Brauerei, Konzertsaal, Kathedrale
Entwidmungen und Umnutzungen von Kirchen gibt es nicht erst seit der aktuellen Spardebatte
Finanzielle Engpässe und weniger Gottesdienstbesucher zwingen auch Kirchengemeinden in Bayern dazu, ihre Kirchen aufzugeben. Die Entwidmung von Kirchen ist jedoch nicht erst ein Phänomen unserer Zeit.
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Fechter
 Kathedrale statt Betsaal: Die Epiphaniasgemeinde in Nürnberg hat ihren alten Betsaal an die rumänisch-orthodoxe Kirche verkauft, die ihn mit Ikonostase und Kuppel zu ihrem Bischofssitz umgestaltet hat.
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Verloren bist du, weil du aus dem Haus des Herrn ein Brauhaus gemacht hast.« So lautete der Protest gegen die Sinnentfremdung des ehemaligen Inseldoms auf der Herreninsel im Chiemsee. Mit schwarzer Kohle schrieb ein Unbekannter diesen Satz an die verfallenen Stuckwände des Gotteshauses.
Die frühere Domkirche wurde im Zuge der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts an weltliche Kaufleute verkauft, wie Manfred Heim, Professor für bayerische Kirchengeschichte an der katholischen Fakultät in München herausgefunden hat. Diese bauten die Kirche einfach zu einer Brauerei um, obwohl sie zu damaliger Zeit schon über 1000 Jahre alt war. Das dort gebraute Bier war bei der Bevölkerung jedoch gar nicht beliebt. Weil es sich nicht gut verkaufte, verließen die Braumeister den ehemaligen Dom und die Insel wieder. »Was blieb, war der fade Nachgeschmack am Ort des schadhaften Bieres«, sagt Heim.
Auch im 21. Jahrhundert müssen viele Kirchengemeinden um ihre Gotteshäuser bangen. Finanzielle Engpässe und sinkende Gemeindegliederzahlen - vor allem im großstädtischen Bereich - belasten die Kirche deutschlandweit. So musste die nordelbische Landeskirche in den letzten zehn Jahren - überwiegend im Ballungsraum Hamburg - bereits 20 Kirchen entwidmen. »Viele Kirchen können in ihrer Bausubstanz nicht mehr erhalten werden«, erklärt Pastor Wolf Werner Rausch vom Baudezernat der Landeskirche Nordelbiens.
Darum sollen die ehemaligen Gotteshäuser durch »bestimmungsgemäßen Umbau« und Privatinvestoren Zwecken zugeführt werden, die der kirchlichen Vergangenheit des Gebäudes nicht widersprechen. »Aus einer christlichen Kirche einen Festtempel zu machen, ist eine nicht verträgliche Lösung«, sagt Rausch. Die Kirchenräume dürften beispielsweise nicht als Markthalle »dezidiert kommerziell« genutzt oder an andere Religionen oder Sekten außerhalb der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK) verkauft werden. Dagegen sei es mit der ursprünglichen Nutzung der Kirchen vereinbar, sie zu Seniorenheimen, Kindertagesstätten, sozialen Einrichtungen oder Schulen umzubauen.
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Stadtarchiv Weißenburg
 Kulturzentrum statt Kirche: Seit 1983 kommen die Besucher der Karmeliterkirche in Weißenburg zu Konzerten statt zu Gottesdiensten in die Kirche. Die Orgel dient nur noch als Dekoration.
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In den Niederlanden fänden sich, so Rausch, auch schon »die Aldi-Kirche, die Kirche als Fahrradladen oder eine Kirche, in der der Altar als Fleischertheke« missbraucht werde. Seit den Siebzigerjahren mussten die Kirchen in Holland 40 Prozent ihrer Gotteshäuser aufgeben. Dort werden bis heute jährlich rund 60 Kirchen zu Diskotheken, Restaurants, Fitnessstudios oder Supermärkten umgebaut.
In Bayern sind auf evangelischer Seite in den letzten 15 Jahren laut Information des Landeskirchenamts nur drei Gotteshäuser entwidmet, dafür aber 53 neu gebaut worden. Die Kirchengemeinde St. Lukas in Regensburg musste im Jahr 2003 ihre Nebenkirche, die Christuskirche, stilllegen, weil sie einsturzgefährdet war.
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Stadtarchiv Weißenburg
 Die Weißenburger Karmeliterkirche.
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Im Dezember 2005 feierte die Kapernaumgemeinde in München ihren letzten Gottesdienst in der Golgathakirche. Ob die Kirche abgerissen wird oder sich ein Käufer findet, ist bis heute ungeklärt. Als Dritte im Bunde versucht die Münchner Kirchengemeinde Freimann, ihre Samariterkirche zu verkaufen. »Wir wollen die finanziellen Möglichkeiten, die wir haben, lieber in Arbeit mit Menschen stecken als in die Gebäude«, sagt Rainer Liepold, seit sechs Jahren Pfarrer in Freimann. »Wir wollen uns würdig und wertschätzend von diesem Gebäude verabschieden.«
Keine Zeit für Respekt
Doch mit der Entwidmung oder Umwidmung einer Kirche waren schon in der Kirchengeschichte zahlreiche Schwierigkeiten verbunden. In der Reformation übernahmen in protestantischen Gebieten meist die evangelischen Herrscher die früher römisch-katholischen Gotteshäuser. »Die Katholiken wurden da mit Gewalt herausgerissen. Da war keine Zeit mehr, an irgendeinen Ritus zu denken«, sagt Peter Poscharsky, emeritierter Professor für christliche Archäologie und Kunstgeschichte. Die Nürnberger Kirchen St. Lorenz und St. Sebaldus sind berühmte Beispiele dafür.
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 Der Münchner Kirchengeschichtler Tim Lorentzen.
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Ein »besonders kränkendes Beispiel« für die Entwidmung von Kirchen »ist im Nationalsozialismus zu finden«, sagt Tim Lorentzen vom kirchengeschichtlichen Institut der evangelischen Fakultät in München. Das NS-Regime gab mehreren Kirchen in Deutschland einen neuen religiösen Charakter. Um die Gräber deutscher Herrscher wie Heinrich der Löwe in Braunschweig und König Heinrich I. in Quedlinburg, die für die Nationalsozialisten bedeutend waren, wurden zwei Stiftskirchen zu nationalsozialistischen Weihehallen umgestaltet.
In München stand 1938 die Matthäuskirche Hitlers Straßenbau im Wege. Gegen den Protest der Gemeinde wurde die rund 100 Jahre alte Kirche abgerissen. Wo die Kirche ursprünglich stand, fahren heute Autos, Busse und Lastwagen über die Sonnenstraße.
Auch in sozialistischen Staaten waren Umwidmungen von Kirchen zu Konzertsälen, Schwimmhallen oder Museen selbstverständlich. Jedoch wurden die Gotteshäuser im Gegensatz zu der ideologischen Entwidmung während Hitlers Regime in der DDR meist materiell umgewidmet. Die Umwidmungen der Kirchen hatten dort einen »wesentlich schwächeren Charakter. Denn es ist etwas anderes, wenn man Blut und Rasse zu neuen religiösen Kategorien erhebt«, erklärt Lorentzen.
Entwidmungen sind auch in Bayern kein unbekanntes Phänomen. Ein Beispiel für die städtische Umnutzung einer ehemaligen Kirche findet sich im Kulturzentrum Karmeliterkirche in Weißenburg, das 1983 eingeweiht wurde. Auch hier standen »erhebliche Renovierungsmaßnahmen an, die die Finanzkraft der Kirche bei weitem überstiegen«, berichtet der Weißenburger Dekan Reinhard Brandt. Die Karmeliterkirche gehörte ursprünglich zu dem Ensemble eines Klosters und wurde schon im Jahr 1350 fertig gestellt. »Die Kirche wurde nie für Hauptgottesdienste genutzt«, sagt Brandt. Dafür wurden dort zum Beispiel die Konfirmanden unterrichtet. Heute finden in dem Kulturzentrum Konzerte, Theateraufführungen, Tanzveranstaltungen oder Sitzungen statt.
Orthodox statt evangelisch
Das jüngste Beispiel einer Umwidmung findet sich in Nürnberg. Aus dem ehemaligen Betsaal der evangelischen Epiphaniasgemeinde wurde dort eine rumänisch-orthodoxe Kathedrale. 1999 erwarb die rumänisch-orthodoxe Metropolie in Deutschland das Gelände. »Sie hat einen Ikonenmaler aus Rumänien kommen lassen und eine Kuppel auf das Gebäude gesetzt. Das ist jetzt eine echte Kirche«, berichtet Pfarrerin Ines Weimann über den Umbau des ehemaligen Betsaales, der zwischenzeitlich auch als Kindergarten genutzt wurde. Die rumänisch-orthodoxe Kirche ist nun Bischofssitz und wurde am 14. Mai 2006 eingeweiht.
Bei der Enwidmung evangelischer Kirchengebäude stellt sich nicht die Frage, ob dadurch ein besonders heiliger Ort aufgegeben werden muss. »Aus protestantischer Sicht ist nicht der Raum als solcher heilig«, sagt Kirchengeschichtler Lorentzen. Dabei beruft er sich auf den siebten Artikel des Augsburger Bekenntnisses. Hier gelten Kirchen in erster Linie als Versammlungsräume für die Gemeinschaft der Gläubigen, die darin unter Wort und Sakrament Gottesdienste feiern.
Vor der Entwidmung eines Gotteshauses müsse man aber Zeichengehalt und Alter der Kirche sowie die Menschen berücksichtigen, die sich durch Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder Gottesdienste mit ihr verbundenen fühlen. »Natürlich ist jede Kirche Identifikationsort der Gemeinde und jedes einzelnen Gläubigen«, so Lorentzen, »die emotionale Bindung darf nicht unterschätzt werden.« |