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Dieser Artikel: Ausgabe 24/2006 vom 11.06.2006
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Erfahrungen des Andersseins

Der als »Halbjude« verfolgte Münchner Pfarrer Walter Joelsen wird am 15. Juni 80 Jahre alt


Möglicherweise wäre Walter Joelsen Musiker geworden oder Schauspieler, vielleicht auch Beamter oder Kleinunternehmer. Ganz sicher wäre sein Leben anders verlaufen, wenn er nicht im Juni 1926, sondern - sagen wir mal: 1946 zur Welt gekommen wäre. So aber studierte er ab dem Wintersemester 1946/47 Evangelische Theologie in Erlangen und wurde Pfarrer - eine Entscheidung, geprägt von den Erfahrungen einer Jugend unterm Hakenkreuz.

Walter Joelsen.
Foto: Topp
   Walter Joelsen.

Dabei hatten seine Eltern versucht, ihr einziges Kind nach der faschistischen Machtergreifung fern zu halten von der »großen Politik« und deren Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Die Grenzen dieser elterlichen Fürsorge bekam der damalige Viertklässler aber bereits 1935 zum ersten Mal mit voller Wucht zu spüren. »Joelsen 1/2 Jude« las er auf einem Zettel, der auf dem Pult des Lehrers lag. Ein Schock für den Neunjährigen. Er sollte zu einer Gruppe gehören, die er gar nicht kannte, und das, obwohl er evangelisch getauft war. Gleichzeitig wurde ihm von einem SA-uniformierten Lehrer klar gemacht, dass er anders sei als all die anderen Mitschüler, und nur dazugehören könne, wenn er sich ganz besonders bewähre.

»Joelsen 1/2 Jude«

Wie geht ein Kind um mit solch einer Erfahrung? »Ich habe damals zu Hause nichts davon erzählt«, erinnert sich Walter Joelsen, »und außerdem habe ich mir gedacht: Wenn man nicht darüber redet, passiert auch nichts.« Aber spätestens seit den Nürnberger Rassegesetzen vom 15. September 1935 war er stigmatisiert, zunächst nur für die Behörden, nach und nach auch bei seinen Spielkameraden und deren Eltern: »Immer mehr Freunde haben sich abgewendet. Ich durfte nicht mehr mitmachen beim Fußball auf der Wiese vor unserem Haus. Bei zufälligen Begegnungen haben sie die Straßenseite gewechselt.«

Heimat findet er einzig in der evangelischen Gemeinde: »Dort traf ich auf Menschen, die mich nicht haben spüren lassen, dass ich anders bin.« Bibelworte wie zum Beispiel seinen Konfirmationsspruch »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; mein bist du!« (Jes. 43,1) habe er sehr persönlich und nah empfunden.

1943 schloss man ihn von jeglichem Schulbesuch aus. Damals stellt ihn das Münchner Kirchengemeindeamt als hauptamtlichen Hilfsjugendwart für mehrere Gemeinden an, später auch noch als Hilfskirchner an der Christuskirche. Im Oktober 1944 wird Walter Joelsen nach Thüringen in ein Lager der Gestapo deportiert. Zusammen mit Zwangsarbeitern aus ganz Europa muss der 18-Jährige Bergwerksstollen zu Rüstungsfabriken ausbauen. Hier verfestigt sich sein Wunsch, Theologie zu studieren - für den Fall, dass er die faschistische Vernichtungsmaschinerie überlebt.

Er überlebt und erlebt dabei das Kriegsende im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen als Befreiung, als eine Art Neugeburt. Doch er muss feststellen, dass er wirklich anders ist als die meisten Gleichaltrigen. Als er in einem halbjährigen »Sonderkurs für Kriegsteilnehmer« sein Abitur nachholt, ist er umgeben von ehemaligen Wehrmachtssoldaten. Es war eine Zeit, so erzählt er heute, in der er oft daran gedacht habe, sich das Leben zu nehmen.

Was hat ihn damals am Leben gehalten? Es war wohl die kirchliche Jugendarbeit. Unter anderem gründete er 1945 mit Freunden den ersten evangelischen Jugendchor in München. Die bayerische Landeskirche blieb seine Heimat auch nach dem Ende der faschistischen Gewaltherrschaft - eine Heimat, in der es sich nicht immer einfach leben ließ: »Ich hätte damals eine klarere antifaschistische Einstellung von der Kirchenleitung erwartet. Die Auseinandersetzungen um Martin Niemöller zum Beispiel und auch die Haltung von Landesbischof Meiser bedrückten mich so sehr, dass ich glaubte, in dieser Kirche kein Pfarrer sein zu können.«

Freundlich und hartnäckig

Zum Glück für diese Kirche machte Walter Joelsen weiter. Im November 1951 wurde er Vikar in Oberaudorf-Kiefersfelden, später Religionslehrer in Lindau. Ab Mitte der 60er-Jahre arbeitete er als Studentenpfarrer in München und wechselte 1969 als Redakteur zur EIKON, einer evangelischen Film- und Fernsehproduktionsfirma, bei der er arbeitete, bis er 1990 in den Ruhestand ging.

Am 15. Juni feiert Walter Joelsen seinen 80. Geburtstag, und in gewisser Weise ist er der Jugendarbeit bis heute treu geblieben. Als »Zeitzeuge« erzählt er vor allem jungen Menschen von seinem Schicksal. Freundlich und verbindlich im Ton setzt er sich auch mit denen auseinander, deren Positionen er nicht teilt. Dass Joelsen dabei recht hartnäckig sein kann, bekommt selbst die Kirchenleitung bis heute immer wieder zu spüren, wenn dieser seine Kirche zu kleingläubig, mutlos oder zu opportunistisch findet.

Würde er heute noch einmal Pfarrer werden? »Wahrscheinlich nicht«, antwortet er. Aber ganz ehrlich: Als Kleinunternehmer oder Beamten kann man sich Walter Joelsen nicht wirklich vorstellen.

ZUR PERSON

Die Familie Joelsohn / Joelsen

  WALTER JOELSENS GROßVATER Moritz Joelsohn (1865-1929) war Viehhändler in Gunzenhausen. Sein Sohn Ludwig (1894-1967) ließ sich 1921 in München evangelisch taufen und änderte seinen Namen in Joelsen.

  NACH DEN NOVEMBERPOGROMEN 1938 entließ ihn die Schweizer Versicherung, bei der er gearbeitet hatte, fristlos mit der Begründung, er habe verschwiegen, dass er Jude sei. Als Zwangsarbeiter musste er später Münchner Straßenbahnen putzen.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Christian Topp

 


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abgerufen 09.02.2012 - 02:15 Uhr

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