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Dieser Artikel: Ausgabe 29/2006 vom 16.07.2006
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»Kirchen zu den Menschen«

In Bayern werden noch immer evangelische Kirchen und Sakralräume gebaut - 69 Projekte


Kirchen werden geschlossen, verkauft, abgerissen, umgebaut zu Kulturzentren, zu Büros oder gar zu Restaurants. Was für manche aussieht wie der Rückzug des Christentums aus der deutschen Gesellschaft, ist indes nur die eine Seite der Medaille. Die andere: Der Kirchbau blüht, nur an anderer Stelle

In Gebsattel bei Rothenburg befindet sich derzeit Bayerns einzige evangelische Kirchbaustelle. Die Gemeinde mit Pfarrerin Andrea Rößler plant nach Fertigstellung des Rohbaues jetzt die Innenräume.
Foto: Borée
   In Gebsattel bei Rothenburg befindet sich derzeit Bayerns einzige evangelische Kirchbaustelle. Die Gemeinde mit Pfarrerin Andrea Rößler plant nach Fertigstellung des Rohbaues jetzt die Innenräume.

Da werden viele gestaunt haben, als das landeskirchliche Baureferat vor der jüngsten Landessynode eine Liste mit nicht weniger als 69 Orten in Bayern aus dem Hut zauberte, an denen in den letzten 15 Jahren evangelische Kirchen und Gottesdiensträume gebaut wurden oder in Planung sind. Wahrscheinlich sind es sogar mehr, denn das Papier trägt den Vermerk: »Die Liste ist nicht vollständig.« Die Gesamtsumme der aufgewendeten Kosten: Nicht bekannt.

Von Bad Bocklet bis Rosenheim, von Coburg bis Landshut reicht der moderne Kirchbau-Boom. Die Liste ist ein Stück weit Spiegel des Landesstellenplanes: In den evangelischen Wachstumsregionen im westlichen Unterfranken und in Altbayern wächst die Zahl der Pfarrstellen, und mit ihnen die Zahl der Kirchen.

»Wir wollen mit unseren Kirchengebäuden dort sein, wo die Menschen sind«, betonte Landesbischof Johannes Friedrich in seinem Bericht auf der Frühjahrstagung der Landessynode in Bad Alexandersbad. 52 Gebäude sind fertig, 16 in Planung. Erweiterte oder gar neue Kirchen und Sakralräume bekommen in den nächsten Jahren unter anderem Alzenau, Ampfing (bei Mühldorf), Bayreuth, Burgweinting (bei Regensburg), Coburg, Fürth, Herzogenaurach, Ismaning, Kümmersbruck, Langensendelbach bei Erlangen, Neugablonz, Niederwerrn und Wolnzach. In Leutershausen entsteht eine neue evangelische Friedhofskapelle, im schwäbischen Wertingen ein Ersatzbau für die schadstoffbelastete Betlehemkirche, die im August abgerissen wird.

Zur nächsten Kircheneinweihung muss der Bischof im kommenden Jahr freilich mitten ins protestantische Herzland Bayerns reisen, nämlich nach Gebsattel bei Rothenburg ob der Tauber. Hier steht die derzeit einzige evangelische Kirchbaustelle im Freistaat.

Besenkammer als Küche

Anders als die meisten Dörfer und Städte Mittelfrankens gehörte der Ort in der Reformationszeit nicht den brandenburgischen Markgrafen, sondern dem Benediktinerstift Komburg bei Schwäbisch Hall und blieb bis in die Gegenwart mehrheitlich katholisch. Die stetig wachsende evangelische Gemeinde behalf sich über Jahrzehnte mit einem Dauer-Provisorium: Sie feierte ihre Gottesdienste in der Kapelle des einstigen rothenburgischen Siechenkobels St. Leonhard, etwa zwei Kilometer von Gebsattel entfernt.

Zwei Anläufe zur Errichtung eines eigenen Gotteshauses in den 1960er- und 1980er-Jahren mussten scheitern, ehe 1994 ein üppiges Raumprogramm mit Kirche, Gemeindezentrum und Pfarrhaus von der Landeskirche genehmigt wurde. Es dauerte noch einmal elf Jahre, in denen man unter anderem den Bauplatz von der Peripherie ins Ortszentrum verlegte, bis im September vergangenen Jahres der Grundstein gelegt wurde. Zur Gemeinde gehören heute rund 820 Personen und 13 Gruppen, die sich einen zum Pfarrhaus gehörenden Saal teilen: »Und die Besenkammer muss als Küche herhalten«, klagt Pfarrerin Andrea Rößler.

Von den geschätzten Gesamtkosten von 915000 Euro trägt 400000 Euro die Landeskirche, den Rest bringt die Gemeinde selbst auf - durch Eigenleistungen am Bau oder, zum Beispiel, durch die Herausgabe eines inzwischen zweibändigen Kochbuches mit Gebsattler Spezialitäten. Der Rohbau ist fertig; augenblicklich läuft die Planung für die Innenräume. Eingeweiht wird die übrigens noch namenlose neue Kirche zum Gebsattler Kirchweihfest im September 2007 - eine ökumenische Geste, auf die die Pfarrerin größten Wert legt.

  Mit dieser Folge endet die Serie »Kirchen und Räume«. Teile davon sind im nächsten Sonderheft »Sonntagsblatt THEMA« nachzulesen, das den Titel »Kirchen bewahren« trägt und Anfang August erscheint.

Kirchen + Räume

 

Alle Folgen der Serie » Kirchen + Räume und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

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Harald Hein (49), Kirchenbaudirektor im landeskirchlichen Bauamt München.
Foto: sob
   Harald Hein (49) ist Kirchen- baudirektor im landes- kirchlichen Bauamt München.

Alle reden davon, Kirchen zu schließen. Dabei sind in der baye- rischen Landeskirche in den letzten 15 Jahren 52 Kirchen und Gemeinde- zentren mit Sakralraum neu gebaut worden.

  Warum werden immer noch so viele Kirchen gebaut?

Hein: Manchmal müssen beispielsweise schadstoffbelastete Kirchen abgerissen werden, dann braucht es einen Ersatzbau. Es gibt aber auch Gemeinden im Randbereich der Großstädte, die sich durch Zuzug gut entwickeln und eine eigene Kirche benötigen. Manchmal ist es auch in Diasporagemeinden, die nur einen angemieteten Raum haben, sinnvoll, ein kleines Gemeindehaus mit Gottesdienstraum zu bauen - das stärkt die Identifikation mit der Gemeinde.

  Worauf muss man beim Kirchenbau achten?

Hein: Die Frage ist, ob es langfristig einen Bedarf gibt. Wie sieht die Gemeindestruktur aus, wie entwickelt sich die Bevölkerung? Wie ist die finanzielle Situation der Gemeinde jetzt und in Zukunft, wenn der innerkirchliche Finanzausgleich umgesetzt wird? Früher haben Gemeindeteile sehr für sich gedacht. Heute achten wir schon darauf, dass nicht zwei Kirchen oder Gemeindezentren in nächster Nachbarschaft entstehen.

  Zweckbau oder Kunstwerk: Gibt es bei Kirchenneubauten einen architektonischen Trend?

Hein: In den 60er- bis 80er-Jahren gab es ganz klar den Trend zum Multifunktionsbau, zum Kirchenraum, der alles kann. Heute wird sehr viel mehr Augenmerk auf die inneren Qualitäten des Kirchenraums gelegt. In Kirche und Gottesdienst versammelt sich die Gemeinde demokratisch um einen Mittelpunkt, um ein liturgisches Zentrum. Darin unterscheiden sich evangelische Kirchen von katholischen. Der Trend bei evangelischen Kirchenneubauten geht zum Zentralbau - egal, ob der jetzt rund oder quadratisch ist.

 


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abgerufen 08.02.2012 - 10:52 Uhr

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