Die ewige Baustelle
Über die Nöte, ein Bauwerk wie die Nürnberger Sebalduskirche unbeschadet zu erhalten
»In den erhabenen Hallen der alten herrlichen Kirche St. Sebald wurden wir wirklich erbaut.« Jenes Gefühl, das Joseph Freiherr von Eichendorff anno 1807 bei einer Nürnberg-Visite in sein Tagebuch notierte, ist den allermeisten Besuchern dieses Gotteshauses nur zu vertraut. Vielleicht würden sie es weniger romantisch formulieren: Ruhe finden, Gott näher sein, Geschichte atmen, staunen. Doch das erhabene Gefühl hat einen hohen Preis.
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 Das Staunen geht ihr nicht verloren: Alexandra Fritsch, seit 13 Jahren Baumeisterin der Nürnberger Sebalduskirche, hier vor der Brüstung des Engelschores.
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Wie nur noch ihre Zwillingsschwester auf der anderen Pegnitz-Seite symbolisiert die Nürnberger Sebalduskirche den Anteil des evangelischen Bayerns am deutschen Kulturerbe. Das Sebaldusgrab aus der Werkstatt Peter Vischers bestaunen Jahr für Jahr Hunderttausende aus aller Welt. »Und diese Kirche stiftet Identität für die ganze Stadt«, sagt Pfarrer Gerhard Schorr. Bei Kirchen wie dieser wird nicht drüber gestritten, ob man sie erhalten kann oder wie viel das eventuell kosten darf in Zeiten klammer Kassen. Man möchte sagen: »Geht nicht, gibt's nicht.« Geld spielt keine Rolle. Aber so einfach ist die Sache natürlich nicht, leider.
Die Sebalduskirche ist, bautechnisch besehen, ein wenig wie ihre beeindruckendste Plastik, der spätmittelalterliche Fürst an der Marienpforte an der Nordseite: Die Schauseite strahlt, beeindruckt, protzt. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass an der Rückseite des Fürsten schon beständig die Würmer nagen. Er ist dem Verfall viel näher, als es den Anschein hat.
Genau hinsehen, das ist in St. Sebald der Job von Alexandra Fritsch. Die Nürnberger Architektin ist seit 13 Jahren Baumeisterin der beiden Bürgerdome in der Altstadt. Was der unbekannte Meister der Marienpforte moralisch-allegorisch meinte, ist ihr täglich Brot: An den gotischen Himmelsburgen nagt der Zahn der Zeit, es rächen sich Baufehler mit jahrhundertelanger Verspätung, die schweren Kriegsschäden haben das statische Gefüge durcheinander gebracht. Man merkt es aber oft lange nicht - bis plötzlich die faustgroßen Steine auf den Sebalder Platz fliegen.
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 Die Nürnberger Sebalduskirche gehört zu den größten und kostbarsten Kirchenjuwelen Bayerns. Die Sanierung von Türmen und Fassaden oder auch von Detailkunstwerken verschlingt Jahr für Jahr rund 350.000 Euro.
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Es wird nie der Zeitpunkt kommen, an dem Alexandra Fritsch die Baupläne beiseite stellt und im Bewusstsein heimgeht, erst mal alles Nötige erledigt zu haben. St. Sebald ist eine ewige Baustelle. »Eine Kirche wie diese kommt nie zur Ruhe«, sagt sie, und zwar ganz ohne Resignation. Der Westchor, noch romanisch, wurde 1274 geweiht, ein Turmpaar folgte, die Seitenschiffe wurden erweitert, die Türme erhöht, Ende des 14. Jahrhunderts kam ein gotischer Ostchor dazu. Alles passte irgendwie zusammen, und dann eben doch wieder nicht. Die stolzen Bauten der Vorfahren sind, statisch gesehen, oftmals reinstes Stückwerk. Das Gewölbe muss auf einmal mehr Lasten tragen als ursprünglich gedacht, die Türme sind plötzlich höher als vorgesehen. Der Versuch eines Nürnberger Pressefotografen, vor Jahren vom Sebalder Nordturm aus das Silvesterfeuerwerk zu fotografieren, ging gründlich daneben - die Bilder waren verwackelt, weil der Turm so stark schwankte. Im vergangenen Jahr musste für sechs Wochen das Glockenläuten verboten werden, bis zusätzliche Beton- und Eisenanker das Gebäude zusätzlich stabilisiert hatten.
Besonders augenfällig wird der Zwang zur Dauerimprovisation im Dachstuhl, einem beeindruckenden Konstrukt von kathedralartiger Atmosphäre, das mit einer Höhe von 21 Metern genauso hoch ist wie das Gewölbe des Langhauses. Scheinbar kreuz und quer verlaufen die Balken, ein paar Eisenstangen dazwischen, hier eine Verschachtelung, dort eine zusätzliche Stütze.
Mit den Normen aus dem Lehrbuch ist der Architektin hier nicht geholfen, und das gilt auch für die Restaurierungen der Plastiken, der Altäre, der Glasfenster. Ein ganzer Stab von Fachleuten berät die Baumeisterin, Fachleute, die auf dem neuesten Stand der Entwicklung sind.
Jeder gibt sein Scherflein
Die alten Meister werden mit modernster Hochtechnologie saniert, jede Arbeit wird dokumentiert, damit spätere Generationen genau wissen, wer was zu welcher Zeit an der Kirche gearbeitet hat. Die Sanierung des verwitterten »Weltgerichtsportals« über dem Südwesteingang sponsert, zum Beispiel, die »Deutsche Bundesstiftung Umwelt«. Binnen zweier Jahre soll hier eine ganz neuartige Restaurierungstechnik entwickelt werden.
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 Baumeisterin Alexandra Fritsch und Pfarrer Gerhard Schorr vor dem Sebalder Weltgerichtsportal.
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Womit wir nun doch beim Geld wären. Der bloße Bauunterhalt verschlingt pro Jahr gewaltige 350000 Euro. Die Ostchorarbeiten für rund eine Million sind gerade abgeschlossen; nun geht's weiter mit dem Weltgerichtsportal zu 160000 und den Glasmalereien zu 30000 Euro pro Glas.
Und doch ist die Sanierung der Sebalduskirche unterm Strich eine leichtere Aufgabe als die Bewahrung einer kleinen Dorfkirche. Denn hier geben alle ihr Scherflein: die Stadt, der Staat, die Gäste, die Sparkasse, die eigene Bauhütte, sogar die Landeskirche aus ihrem kargen Bauunterhalt.
Am Ende des Rundgangs steht die Baumeisterin auf dem abgelegenen Engelschor auf der Westseite. Nach unten öffnet sich der gewaltige Kirchenraum, das Gewölbe ist schier mit den Händen zu greifen. »Hier kommt man zu sich selber«, sagt Alexandra Fritsch. Da ist er, Eichendorffs Moment der Sebalder Erhabenheit: »Da schaut man nicht mehr auf die Baufehler.« |
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