn uns ist ein Kind geboren, und die Herrschaft liegt auf seiner Schulter.« Steinbauer hatte von weltlichen Herrschern gesprochen, Churchill, Roosevelt, Stalin, Hitler, deren Reiche vergänglich seien, aber Christi Reich habe ewigen Bestand. Durch solche Worte, hieß es in der Anklage, würden beim Zuhörer Zweifel geweckt, ob das gläubige Vertrauen zu Adolf Hitler berechtigt sei und ob der Kampf der drei Völker, zumindest der Christen unter ihnen, einen Sinn hat. Hierdurch werde »die Widerstandskraft des Einzelnen im jetzigen schwersten Kampf des deutschen Volkes geschwächt«.

Vor Gericht hielt Steinbauer noch einmal seine ganze Weihnachtspredigt. Der fairen Verhandlungsführung und dem Einsatz des Verteidigers, des Münchner Vizepräsidenten des Landeskirchenrats Hans Meinzolt, war es zu verdanken, dass der Angeklagte gegen alle Erwartung freigesprochen wurde.

Zellen-Nachbarn im KZ Sachsenhausen: Martin Niemöller (links) und Karl Steinbauer. 1980, bei der 35. Wiederkehr der Befreiung des KZ Dachau, begegneten sie sich noch einmal.
Foto: pr
   Zellen-Nachbarn im KZ Sachsenhausen: Martin Niemöller (links) und Karl Steinbauer. 1980, bei der 35. Wiederkehr der Befreiung des KZ Dachau, begegneten sie sich noch einmal.

Nach dem Krieg war der Wiederbeginn Steinbauers im Amt von Schwierigkeiten begleitet. Er meldete sich auf die Pfarrstelle Lehengütingen im Dekanat Dinkelsbühl, die ihm auch zugesprochen wurde. Aber Oberkirchenrat Georg Kern schrieb ihm, dass er damit »in den Genuss einer Ausnahme« käme und die Kirchenleitung den Wunsch habe, er möge »die Versuchung, weitreichende Kirchenpolitik zu betreiben infolge Ihres vorigen Erlebens, erkennen«. Sofort setzte sich der noch immer aufmüpfige Pfarrer hin und verwahrte sich in einem Brief an den Landesbischof gegen solche Maßregelungen. Schon bei der Entlassung aus dem KZ habe er ein Revers unterschreiben sollen, sich nicht mehr kirchenpolitisch zu betätigen. Auch jetzt gelte, was er seinerzeit gesagt habe, dass er nämlich nach seinem Gewissen handeln werde.

»Ich rede, wenn ich reden muss«, blieb auch in den neuen Verhältnissen in Landeskirche und Bundesrepublik seine Devise. Im Sonntagsblatt-Interview von 1977 sagte er, jetzt sollte »aufgearbeitet werden, was uns aufgetragen ist«. Man sollte auch nicht von Tapferkeit im Kirchenkampf reden, sondern Buße tun für die Verfehlungen. Und Luthers Zwei-Reiche-Lehre dürfe man nicht so interpretieren, dass die Kirche sich nicht mit Politik befasse sollte. Drastisch in seiner fränkischen Art formulierte er: »Wenn jemand behauptet, das Christsein hätte nichts mit der Politik zu tun, dann ist das ein Schmarrn...«

Der eigenwillige Einzelgänger musste allerdings erleben, dass man auch in der veränderten Lage nicht auf ihn hören wollte, dass er nicht auf die Kandidatenliste für die Landessynode gesetzt wurde, dass ihm kein Leitungsamt, etwa in der Volkshochschule auf dem Hesselberg, übertragen wurde. Nur in der Bayerischen Pfarrbruderschaft fand er weiterhin Rückhalt und Verständnis. Aber das Verhältnis zu Bischof Meiser und damit zur Kirchenleitung in München war unheilbar zerrüttet. Erst als Hermann Dietzfelbinger Landesbischof wurde, verlieh man ihm 1964 den Ehrentitel Kirchenrat. Doch schon nach kurzer Zeit genügte ein momentaner Ärger, dass Steinbauer diesen Titel per Brief an den Landeskirchenrat wieder zurückgab.

Nach Pfarrersdiensten in Wolfratshausen, Pettendorf und Amberg trat er 1971 in den Ruhestand. Im Alter von 82 Jahren ist er gestorben und wurde in Uttenreuth beerdigt.

INTERVIEW

Steinbauer dürfen wir nicht vergessen

Helmut Baier, Historiker und Theologe, war von 1975 bis 2004 Direktor des Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg.

Helmut Baier
Foto: Fechter
   Helmut Baier

  Herr Baier, was ist die kirchenhistorische Leistung von Karl Steinbauer?

Baier: Er war in der Zeit des »Dritten Reichs« einer der wenigen Zeugen, der aus seinem Glauben heraus und aus der strikten Beachtung des Evangeliums gegen die Zerstörung der Kirche durch die Machthaber aufgetreten ist. Und er hatte den Mut, diesen Weg bis ins Gefängnis zu gehen. Sein Standpunkt war strikt aus der Bibel heraus begründet, rein theologisch, ja christozent­risch. Glauben, Denken, Leben, Handeln gehörten bei ihm zusammen. Unbewusst hat er so den Versuch unternommen, eine politische Ethik zu formen.

  Das klingt ja fast nach Bonhoeffer?

Baier: Die Weite, den Horizont von Bonhoeffer, einem Weltbürger, hatte Steinbauer nicht. Er war immer ein Mann der Provinz. Aber dort, wo er wirkte, hat er aus der Auslegung des Evangeliums heraus einen unverrückbaren Standort eingenommen und auch durchgehalten.

  Er war also zuerst ein theologisch argumentierender Mensch, nicht so sehr ein politischer?

Baier: Eigentlich war er selber ein unpolitischer Mensch. Aber seine Wirkung war höchst politisch. Er war gegen die Meisersche Kirchendiplomatie. Er hat öffentlich, das heißt in einer Versammlung des Pfarrervereins, als Einziger schärfste Anklage gegen den Bischof eingebracht, in der Kritik berechtigt, in einem Ton freilich, den viele für despektierlich hielten. Er hatte ein grobes Mundwerk.

  Setzen wir doch einmal Steinbauer und Meiser in einer kritischen Würdigung nebeneinander!

Baier: Steinbauer und Meiser waren Antipoden, in den 30er-Jahren und auch noch in der Nachkriegszeit. Natürlich ist da die unterschiedliche Lebenssituation zu sehen, als sie 1934 miteinander zu tun hatten: Der eine war junger Vikar, der andere Bischof und älter. Beide aber kamen aus einem ähnlichen Milieu: Deutschnational war ihre Einstellung. Steinbauer und auch Meiser waren zu Beginn prinzipiell nicht gegen Nationalsozialismus. Aber Steinbauer hat nach der ersten Euphorie schnell erkannt, »wohin der Hase läuft«, wie er sich ausdrückte, und daraus Konsequenzen gezogen. Aus seiner strikten Bibelorientierung heraus hat er bereits 1934 Meiser vorgeworfen, er habe das Bekenntnis verleugnet, die Kirche verraten und eine Erpressung Hitlers hingenommen.

  Wäre es gerade im Jahr 2006, einem Gedenkjahr sowohl Meisers als auch Steinbauers, nicht an der Zeit, beide zusammen, sozusagen in einer Synopse, vergleichend und in ihrem Verhältnis zueinander zu würdigen?

Baier: Ja, die Kirche sollte einmal Steinbauer nicht vergesessen, im Gegenteil: Er sollte einem breiten Publikum bekannt gemacht werden. Und es wäre zweitens an der Zeit, Meiser und Steinbauer nebeneinander zu sehen. Nicht nur den Unterschied in den Personen wahrzunehmen, sondern auch ihre jeweilige Theo­logie und ihre Glaubenshaltung unter den damaligen Zeitumständen.

Fragen: Lutz Taubert

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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abgerufen 08.02.2012 - 23:27 Uhr

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