Ein Dekanatsbezirk als Laboratorium
Wie in Oberfranken ein neues Management für kirchliche Immobilien vorbereitet wird
Ein ganzer Dekanatsbezirk wird zum Laboratorium: Die 26 Kirchengemeinden in Bayerns nordöstlichstem evangelischen Dekanat erleben derzeit die umfangreichste Immobilien-Inventur ihrer Geschichte.
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 Ortstermin vor der Hofer Christuskirche: Kirchenvorsteher und Architekt Wolfgang Maier im Gespräch mit seinen Berufskolleginnen Gitta Herold (Mitte) und Eva Rieß vom Evangelischen Siedlungswerk aus Nürnberg.
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Dass gerade heute auf allen Etagen Handwerker unterwegs sind, ist purer Zufall. Der Hofer Christuskirchengemeinde steht ein Pfarrerwechsel bevor. Zeitungspapier schützt den Holzfußoden vor Baudreck, zum Streichen ausgehängte Fenster lehnen sauber aufgereiht an einer Wand. Der kleine Trupp, der das Haus vom Heizungskeller bis zum Dachspeicher durchstreift, weiß den Zufall freilich zu schätzen. Denn es ist schon die Ausnahme, ein Gebäude in Augenschein nehmen zu können, ohne dass Möbel, Teppiche oder Tapeten den Blick für das versperren, was den Fachleuten wichtig ist.
Die Christuskirche mit ihrem Gemeindesaal, den beiden Pfarrhäusern und dem Kindergarten ist eine von 26 Kirchengemeinden im Dekanatsbezirk Hof, die derzeit in einem so genannten Laborprojekt unter die Lupe genommen werden. Insgesamt 111 Gebäude - darunter 29 Pfarrhäuser, 27 Kirchen, 21 Gemeindehäuser, 14 Kindergärten und vier Kirchen mit integriertem Gemeindezentrum - stehen dabei auf dem Prüfstand. Für jedes Haus wird ein genauer »Steckbrief« erstellt, der von der Grundstücksgröße über die Versorgungsleitungen bis zur Wärmedämmung reicht.
Eine Checkliste mit 50 solcher Punkte müssen Eva Rieß und Gitta Herold bei jedem Ortstermin für jedes Haus abarbeiten. Sie vermessen Fenster- und Fassadenflächen, prüfen den Zustand von Dach und Heizung, notieren auch gewissenhaft, wie welche Räume von wem genutzt werden. Seit Februar sind die beiden Architektinnen vom Evangelischen Siedlungswerk in Bayern (ESW) unterwegs im Hofer Land, um im Auftrag der Landeskirche dieses erste »Immobilien-Profil« für einen bayerischen Dekanatsbezirk zu erstellen. Das erklärte Ziel: Auf der Grundlage der gesammelten Daten sollen die Kirchengemeinden in der Lage sein, die aktuelle und künftige Nutzung ihrer Gebäude besser zu planen und die Kosten dafür genauer zu kalkulieren.
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 Eva Rieß bei der Vermessung einer Hausfassade mit Hilfe eines elektronischen Laser-Messgeräts.
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Das Bewusstsein für diese Problematik ist nach Einschätzung des Hofer Dekans Günter Saalfrank nur allmählich gewachsen. »In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatte man beispielsweise bei Gemeindehausprojekten vor allem die Investition für den Bau im Blick - über die Folgekosten für Unterhalt und Renovierung machte man sich kaum Gedanken.« Eigenverantwortliches Wirtschaften sei in jener Zeit bei den Kirchengemeinden auch nicht gerade gefördert worden. Denn solange das Kirchensteueraufkommen entsprechend hoch gewesen sei, hätten die Gemeinden immer die nötigen Gelder »aus dem Füllhorn der Landeskirche« erhalten, blickt Saalfrank zurück.
Umso dankbarer ist der Dekan, dass das Projekt Immobilienmanagement bei der Pfarrerschaft und sämtlichen Kirchenvorständen in seinem Dekanatsbezirk fast buchstäblich offene Türen fand. Und das mit bemerkenswerten Zwischenresultaten. So hätten kürzlich zwei Hofer Kirchengemeinden ihren Plan eines neuen gemeinsamen Gemeindezentrums fallen gelassen und suchten nun nach »kleineren Lösungen«, berichtet Günter Saalfrank. »Da merke ich ein neues Denken.«
Eine unverzichtbare Stütze im laufenden Prozess ist das Hofer Kirchengemeindeamt, wo für die zehn Stadt- und 16 Landgemeinden die verwaltungstechnischen Fäden zusammenlaufen. Die »überdurchschnittliche« Arbeit der Verwaltung war laut Saalfrank mit ausschlaggebend, dass Hof von der Landeskirche für das Laborprojekt ausgewählt wurde. Die Hofer Geschäftsführerin Sabine Kapitän und ihre Stellvertreterin Evelyne Steifer begleiten nach Möglichkeit auch die ESW-Architektinnen bei den Ortsterminen.
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 Grundriss und Kugelschreiber: unverzichtbare »Werkzeuge« der Architektinnen bei der Häuserbegehung.
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Anders als in Nürnberg, wo sich das evangelische Dekanat für sein Immobilienmanagement einen Partner aus der freien Wirtschaft gesucht hat, bleibt das Hofer Projekt sozusagen komplett unter einem bayerischen »Kirchendach«. Das bayerische ESW kann dabei nach den Worten von Martina Söllner (Nürnberg), Koordinatorin des Laborprojekts, auf Erfahrungen in anderen evangelischen Siedlungswerken zurückgreifen, etwa in den Landeskirchen von Berlin-Brandenburg, Hannover und Schlesien-Oberlausitz. Nach Schwabach (dort war nicht der gesamte Dekanatsbezirk beteiligt) ist Hof nun das zweite Projekt mit ESW-Beteiligung; im Dekanat München werden derzeit Vorgespräche geführt.
Das renommierte Fraunhofer-Institut lieferte zudem eine für die kirchlichen Immobilien maßgeschneiderte Software, die bereits für ESW-eigene Objekte eingesetzt wird. Das Computerprogramm ermöglicht eine Auswertung von Tausenden Einzeldaten nach unterschiedlichsten kaufmännischen und technischen Vorgaben. Bei Gemeindehäusern zum Beispiel lassen sich die Betriebskosten pro Quadratmeter errechnen - und das in Zukunftsprojektionen für zehn, 20 oder 30 Jahre, unter Berücksichtigung von Variablen wie Energiekosten, Inflationsrate oder Zinssatz. »Damit haben die Gemeinden Planungssicherheit«, bekräftigt Martina Söllner.
In der zweiten Juli-Hälfte sollen bei einem Workshop die ersten Ergebnisse vorgestellt werden, im Oktober rechnet Dekan Saalfrank mit dem Abschluss des Projekts - was zugleich den Beginn der praktischen Umsetzung bedeutet. Dann werden Überlegungen konkret, ob sich das eine oder andere Gemeindehaus für »externe« Gruppen öffnet. Als Kooperationspartner kann sich Saalfrank die Volkshochschulen vorstellen, »und warum nicht auch die Weight Watchers?« - solange es mit den Grundsätzen der Gemeinde vereinbar bleibt. Der Verkauf von Kirchen soll nach seiner festen Meinung ein Tabu bleiben, doch von anderen unwirtschaftlichen Gebäuden könne sich eine Gemeinde nach genauer Prüfung durchaus trennen. »Hier darf es keine Denkverbote geben.« Ein leer stehendes Pfarrhaus im Dekanat wurde bereits veräußert.
Ein Herzensanliegen ist es Saalfrank, die Immobilienfrage nicht isoliert zu sehen, sondern in einem größeren Zusammenhang. »Und der heißt: kluge Haushalterschaft im Umgang mit Mitarbeitern, mit Finanzen, mit Gebäuden.« Die badische Landeskirche habe seit etwa zehn Jahren ihren Haushalt kontinuierlich zurückgefahren und jetzt wieder ausreichend Spielräume, um neue Akzente zu setzen. »So weit sind wir in Bayern zwar noch nicht«, meint der Hofer Dekan, »aber wir sind auf einem guten Weg.« | INTERVIEW
Der PC ersetzt keine Entscheidung
Vorsorge ist besser als Nachsorge - im Dekanat Ansbach hat sich diese Weisheit im Umgang mit Immobilien bewährt. Wilhelm Bracks ist Leiter des Kirchengemeindeamts Ansbach. Dort hilft eine umfangreiche Datensammlung beim effizienten Einsatz von Finanzen.
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 Wilhelm Bracks
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Seit wann wird in Ansbach diese Form des Immobilien- manage- ments praktiziert?
Bracks: In einer Arbeitsgruppe der Landeskirche haben wir uns schon vor zweieinhalb Jahren für ein Computerprogramm zur Liegenschaftsverwaltung entschieden. Damit haben wir eine umfassende Dokumentation der Gebäude und Grundstücke einer Kirchengemeinde. Mit diesen Daten kann ich den Kirchengemeinden sagen: »Eure Gebäude befinden sich in diesem bei uns erfassten Zustand.« Um auf dem aktuellen Stand zu bleiben, machen wir Baubegehungen und versuchen, die Schäden so schnell wie möglich zu beheben. Wir dürfen nicht so lange warten, bis eine generelle Bausanierung ansteht.
Was sind die Grenzen dieser Erfassung?
Bracks: Das Programm nimmt den Gemeinden nicht die Entscheidung ab, welche Immobilien (Kindergarten, Gemeindehaus, Pfarrhaus) gehalten werden können. Es kommt auf sehr viele Gespräche, auch mit benachbarten Kirchengemeinden, an.
Wie kann die Kirche trotz finanzieller Engpässe ihre Immobilien bewahren?
Bracks: Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken und ständig klagen. Wir sollten mit Hoffnung in die Zukunft blicken. Den Gemeindegliedern muss klar gemacht werden, dass sie mit dem Kirchgeld ihre Kirchengemeinde direkt vor Ort unterstützen können. Je spezieller wir sie ansprechen, desto mehr kann man bewirken und selbst kreativ werden.
Interview: Christian Probst
Alle Folgen der Serie » Kirchen + Räume und weitere Informationen finden Sie » hier...
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