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Dieser Artikel: Ausgabe 27/2006 vom 02.07.2006
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Sisyphus mit Klingelbeutel

Kathedralen zu sanieren, kostet Millionen - Wie Gemeinden die Aufgabe schultern / Jüngster Fall Bayreuth


Kirchen zu erhalten, ist eine teure Angelegenheit. In den Ballungsgebieten der großen bayerischen Städte wird das Problem besonders sichtbar: 23 Millionen Euro beträgt der Sanierungsbedarf allein im Dekanat München. Vor allem Kathedralen wie St. Lukas oder St.Jakob in Rothenburg reißen große Löcher in die Bauetats. Wer so eine Kirche sanieren will, braucht einen langen Atem.

Die eingerüstete Jakobskirche in Rothenburg.
Foto: St. Jakob
   Die eingerüstete Jakobskirche in Rothenburg.

In einer Nacht im Oktober 1998 ist es passiert. Ein tonnenschwerer Sandsteinbrocken löste sich aus der Rosette an der Süd-West-Seite der Münchner Lukaskirche und stürzte genau auf den darunter liegenden Spielplatz, der tagsüber von Kindern bevölkert ist. »Damals waren alle wie paralysiert«, sagt Pfarrer Helmut Gottschling. Der Grund für die Beinahe-Katastrophe: Durch Kriegsschäden und Verwitterung waren Risse im Mauerwerk entstanden, die Steine lockerten sich. Die Experten des Kirchenbauamts errechneten eine Summe von damals 8 Millionen Mark, um die Kirche zu retten.

8 Millionen Mark. Woher bekommt man 8 Millionen Mark?

Nicht allein von Landeskirche und Dekanat, so viel war schnell klar: Schließlich umfasst der Bauetat des Münchner Kirchenbauamts selbst nur einen Bruchteil der Summe, die für die Sanierung der größten evangelischen Kirche in der Landeshauptstadt nötig ist. Im Jahr 2001 wurden die Renovierungspläne konkret: Das Bauamt machte 2 Millionen Mark für den ersten von insgesamt vier Bauabschnitten locker. Und die Gemeinde gründete einen Verein: »Rettet St. Lukas« trat an mit dem Ziel, die fehlenden 6 Millionen zu beschaffen - »mit allen legalen Mitteln«, wie Lukaspfarrer und Vereinsmitgründer Christoph Flad es formulierte. Ein Mammutprojekt, für das die Verantwortlichen zunächst so manches ungläubige Kopfschütteln ernteten.

Bröselnder Sandstein als kostspieliges Problem.
Foto: Petersen
   Bröselnder Sandstein als kostspieliges Problem.

»Es war ein steter Tropfen nötig, um das Bewusstsein für den Erhalt von St. Lukas in Kirche und Gesellschaft zu wecken und wach zu halten«, beschreibt Pfarrer Gottschling die Sisyphusarbeit der ersten Jahre. Doch jetzt, fünf Jahre später, hat sich aus dem Häuflein unerschrockener Spendensammler ein veritables Fundraising-Netzwerk entwickelt. Die 92 Vereinsmitglieder machen Werbung im Freundes- und Bekanntenkreis, der Zuspruch von Spendern nimmt stetig zu. Jüngstes Kind des Vereins ist eine Stiftung, die Privatleuten eine steuergünstige Spendenmöglichkeit gibt.

Daneben macht sich seit Anfang 2005 ein hochkarätig besetztes Kuratorium in den Chefetagen Münchner Konzerne für Spenden stark. Zu den Botschaftern gehören neben Landesbischof Johannes Friedrich, der Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler und Stadtdekanin Barbara Kittelberger so prominente Gesichter wie Alt-OB Hans-Jochen Vogel und Herzog Franz von Bayern, Oberhaupt der Wittelsbacher.

Die eingerüstete Jakobskirche in Rothenburg.
Foto: St. Jakob
   St. Jakob in Rothenburg: Die Streben des gotischen Kunstwerks müssen saniert werden.

Dessen Urahn Prinzregent Luitpold hatte Ende des 19. Jahrhunderts den Bau einer dritten protestantischen Kirche in München unterstützt. Adel verpflichtet - doch leicht hat es Herzog Franz beim Spendensammeln auch nicht immer: »Manche halten sich schon die Taschen zu, wenn ich komme«, sagt er. Zu den hartnäckigsten Kuratoren gehört Hans-Jochen Vogel, der den Münchner Stadtwerken eine Spendenzusage über 100000 Euro abringen konnte.

Das Vereinsvermögen beläuft sich mittlerweile auf stolze 280000 Euro. Vor wenigen Wochen haben auf der Nordost-Seite der Kirche die Arbeiten an der zweiten Rosette begonnen. 1,176 Millionen Euro wird das kosten - eine Zusage über 576000 Euro aus dem Entschädigungsfonds des Freistaats Bayern und 400000 Euro von der Landeskirche ermöglichen diesen Bauabschnitt. Für die Bauabschnitte drei und vier sind dann noch einmal 1,6 Millionen Euro nötig. Bis zum ökumenischen Kirchentag 2010 soll, hofft Gottschling, die Sanierung der Lukaskirche abgeschlossen sein.

Aufstehen und Geld sammeln

Andere Kirche, ähnliches Bild: Vor sechs Jahren fing die evangelische St. Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber an zu bröckeln. Die für die Statik bedeutsame Bauzier der 700 Jahre alten Kathedrale, deren Prunkstück ein Riemenschneider-Altar ist, löste sich, der Turm zeigte Risse und driftete auseinander. Die Gemeinde ließ Gutachten anfertigen und hatte alsbald die voraussichtliche Rechnung auf dem Tisch: 5,4 Millionen Euro würde die Gesamtinstandsetzung kosten.

Pfarrer und Bauherr: Helmut Gottschling begutachtet die Schäden an der Nord-Ost-Seite der Lukaskirche in München. Die Sanierungsarbeiten kosten allein in diesem Bauabschnitt 1,176 Millionen Euro.
Foto: Petersen
   Pfarrer und Bauherr: Helmut Gottschling begutachtet die Schäden an der Nord-Ost-Seite der Lukaskirche in München. Die Sanierungsarbeiten kosten allein in diesem Bauabschnitt 1,176 Millionen Euro.

Pfarrer Herbert Dersch fackelte nicht lang und meldete sich für die Fundraising-Ausbildung der Landeskirche an. Bei einem Strategietag im Jahr 2004 entwickelten die Verantwortlichen das Motto »Jakob steht auf«. Testfall für die freiwilligen Spendensammler war der Weihnachtsmarkt 2005. »Wir wollten mit einer Bude präsent sein, befürchteten aber, dass wir sie nur am Wochenende besetzen könnten«, erinnert sich Dersch.

Die Befürchtungen waren umsonst: 115 Menschen ermöglichten den Dauerbetrieb des Standes, verkauften Jakob-Steine, Jakob-Schirme, ein eigens von einem Bäcker kreiertes Jakob-Brot sowie einen eigens gebrauten Jakob-Trunk und sorgten dafür, »dass es jetzt niemanden mehr in Rothenburg gibt, der noch nichts von 'Jakob steht auf' gehört hat«, so Dersch. Auch dem früheren Bundespräsidenten Roman Herzog ist die missliche Lage der Rothenburger wohl zu Ohren gekommen: Er hat die Schirmherrschaft für die Aktion übernommen.

Akute Einsturzgefahr: Ende Juni ist musste die 400 Jahre alte Bayreuther Stadtkirche für die Öffentlichkeit gesperrt werden.
Foto: Lammel
   Akute Einsturzgefahr: Ende Juni ist musste die 400 Jahre alte Bayreuther Stadtkirche für die Öffentlichkeit gesperrt werden.

Mittlerweile haben die Arbeiten am Kirchturm begonnen. Der erste Bauabschnitt wird 1,8 Millionen Euro verschlingen. Das Geld fließt über mehrere Kanäle nach Rothenburg: Die Landeskirche unterstützt die Sanierung, die Etats des bayerischen Entschädigungsfonds und der Nationalen Denkmalstiftung werden angezapft, Stadt und Landkreis beteiligen sich genauso wie Lions und Rotarier.

Jüngster Fall: Bayreuth

Die Gemeinde selbst muss jedes Jahr etwa 100000 Euro sammeln, damit die Renovierung wie geplant zum 700. Geburtstag der Kirche im Jahr 2011 abgeschlossen werden kann. Dass der Gemeinde in diesen fünf Jahren die Luft ausgeht, glaubt Pfarrer Herbert Dersch nicht: »Wir haben so viele Ideen, die können wir gar nicht alle verwirklichen.«

Der nächste Verein zur Kirchenrettung wird sich übrigens vermutlich in Bayreuth gründen. Dort ist die 400 Jahre alte evangelische Stadtkirche vor einer Woche wegen schwerer Bauschäden gesperrt worden: Die Gewölbefelder im Hauptschiff drohen einzustürzen. Wie viel eine Sanierung kosten würde, ist völlig unklar. Aber wenn der erste Schock vorüber ist, beginnt sie wohl auch in der oberfränkischen Hauptstadt: die Sisyphusarbeit des Spendensammelns.

Kirchen + Räume

 

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Susanne Petersen

 


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abgerufen 08.02.2012 - 12:03 Uhr

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